https://www.faz.net/-gtl-9clio

Boxer Ünsal Arik über Özil : „Eine dümmere Aussage habe ich noch nicht gehört“

Lothar Matthäus hat sich als Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft in Russland mit Wladimir Putin fotografieren lassen. Obwohl auch das kein lupenreiner Demokrat ist, war der Aufschrei in Deutschland nicht vergleichbar. Wird bei Deutsch-Türken mit anderem Maß gemessen, wie Özil sagt?

Matthäus hat Mist gebaut. Aber es muss doch jeder kapieren, dass das mit Erdogan etwas anders ist: In Deutschland leben mehr als eine Million türkische Wähler und es hat direkte Auswirkungen auf das Leben der Menschen in der Türkei, wenn ein deutscher Nationalspieler Erdogan im Wahlkampf unterstützt. Da muss viel genauer drauf geschaut werden. Özil kapiert immer noch nicht, was er getan hat. Er hat einem Menschen im Wahlkampf geholfen, dem Blut an der Hand klebt. In jedem anderen Land hätte es daraufhin so eine Aufregung gegeben wie in Deutschland. Und das zurecht.

Was glauben Sie, warum sich Özil immer wieder mit Erdogan trifft?

Viele Sportler machen das und der Grund ist fast immer derselbe: Weil sie Geschäfte in der Türkei machen. Erdogan kann einem da viele Türen öffnen. Der Fußballer Arda Turan hat bei Barcelona gespielt, sich öffentlich für Erdogan ausgesprochen und kurz darauf ein Hotel in der Türkei eröffnet. Später war Erdogan sein Trauzeuge. Der Basketballer Hedo Türkoğlu wurde in Amerika wegen Dopings gesperrt, hat später Erdogan unterstützt und ist heute Präsident des türkischen Basketballverbandes. Özils Berater haben jetzt wohl eingesehen, dass er bei den Sponsoren in Deutschland keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt. Also orientieren sie sich in Richtung Türkei. Das hat gut geklappt, wie die Reaktionen aus der Türkei heute zeigen. Da geht es nur ums Geld.

Also ist Özil kein eingefleischter Erdogan-Anhänger?

In der Türkei ist die Situation so: 20 Prozent sind echte Unterstützer von Erdogan. 30 Prozent gehen mit, weil sie sonst finanziell ruiniert sind. Die müssen so tun, als würden sie Erdogan unterstützen, weil sie weiter Geld verdienen wollen.

Was bedeutet der Streit zwischen Özil und dem DFB für junge deutsch-türkische Sportler?

Für viele Kinder ist Özil ein Riesenvorbild. Sie wollen so sein wie er. Es ist ein großes Problem, dass er sie auf den falschen Weg führt. Außerdem wird er viele Erdogan-Anhänger in dem bestärken, was sie denken. Die deutsch-türkische Freundschaft wird noch mehr zerbröckeln.

Aber daran ist doch nicht nur Özil schuld. Der DFB hat ihn nicht gegen die übelste rassistische Hetze verteidigt, der er nach dem WM-Aus der Mannschaft ausgesetzt war. Stattdessen haben führende Funktionäre ihn noch öffentlich kritisiert. Ein zentraler Satz in Özils Statement war deswegen, dass er „Deutscher ist, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren“. Stimmt das nicht?

Doch, da muss ich ihm recht geben. Jeder Fußballer mit Migrationshintergrund wird als Deutscher angesehen, sobald er für die Nationalmannschaft spielt. Die anderen sind weiter Ausländer. Aber Özil war damit immer zufrieden, solange er erfolgreich war und als Weltmeister gefeiert wurde. Dieses Problem hätte er viel früher ansprechen können und nicht erst, sobald er persönlich ein Problem hat. Der DFB hat den richtigen Zeitpunkt verpasst, Özil für sein Verhalten zu sanktionieren. Beide, übrigens auch Gündogan, hätten nicht für die WM nominiert werden dürfen, es sei denn, sie hätten sich für dieses Foto öffentlich entschuldigt und nicht nur – wie im Fall Gündogan – erklärt. Emre Can war doch auch zu diesem Treffen eingeladen. Und er hat konsequenterweise abgesagt.

Zur Person

Der deutsch-türkische Boxer Ünsal Arik wurde 1980 in Parsberg in der Oberpfalz als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren. 2012 wurde er als Boxer bekannt, nachdem er einen Kampf um die IBF-Europameisterschaft gewonnen hatte. 2013 wurde er „International Champion“ und „Intercontinental Champion“ des Großverbandes und 2015 abermals IBF-Europameister im Leichtmittelgewicht. 2016 gewann Arik einen WM-Kampf der beiden Kleinverbände GBU und WBU in Hamburg. Danach posierte er mit einem Anti-Erdogan-T-Shirt im Ring, wofür er massiv angefeindet wurde. In diesem Mai wurde Arik UBF-Europameister in Augsburg.

Weitere Themen

Topmeldungen

Eine Frau mit einer Packung Eier – im Hintergrund das Kapitol in Havanna

Corona-Krise auf Kuba : Schlimmer als die Pandemie

In Kuba setzt die Regierung strenge Maßnahmen gegen Corona ein. Noch härter als die Pandemie trifft die Menschen jedoch die Lebensmittelkrise. Das Land schlittert in eine immer schwierigere Situation.
Wahlkämpferisch: Donald und Melania Trump am Freitag bei einer Veranstaltung in Tampa, Florida.

Wahl in Amerika : Gespaltene Staaten

Aus dem zivilisierten Wettstreit um die politische Macht zwischen Rot und Blau ist in den Vereinigten Staaten ein radikaler Kampf um alles oder nichts geworden; das liegt nicht nur an Donald Trump. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.