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Borussia Dortmund : Van Marwijk - der betrogene Autokäufer von Dortmund

  • -Aktualisiert am

Erkannte den BVB-Motorschaden zu spät: Bert van Marwijk Bild: dpa

Der holländische Trainer Bert van Marwijk entdeckt viel zu spät immer weitere Mängel bei der abstiegsbedrohten Borussia. Überall zeigen sich Defekte - und nun kommt der erfolgreiche Erzfeind Schalke 04.

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          Bert van Marwijk hat bei Borussia Dortmund eine Herausforderung gesucht, und er hat sie gefunden - eine völlig andere allerdings, als er vermutet hatte. Statt mit dem BVB durchzustarten unter die ersten fünf der Fußball-Bundesliga, ist er mit ständig neuen Reparaturarbeiten beschäftigt.

          "Als ich hierherkam, wußte ich, daß es einen Motorschaden gibt. Daß er aber so groß ist, wußte ich nicht", sagt der 52 Jahre alte Fußball-Lehrer. Hätte er sich doch bloß besser informiert. Dann hätte er vielleicht ahnen können, daß die Borussia wirtschaftlich am Abgrund steht und auch sportlich, um im Bild zu bleiben, ein gewaltiger Reparaturstau abzuarbeiten ist. Dann wäre ihm manches Mißverständnis, vielleicht gar das Engagement beim BVB erspart geblieben.

          "Ein Riß geht durch den BVB"

          Vor einem halben Jahr galt van Marwijk als Trainer, der den Dortmunder Spielern wieder Freude am Fußball vermittelt. Inzwischen hat die Tristesse auch ihn erfaßt. Statt bei den Profis neue Angriffslust zu wecken, sieht van Marwijk sich und seine Männer ständig in die Defensive gedrängt. Es gehe nur noch "ums Überleben", sagt er und meint damit nicht allein die prekäre Wirtschaftslage des BVB, der höher verschuldet ist als jeder andere Bundesligaverein. Auch sportlich spitzt die Lage sich zu. Vor dem 124. Revierderby an diesem Sonntag gegen den FC Schalke 04 trennen die Borussia nur drei Punkte von einem Abstiegsplatz.

          Alle Versuche, das Dortmunder Desaster zu beschönigen, haben sich als untauglich erwiesen. Eine wohlwollende Revierzeitung wertete den jüngst unter großen Mühen errungenen Heimsieg gegen den Abstiegskandidaten Freiburg schon als "Befreiungsschlag", um nur eine Woche später entsetzt feststellen zu müssen: "Ein Riß geht durch den BVB."

          Ricken stürmte ins Abseits

          Zuletzt in Bremen hatte van Marwijk "nur fünf Spieler gesehen, die Leistung gebracht haben." Und er nannte sogar deren Namen: Weidenfeller, Brzenska, Kehl, Wörns und Jensen. Später kam noch der 17 Jahre alte Einwechselspieler Marc-Andre Kruska hinzu. "Er hat ein gutes Auge, eine gute Mentalität, und man muß ihm taktisches Verhalten nur einmal erklären." Dieses Lob des Trainers enthält unausgesprochene, deshalb jedoch nicht weniger heftige Kritik an vermeintlichen Führungskräften wie Rosicky, Koller oder Dede.

          Während die abgekanzelten Stars in dieser Woche auf Anraten ihres Vorgesetzten zumeist geschwiegen haben, meldete sich ein Hinterbänkler zu Wort, der schon fast vergessen schien und in den Planungen des Trainers seit längerem eine zu vernachlässigende Größe ist. Lars Ricken hielt die Zeit für reif, die Konfrontation mit van Marwijk zu wagen. "Er schadet nicht nur mir, sondern auch der Mannschaft und dem Verein, wenn er mich nicht aufstellt."

          Zwischenrufe von innen und außen

          Mit diesem Angriff ist der 28 Jahre alte Mittelfeldspieler ins Abseits gestürmt. "Das geht zu weit, so etwas kann ich mir nicht bieten lassen", erwiderte van Marwijk und strich den aufmüpfigen Reservisten für das Derby aus dem Aufgebot. "Wenn ich wüßte, daß es mit ihm besser liefe, würde ich ihn öfter bringen. Aber es reicht nicht." Ricken hatte offenbar angenommen, mit seinem Vorstoß in heikler Lage die Autorität des Trainers schwächen zu können. Doch er hat sich verdribbelt und seinen Ruf weiter ruiniert.

          Van Marwijk dürfte sich allmählich an Zwischenrufe von innen und außen gewöhnt haben. Zuvor hatte Florian Homm, der Mehrheitsaktionär der börsennotierten Borussia, ihn attackiert. Der Fondsmanager hatte dem Klub in einem Interview empfohlen, van Marwijk zu entlassen und einen Trainer wie den Bielefelder Uwe Rapolder zu verpflichten. Van Marwijk fühlte sich getroffen, wehrte aber auch diesen Angriff ab - im Verbund mit BVB-Präsident Reinhard Rauball, der ihm das Vertrauen aussprach.

          Überall zeigen sich Defekte

          "Ich lasse mich von Herrn Homm nicht wegschicken", sagt van Marwijk. Vor Leuten wie Homm, die glaubten, mit Geld alles kaufen zu können, habe er "keinen Respekt". Der umstrittene Fondsmanager kann sich vom Geld seiner Anleger immerhin einen Bundesligaverein kaufen, die Borussia indes kann sich nichts mehr leisten, schon gar keine neuen Spieler. Auch insofern ist van Marwijk desillusioniert und flüchtet sich in Sarkasmus. Ob der Klub in der Winterpause neue Spieler verpflichte? "Klar", antwortet der Trainer, "Zidane wird kommen und van Nistelrooy."

          Nicht einmal Mark van Bommel, sein Schwiegersohn, dürfte auf dem sinkenden Schiff anheuern. Den niederländischen Mittelfeldspieler vom PSV Eindhoven hatte van Marwijk sich als charakterstarke Führungsperson gewünscht. Doch sommers wie winters fehlt das Geld für einen solchen Transfer.

          Van Marwijk wirkt wie ein Autokäufer, dem seine Vertragspartner allerlei Mängel verschwiegen haben, der manches aber selbst hätte erkennen müssen. Der Motor, das Getriebe, die Reifen, überall zeigen sich Defekte. In seiner aktuellen Verfassung käme das Vehikel, das van Marwijk steuert, kaum durch den TÜV. Hat dieser schwarz-gelbe Unfallwagen gegen den königsblauen Boliden, der aus der ersten Reihe startet, dennoch eine Chance? Ganz gegen den Trend sieht der Chefmechaniker des BVB gute Chancen. "Ich habe ein gutes Gefühl", sagt van Marwijk. "Vielleicht brauchen wir dieses Derby, um zu wissen, was wirklich los ist."

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