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Brasilianischer Fußball : Gelähmt, beraubt und korrupt

  • -Aktualisiert am

Einschneidendes Ereignis: Seit der WM vor einem Jahr ist der brasilianische Fußball in einem denkwürdig schlechten Zustand. Bild: Reuters

Ausverkauf von Talenten, ein Verbandsboss im Gefängnis und eine abermals blamierte Nationalmannschaft: Ein Jahr nach der WM im eigenen Land gibt der brasilianische Fußball ein trostloses Bild ab.

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          Jetzt kommt also auch noch Ronaldinho: Inzwischen 35 Jahre alt ist das ehemals berühmteste Zirkuspferd des brasilianischen Fußball-Unterhaltungsbetriebs. Nach einem durchwachsenen Jahr beim Querétaro Fútbol Club in Mexiko wird der ehemalige „Weltfußballer“ nun bei Fluminense Rio de Janeiro an der Seite von Fred stürmen, dem bald 32 Jahre alten Sündenbock des brasilianischen WM-Debakels.

          Seit ein paar Tagen ist auch Paolo Guerrero, der peruanische Torjäger, in Rio de Janeiro angekommen. Er spielt im zarten Fußballalter von 31 Jahren für Flamengo aus Rio de Janeiro und traf gleich in seinem ersten Spiel – elf Minuten nach dem Anpfiff, nur fünf Tage nach dem Spiel um Platz drei bei der Copa América. Der Peruaner kam von den Corinthians aus São Paulo, sein Wechsel gilt als der Königstransfer der Serie A in Brasilien.

          Vier der letzten sechs Pflichtspiele verloren

          Zugegeben: Guerrero gehört zu den Top-Stürmern Südamerikas, doch der ganz große Name, den Glamour bringt auch der ehemalige Bayern- und HSV-Profi nicht in den brasilianischen Fußball. Ein Jahr nach dem verheerenden 1:7 gegen Deutschland im Halbfinale und dem 0:3 im Spiel um Platz drei gegen Holland steht die Lieblingssportart im Land des fünfmaligen Weltmeisters vielleicht so schlecht da wie noch nie zuvor in seiner ruhmreichen Geschichte.

          Von den vergangenen sechs Pflichtspielen verlor Brasilien vier: gegen Deutschland und Holland bei der WM, bei der Copa América in der Vorrunde gegen Kolumbien und im Viertelfinale in der Elfmeterlotterie gegen Paraguay. Bleiben zwei 2:1-Zittersiege gegen Peru und Venezuela. Die einstige Supermacht des Weltfußballs ist auf dem Weg zu einem Punktelieferanten. Für die Teilnahme am Confed-Cup 2017 in Russland reicht es nicht mehr für den Gewinner der letzten drei Turniere.

          Im Visier des FBI: Ein Zeitungsausschnitt zeigt Verbandsboss José Maria Marin, der in die Korruption bei der Fifa verstrickt sein soll.

          Von der Armada der brasilianischen Klubs in der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League, hat es nur Internacional aus Porto Alegre ins Halbfinale geschafft, das diese Woche ausgespielt wird. Die Stars im Team sind unter anderem der frühere Leverkusener Juan (36), der ehemalige Wolfsburger Andrés D’Alessandro (34/Argentinien) und der vielleicht Bald-Leverkusener Charles Aránguiz (Chile), dazu kommt noch der junge Abwehrspieler Gefferson (21), der zwar zum brasilianischen Aufgebot bei der Copa América gehörte, aber keine Minute spielte, weil Trainer Dunga lieber auf die Altstars setzte.

          Corinthians, São Paulo, Atlético Mineiro, Cruzeiro allesamt zur Crème de la Crème des brasilianischen Vereinsfußballs zählend, haben sich bereits frühzeitig verabschiedet. Die schöne neue und teure Stadionwelt, welche die WM 2014 dem Land beschert hat, ist das Einzige, was derzeit glänzt im brasilianischen Fußball. Allerdings sind die Arenen meist nicht einmal halbvoll: Die hohen Ticketpreise, die Gewalt schrecken ab – und im Fernsehen gibt es Neymar mit dem FC Barcelona zu sehen, der einzigen Lichtgestalt im Dunkel der Realität.

