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Bosnien-Hercegovina : Sehnsucht nach Südafrika

  • -Aktualisiert am

Neuer Geist für Bosnien: Miroslav Blasevic Bild: AP

Bosnien-Hercegovina kann sich mit einem Sieg in Estland für die WM-Relegation qualifizieren. Die Mannschaft von Trainer Blazevic würde damit nicht nur sich, sondern den ganzen Land den größten Erfolg seit Kriegsende 1995 bescheren.

          Als die bosnische Fußball-Nationalmannschaft das letzte Mal auf die Teilnahme an einem großen Turnier hoffen konnte, war von der heutigen Elf kaum jemand dabei. 1:1 endete das Europameisterschafts-Qualifikationsspiel gegen Dänemark im Oktober 2003 im Kosevo-Stadion von Sarajevo - mit einem Sieg hätte die Mannschaft um die damaligen Führungsspieler Hasan Salihamidzic und Sergej Barbarez die Qualifikation für die EM klar machen können. Stattdessen blieb das bosnische Team Zuschauer: 2004 bei der EM-Endrunde in Portugal, 2006 bei der WM in Deutschland sowie 2008 in Österreich und in der Schweiz.

          2010 in Südafrika soll das anders sein. Fast auf den Tag genau sechs Jahre nach dem enttäuschenden Unentschieden gegen Dänemark im einstigen Olympiastadion von Sarajevo hat die Mannschaft von Trainer Miroslav Blazevic an diesem Samstag alle Möglichkeiten, einen wichtigen Schritt dafür zu tun: Mit einem Sieg in Estland, das im Hinspiel 7:0 geschlagen wurde, wäre der Gruppendritte Türkei uneinholbar abgehängt, der zweite Platz in der Gruppe 5 hinter Spanien sicher - und das Erreichen der beiden Play-Off-Spiele der Relegationsrunde im November garantiert. „Es ist kaum vorstellbar, was passiert, wenn wir uns wirklich für die WM qualifizieren“, sagt Bosniens Stürmerstar Vedad Ibisevic. „Es wäre mehr als nur ein Fußballerfolg.“

          Wer kann, verlässt das Land

          In der Tat: Vierzehn Jahre nach Ende des Krieges, der zwischen 1992 und 1995 Zehntausende das Leben kostete, würde die Qualifikation für die WM in Südafrika die Stimmung zwischen Banja Luka und Mostar erheblich aufhellen. Während es den früheren sozialistischen Schwesterrepubliken Serbien und Kroatien nach den Balkan-Kriegen der neunziger Jahren immerhin gelang, sich für Weltmeisterschaften zu qualifizieren, behielt Bosnien-Hercegovina sein Verliererimage aus Tito-Tagen bei: Noch immer ist die Lage in dem zwischen Muslimen, serbisch-orthodoxen und katholisch-kroatischen Christen gespaltenen Land von Arbeits- und Perspektivlosigkeit geprägt, viele Familien sind von Überweisungen im Ausland arbeitender Verwandter abhängig.

          Kämpft nicht nur für Wolfsburg: Edin Dzeko

          So verwundert es nicht, dass auch das seit Sommer 2008 von Blazevic trainierte Nationalteam eine Ansammlung von Legionären ist. Allein aus der Bundesliga sind fünf Spieler dabei: Neben dem Hoffenheimer Ibisevic stürmt Edin Dzeko vom VfL Wolfsburg, im Mittelfeld sind dessen Teamkollege Zvjezdan Misimovic, Sejad Salihovic (1899 Hoffenheim) und Zlatan Bajramovic (Eintracht Frankfurt) gesetzt. Die Bundesliga-All-Stars machen es den jungen heimischen Talenten vor: Wer kann, verlässt das Viermillioneneinwohnerland zwischen Drina und Adria - und sucht sein Glück in einer der europäischen Spitzenligen.

          Die Chance, nicht nur mit ihren Vereinen Erfolge zu feiern, sondern erstmals gemeinsam zu internationalen Ehren zu gelagen, hat die Mannschaft um Mittelfeldmann Misimovic vor allem „Ciro“ Blazevic zu verdanken. Nachdem der Beginn der Qualifikationsrunde nicht so rund lief, verpflichtete der Verband in Sarajevo den im bosnischen Travnik geborenen, 74 Jahre alten Weltenbummler. Nach Stationen in Zürich, Zagreb und Teheran hatte Blazevic 1998 seinen größten Triumph erzielt, als er Kroatien zum dritten Platz bei der Weltmeisterschaft in Frankreich führte. In Bosnien schaffte er in wenigen Monaten, der Mannschaft neues Selbstbewusstsein einzuhauchen - selbst wenn der Verband weiter von Kleingeist geprägt ist und Veruntreuungsvorwürfe nicht abreißen.

          Korruption und Nationalismus im Verband

          Noch kurz vor der Entlassung von Blazevics Vorgänger Meho Kodro unterzeichneten mehrere Spieler eine Boykottsdrohung, in der sie ankündigten, unter der damaligen Verbandsführung nicht mehr antreten zu wollen. Salihamidzic quittierte aus ähnlichen Gründen schon vor Jahren seinen Dienst für die Nationalelf, Barbarez lehnt es weiter ab, sich im Verband engagieren. Dass der kickende Nachwuchs so schnell wie möglich das Land verlassen will, hat neben schlechten Verdienstmöglichkeiten ebenfalls mit den Verhältnissen in der von nationalistischen Rivalitäten und Missbrauch geprägten Liga zu tun: Erst Anfang Oktober kam bei Ausschreitungen zwischen kroatischen und muslimischen Anhängern ein Fan ums Leben: Vor dem Erstligaspiel zwischen Siroki Brijeg und dem FK Sarajevo waren die Kämpfe in der von Kroaten dominierten Gegend eskaliert.

          Ein Sieg in Estland aber dürfte überall im Land für Jubelszenen sorgen, wie sie die frühere Tito-Republik zuletzt nach der Festnahme des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Radovan Karadzic im Sommer 2008 erlebte. Zudem bliebe der Legionärself am letzten Spieltag eine Zitterpartie im heimischen Sarajevo wie im Oktober 2003 gegen Dänemark erspart, den bangen Blick in die Türkei, die gegen Armenien antritt, könnten sich die Spieler schenken: Am kommenden Mittwoch kommt Spanien nach Bosnien; bei einem Entscheidungsspiel gegen den Europameister würden die Nerven sicherlich schnell wieder blank liegen.

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