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Boxing Day : Der Weihnachtssegen

Hand aufs Herz: Weihnachtsfußball ist für Trainer Klopp eine neue Erfahrung Bild: dpa

Fußball an den stillen Tagen? In Deutschland ist das (noch) eine verstörende Idee. In England gehören die Spiele zum Fest wie der gefüllte Truthahn und der flambierte Plumpudding: und zwar rund um die Uhr am „Boxing Day“.

          Vor zwei Jahren gab Jürgen Klopp ein Weihnachtsinterview. Er schwärmte von dieser „ruhigsten Zeit im Jahr“: „Es ist schön, dass dann die ganze Welt stillsteht - selbst im Fußball. Man kann komplett loslassen. Für mich als Trainer und Mensch ganz großartig.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Mit dem Stillstehen der Zeit ist das nun erst mal vorbei für Klopp. Im Gegenteil: Es beginnt in seinem neuen Job die unruhigste Zeit des Jahres. In ihr scheint die Zeit nur so zu rennen: englische Fußballweihnachten. Sein deutscher Mittelfeldspieler Emre Can kennt den hektischen Rhythmus der stillen Tage schon seit dem Vorjahr, als er von Bayern München zum FC Liverpool wechselte. „Immer spielen“ beschreibt Can das. „An Weihnachten, Silvester, Neujahr, dann Arsenal, dann ManUnited.“ Von diesem Samstag an, wenn Klopps Team auf den Tabellenführer Leicester City trifft, stehen bis Ende Januar, während in Deutschland Pause ist, mindestens neun Spiele an.

          Fußball an Weihnachten? Aus deutscher Sicht eine verstörende Idee. Aus englischer Sicht eine verzaubernde. Fußball gehört zum englischen Weihnachtsfest wie der gefüllte Truthahn, der flambierte Plumpudding und die Ansprache der Queen. Bis vor fünfzig Jahren wurde sogar am Ersten Weihnachtstag, dem „Christmas Day“, fleißig gespielt. Seitdem ist der „Boxing Day“, wie der Zweite Weihnachtstag in England heißt, weil man an ihm früher „Boxes“, Fresspakete, an Bedürftige verteilte, der prallste Fußballtag des ganzen Jahres - und der lukrativste. Allein die fünf höchsten englischen Ligen bestreiten auch an diesem Samstag komplette Spieltage, sechzig Partien insgesamt. Die Besucherzahlen und Einschaltquoten werden wieder prächtig sein. Fast alle haben Zeit an Weihnachten. Und viele haben Langeweile.

          Alte Helden: Das Team von Preston North End bestritt 1889 das erste Weihnachtsspiel der Football League

          Als die Premier League im Februar einen gigantischen TV-Deal abschloss, alarmierte das die Bundesliga. Christian Seifert, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), reagierte mit der Forderung „unpopulärer Maßnahmen“. So soll der Montag als zusätzlicher Anstoßtermin bereits übernächste Saison hinzukommen. Die Idee aber, am Zweiten Weihnachtstag zu spielen, also die Winterpause um eine Woche zu verschieben, wagt bisher niemand voranzutreiben. Alarmglocken im deutschen Fußball, ja, Weihnachtsglocken, nein.

          Warum eigentlich nicht? Ein Blick in die Geschichte dieser mehr als 125-jährigen viktorianischen Tradition, die der Autor Paul Brown in der Zeitschrift „FourFourTwo“ beschrieben hat, zeigt, wie viel Spannendes man alles so erleben kann, wenn an den Feiertagen der Ball übers Grün (oder Weiß) rollt - und nicht nur die Kugel in der Körpermitte wächst.

          Bis die Bundesliga 1963 gegründet wurde, hatte der englische Weihnachtsfußball schon 75 Jahre lang die Massen bewegt. 1888 spielte der FC Everton gleich drei Spiele an Weihnachten: Am Weihnachtsmorgen ein Pokalspiel gegen Blackburn Park Road (3:2), am Nachmittag ein Show-Match gegen Ulster FC (3:0), vor der damals großen Menge von 2000 Zuschauern, und einen Tag später, im Hagelschauer, ein 0:0 gegen Bootle. Das Angebot kam an, und so gab es ein Jahr später das erste Weihnachtsspiel der Football League, der höchsten Liga. Meister Preston North End besiegte Aston Villa vor 9000 Zuschauern 3:0. Einen Hattrick erzielte der frühere Dackdecker Nick Ross, der Gegenspieler gern mit einem pfeifenden Grinsen durch seine verfaulten Schneidezähne erschreckte.

          Exzesse mit und ohne Kostüm

          Mit übertriebener weihnachtlicher Sanftmut war es auch sonst oft nicht weit her. Als die Blackburn Rovers im Derby gegen Darwen an Weihnachten 1890 ein Reserveteam aufboten, um die besten Spieler für das Spiel gegen Wolverhampton am Tag darauf zu schonen, reagierte der beleidigte Gegner, indem er seinerseits nur die Reserve aufstellte. Das wiederum brachte Tausende erboste Zuschauer auf die Barrikaden, wie die „Birmingham Daily Post“ schilderte: „Die Menge stürmte das Feld, zertrümmerte die Torpfosten, beschädigte die Tribünen. Das Spiel fand nicht statt.“ Frohe Weihnachten.

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