          Wenn Industrienationen oder weltumspannende Branchen in einer tiefen Krise stecken, dann spricht der Beobachter gerne von einem notwendigen Strukturwandel, um wieder an bessere Zeiten anzuknüpfen. Genau das wäre auch im brasilianischen Verband (CBF) notwendig, doch dessen graue Eminenz, José Maria Marin, sitzt seit einem Monat in Zürich in Haft. Solange seine Rolle im Bestechungsskandal rund um den südamerikanischen Kontinentalverband (Conmebol) nicht geklärt ist, wirkt der CBF wie gelähmt. Eingemischt in die Diskussion haben sich in Brasilien in den zurückliegenden zwölf Monaten viele: Staatspräsidentin Dilma Rousseff traf sich mit den Klubvertretern, um über eine Reform zu sprechen. Der frühere Weltmeister Romário, ein Meister der verbalen Provokation, glänzt mit öffentlichen Abrechnungen, ein Konzept, wie es besser geht, verrät der inzwischen als Politiker tätige frühere Torjäger allerdings auch nicht.

          Reforminteresse nicht vorhanden

          Im CBF ist Sportdirektor Gilmar Rinaldi der neue starke Mann neben Trainer Dunga. Beide haben in der Öffentlichkeit den Makel, dass sie noch von Marin installiert worden sind. Darüber hinaus fehlt es im brasilianischen Fußball an einem wirklichen Interesse an durchgreifenden Reformen. Die Macht haben die Spielerberater, die jedes Jahr Hunderte von Profis ins Auslands transferieren: von Singapur bis Schaffhausen. Längst ist der brasilianische Fußball zu einem Verschiebebahnhof geworden: Luxusware, Sonderangebote und Ramschware müssen verkauft werden. Einer gewinnt immer: der Berater.

          Auf der Strecke bleibt eine nachhaltige Entwicklung der jungen Talente. Jahrzehntelang ist das gutgegangen, bis die Ausländerbeschränkungen in den internationalen Ligen fielen und der Raubbau am brasilianischen Fußball begann. So wie der brasilianische Regenwald von skrupellosen Geschäftemachern niedergesägt wird, bis die grüne Lunge dieses Planeten irgendwann einmal erstickt, so brandroden die Spielervermittler den Markt, immer auf der Suche nach dem schnellen Gewinn und nicht nach der bestmöglichen Talententwicklung.

          Das Zirkuspferd kehrt zurück: Ronaldinho wechselt wieder zurück nach Brasilien. Hier ist er im Trikot seines vormaligen Klubs Queretaro zu sehen.

          Mit dem Exodus begann auch die Nationalmannschaft ihre Seele zu verlieren. Der ehemalige WM-Coach Carlos Alberto Parreira, bei der WM 2014 Sportdirektor der Seleção, hatte es kommen sehen. Mit der jahrelangen Präsenz in den ausländischen Ligen würden die brasilianischen Nationalspieler ihre fußballerische Identität verlieren, prophezeite er. Staat „Jogo bonito“ eben europäische Handwerkskunst. Diese Identität zurückzugewinnen kann laut Parreira nur auf einem Weg gelingen: „Wir müssen unsere Klubs, unsere Liga wieder stärker machen. Sie ist das Rückgrat unser Nationalmannschaft.“ Ob die CBF-Funktionäre und die noch wichtigeren Vereinsbosse ihn hören, ist eher zweifelhaft.

          Schon in zwölf Monaten droht die nächste schwere Herausforderung: Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro soll die brasilianische Olympiaauswahl Gold gewinnen. Alles andere wäre wieder eine Enttäuschung. Und davon gab es in Brasilien in den vergangenen zehn Jahren mehr als herausragende Weltklassespieler.

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