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Seleção und Copa América : Die Stimme des Volkes

  • -Aktualisiert am

Zwei Säulen Brasilien, Glaube und Fußball: das Maracana-Stadion hinter der Christus-Erlöser-Statue Bild: dpa

Wird Brasiliens Nationalmannschaft wegen der Pandemie die Copa América im eigenen Land boykottieren? Kapitän Casemiro kündigt eine Ansage für die Nacht zum Mittwoch an.

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          Beim 2:0-Sieg gegen Ecuador in der südamerikanischen WM-Qualifikationsrunde „Eliminatorias“ hatte die brasilianische Seleção nur eine Botschaft zu vermitteln: Geschlossenheit. Die Tore von Richarlison (65.) und Neymar (94.) feierte das Team demonstrativ gemeinsam mit Nationaltrainer Tite. Der hatte vor zwei Jahren den größten Erfolg seit seinem Amtsantritt mit dem Triumph bei der Copa América im eigenen Land gefeiert.

          Nun könnte die Copa América wieder zu einem Meilenstein in der Karriere Tites werden, denn es mehren sich die Anzeichen eines gemeinsamen Aufstandes der Nationalmannschaft und des Trainers gegen eine Teilnahme an der nach Absagen der Ko-Gastgeber Argentinien und Kolumbien kurzfristig ins Virusvariantengebiet Brasilien verlegten Südamerika-Meisterschaft. Bis zum Spiel in der Nacht zum Mittwoch deutscher Zeit will die Seleção noch stillhalten. „Wir wollen unsere Meinung nach dem Spiel gegen Paraguay äußern. Nicht nur ich, nicht nur die Spieler, die in Europa spielen. Es sind alle, einschließlich Trainer Tite. Alle zusammen“, sagte Kapitän Casemiro von Real Madrid nach dem Ecuador-Spiel.

          Zuvor war er der obligatorischen Pressekonferenz vor dem Spiel ferngeblieben, um sich nicht äußern zu müssen. Bei einem weiteren Sieg in Asunción hätte Brasilien die Maximalausbeute von 18 Punkten aus sechs Spielen erreicht, Tite und Team hätten ihre Hausaufgaben gemacht und wären sportlich unangreifbar.

          Kapitän Casemiro, Kämpfer für Brasilien: „Wir wollen unsere Meinung nach dem Spiel gegen Paraguay äußern“.
          Kapitän Casemiro, Kämpfer für Brasilien: „Wir wollen unsere Meinung nach dem Spiel gegen Paraguay äußern“. : Bild: EPA

          Inzwischen dringt mehr und mehr nach außen, dass es einen tiefen Riss gibt zwischen Spielern und Trainer auf der einen Seite und dem brasilianischen Fußballverband (CBF) auf der anderen Seite. Vor allem CBF-Präsident Rogerio Caboclo trifft der Zorn der Spieler, die angesichts der Corona-Pandemie ein solches Turnier zum jetzigen Zeitpunkt in Brasilien für ein falsches Signal halten.

          Er hatte gemeinsam mit Brasiliens rechtspopulistischem Präsidenten Jair Bolsonaro und dem südamerikanischen Verband CONMEBOL die Copa kurzfristig ins Land geholt. CBF und CONMEBOL wehren sich gegen den Vorwurf, die Entscheidung diene nur dazu, die Fernsehgelder für die Übertragungsrechte zu sichern.

          Doch es gibt derzeit ohnehin keine Argumente, die das Turnier zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt rechtfertigen, da in Brasilien weiter täglich mehr als 60.000 Neuinfektionen und fast 2000 Tote zu verzeichnen sind. Was allerdings passieren würde, wenn die komplette Seleção nach dem Paraguay-Spiel einen Copa-Boykott verkünden und dem Turnier tatsächlich fernbleiben würde, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das wäre ein Präzedenzfall.

          Die Äußerung politischer Standpunkte hat im brasilianischen Fußball eine lange Tradition. Während der rechten Militärdiktatur stellten sich die Corinthians aus São Paulo um Socrates symbolisch gegen die Generäle und setzten im eigenen Verein basisdemokratische Grundsätze durch. Und am Rande des Confed Cups 2013 zeigte sich die Seleção solidarisch mit den Protesten gegen die Milliardenausgaben der damaligen Linksregierung für die Stadien für die Weltmeisterschaft 2014 statt für Bildung und Gesundheitswesen. „Die Nationalmannschaft gehört dem Volk, wir sind das Volk“, sagte der damalige Trainer Scolari. Das hat sich nicht geändert.

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