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Borussia Dortmund : Um zehn Uhr sieben wird zum ersten Mal gelacht

  • -Aktualisiert am

Bert van Marwijk hat eine schwierige Aufgabe. Bevor er wie der neue Trainer am Ergebnis gemessen wird, soll er den Dortmunder Fußballprofis ein Gefühl vermitteln, das ihnen abhanden gekommen ist: Spaß an der Arbeit.

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          Bert van Marwijk hat ein schweres Stück Arbeit vor sich. Bevor er wie jeder andere Fußball-Lehrer am Ergebnis gemessen wird, soll er den Profis des Bundesligaklubs Borussia Dortmund ein Gefühl vermitteln, das ihnen in zwei freudlosen Jahren abhanden gekommen ist: Spaß an der Arbeit. Sein pflichtbewußter Vorgänger Matthias Sammer hatte mit seiner akribischen, aber oft auch verbiesterten Haltung eine gewisse Schwermut bei seinem Personal erzeugt. Gerade die Spieler, die von der Inspiration lebten, waren schon länger nicht mehr glücklich. Wie Sammer, so sprach auch der Niederländer van Marwijk an seinem ersten Dortmunder Arbeitstag über deutsche Primärtugenden wie Disziplin und Teamgeist. Nach dem Trainingsstart der Borussen meldete van Marwijk einen ersten Erfolg. "Die Spieler haben am Morgen schon gelacht." Ein örtlicher Reporter hat sich sogar notiert, wann die gute Laune sich zum ersten Mal nach dem Urlaub Bahn brach, als ginge es um ein historisches Datum: zehn Uhr sieben.

          Wie der neue Trainer die Lebensgeister wecken will, war auf den ersten Blick, etwa anhand der Übungen, nicht zu erkennen. Van Marwijk ist kein Trainertyp, der auf Effekthascherei abzielt. Er verzichtet auch darauf, den Fußballbetrieb zu verwissenschaftlichen. Die beste Möglichkeit, sich aneinander zu gewöhnen, biete die Arbeit auf dem Fußballplatz. Auf dem Gelände der Borussia war niemand zu sehen, der den Spielern ins Ohr sticht, um hernach ihr Blut zu untersuchen, auf diese Art Aufschluß über die Fitneß zu gewinnen und die Spieler leiblicher Sünden zu überführen. Er wolle zwar durchaus der deutschen Kultur Rechnung tragen, sagt van Marwijk, aber Laktatwerte ermitteln?

          "Nein, das mache ich jetzt nicht, das ist für mich nicht so wichtig. Mit einem Laktattest kann man kein Spiel gewinnen." Van Marwijk will die Spieler zur Lust am Fußball bekehren; er werde die Arbeit mit dem Ball forcieren - nicht um dem zuletzt in Dortmund unzufriedenen tschechischen Regisseur Tomas einen Gefallen zu erweisen, sondern weil es seine Philosophie als Trainer sei. Auf Ernährungspläne und andere gutgemeinte, aber oft an Bevormundung grenzende Vorgaben glaubt er verzichten zu können. Das gemeinsame Spaghetti-Essen nach dem Spiel in der Kabine werde er nicht fortsetzen. Sein Vorgänger hatte darauf bestanden, daß jeder Spieler seinen Teller Nudeln leer ißt, bevor es in den Feierabend ging. Sammer hatte sich manches Mal darüber beklagt, daß die Spieler sich ihrem Körper gegenüber bei der Ernährung nicht verantwortungsbewußt zeigten. Er warf ihnen sogar vor, nach Dienstschluß mit "Pommes rot-weiß" daheim auf dem Sofa zu liegen. Van Marwijk scheint seine Ansprüche nicht so absolut, so kompromißlos wie sein Vorgänger an die kickende Belegschaft der börsennotierten Fußballfirma heranzutragen. Bei Kleinigkeiten gibt er sich großzügig. Am Montag mal eine Portion "Fritjes" zu erlauben findet er geschickter, als die Spieler mit einem strikten Verbot zum heimlichen Besuch im Fast-Food-Laden zu treiben.

          Van Marwijk sagt, er wolle nicht vom ersten Tag an alles grundlegend anders machen. Dennoch scheint er entschlossen, manch alten Zopf abzuschneiden. Sein Verständnis von Disziplin bestehe nicht darin, "einen Packen Papier mit irgendwelchen Regeln mitzubringen". Dennoch wirkt der Zweiundfünfzigjährige, der sein Trainerprofil bei Feyenoord Rotterdam schärfte, nicht wie einer dieser Pädagogen, die früher einmal mit dem sogenannten Laisser-faire-Stil einen längst überholten Trend setzten. Bei seiner ersten Ansprache an die Mannschaft faßte er sich kurz, schon weil er nicht alles wiederholen will, wenn EM-Teilnehmer wie Wörns, Kehl, Rosicky oder Koller aus ihrem dreiwöchigen Urlaub zurückkehren. Daß sie alle wieder in Dortmund erscheinen, ist für den neuen Trainer keine Frage. Er plane auch mit dem tschechischen Mittelfeldstrategen Tomas Rosicky, der bei der Europameisterschaft zu alter Stärke findet und einem Wechsel offenbar nicht abgeneigt wäre.

          Die Konzentration auf das Wesentliche griff sogar auf den Präsidenten des BVB über. Während Gerd Niebaum sonst oft mit langen Monologen auf die Saison einzustimmen versuchte, beschränkte er sich diesmal auf ein verbales Kurzprogramm. Dennoch sagte Niebaum Wesentliches. Der Geschäftsführer trat Gerüchten entgegen, Borussia sei sich mit dem niederländischen Mittelfeldstar Mark van Bommel und dessen bisherigem Arbeitgeber PSV Eindhoven über einen Wechsel einig. "Es sieht nicht nach Neueinkäufen aus", sagte Niebaum. Mit dem "strikten, rigorosen Sparkurs" des Klubs sei es derzeit "nicht vereinbar die von Eindhoven geforderte Entschädigung zu bezahlen". Das könnte sich aber ändern, wenn Rosicky doch noch zu einem guten Preis den Verein wechselt.

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