https://www.faz.net/-gtl-6kd7k

Borussia Dortmund : Neuer Jugendstil

  • -Aktualisiert am

Dortmunder Jugendlichkeit - auch im Merchandising Bild: F.A.Z. - FOTO DIETER RÜCHEL

Borussia Dortmund setzt zunehmend auf Talente aus aller Welt. 17 Spieler im Kader sind 22 Jahre oder jünger. Am Donnerstagabend (18 Uhr) steht in der Europa-League-Qualifikation in Aserbaidschan nur eine Pflichtübung auf dem Programm. Die Reifeprüfung folgt.

          3 Min.

          Eine junge Mannschaft zu haben ist en vogue, gerade in Deutschland, spätestens seit der Weltmeisterschaft dieses Sommers. In Südafrika zeigte die juvenile Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes bedeutenden Kickernationen wie England und Argentinien unerwartet leichtfüßig Grenzen auf. Man könnte meinen, die neue deutsche Welle wäre eine Idee des gefeierten Bundestrainers Joachim Löw gewesen. Letztlich aber spiegelte die Nationalmannschaft einen Trend, der in der Bundesliga gesetzt wurde, an manchen Orten mehr, an anderen weniger.

          Zu den Lokomotiven der Jugendbewegung gehört Borussia Dortmund, auch wenn der Revierklub vergleichsweise wenige WM-Teilnehmer unter Vertrag hat. Kaum ein Bundesligaverein setzt so konsequent auf die Entwicklung junger Profis. „Wir haben siebzehn Spieler im Kader, die 22 Jahre alt sind oder jünger“, sagt Cheftrainer Jürgen Klopp.

          Was Dortmund vom Gros der Liga unterscheidet, geht aber hinaus über bloßes Zahlenwerk, das leicht in die Irre führen kann. Beim BVB bilden die jungen Leute kein Alibi, um den Altersdurchschnitt zu senken - sie haben auf dem Platz die absolute Mehrheit. Jüngst beim 4:0-Sieg im Hinspiel zur Qualifikation für die Europa League gegen Karabach Agdam standen sechs Profis in der Startelf, die nicht älter sind als 22 Jahre; drei weitere wurden im Laufe der Partie eingewechselt. Im Rückspiel am Donnerstagabend in Aserbaidschan (18 Uhr/ FAZ.NET-Europa-League-Liveticker)

          Rückschlag für Dortmund: Gegen Leverkusen gab es eine Niederlage

          Anders als andere namhafte Vereine setzt Dortmund auf organisches Wachstum. Da es kaum Routiniers gibt, auf die Rücksicht zu nehme wäre, sind Spieler Anfang zwanzig früher, als sie denken, mittendrin, statt nur dabei. Vor einem Jahr schauten sich manche Reporter fragend oder feixend, jedenfalls ungläubig an, als ihnen Kevin Großkreutz (aus Ahlen) und Sven Bender (vom TSV München 1860) als Männer der Zukunft vorgestellt wurden.

          Niederlage gegen „erfahrene“ Jugend Leverkusens schreckt nicht

          Inzwischen spottet niemand mehr, wenn ihr Name fällt. Großkreutz hat sich in seinem ersten Bundesligajahr nicht nur einen Stammplatz im offensiven Mittelfeld des BVB erkämpft, sondern auch sein erstes Länderspiel bestritten. Bender ersetzte den verletzten Kapitän Sebastian Kehl über viele Monate hinweg im zentralen defensiven Mittelfeld. Linksverteidiger Marcel Schmelzer hat Dede verdrängt, der auf dieser Position lange eine Dortmunder Institution war, sich nach diversen Verletzungen aber damit abfindet, dass Schmelzer inzwischen „gesetzt“ ist.

          Dramaturgisch passte es gut zusammen, dass die junge Borussia zum Abschluss des ersten Bundesliga-Spieltages auf Bayer Leverkusen trafen - und auf Michael Ballack, der nach vier Londoner Jahren und drei Monaten Verletzungspause sein Comeback geben will. Auch der sogenannte Werksverein, zuletzt einen Rang vor Dortmund plaziert, verfolgt seit einiger Zeit einen Jugendstil. Getrieben von dem Anspruch, mindestens unter die ersten drei zu kommen, haben die Leverkusener ihr Konzept aber ein wenig modifiziert. Um mehr Stabilität zu erreichen, verpflichteten sie vor einem Jahr Sami Hyypiä, einen altgedienten Verteidiger des FC Liverpool, und vor ein paar Wochen Michael Ballack, den - auf die vergangenen zehn Jahre betrachtet - besten deutschen Fußballspieler, um ein Korrektiv zu schaffen für den Hurrastil der Vorjahre, in denen das attraktive Spiel früher oder später verpuffte.

          Während Leverkusen, aus Erfahrung klug, umgedacht hat, lässt die Borussia sich nicht schrecken - auch wenn das Bundesliga-Duell am Sonntag gegen die um Erfahrung bereicherte Leverkusener Jugend mit 0:2 verloren ging. Neben Torwart Weidenfeller gibt es in der Stammelf wenige Profis mit großer Bundesliga-Erfahrung: Kapitän Sebastian Kehl, 30 Jahre alt, ist der Kopf der Mannschaft. Wenn der Stratege mit dem jungenhaften Lächeln ausfällt, übernimmt der deutlich jüngere Mittelfeldkompagnon Nuri Sahin seinen Part. Sahin wird demnächst 22, ist aber schon seit sechs Jahren Profi und in der Mannschaft anerkannt. Dank seiner mehr als hundert Bundesligaspiele besitzt der türkische Nationalspieler trotz seiner Jugend schon eine Art natürliche Autorität.

          „Mannschaft mit Perspektive“

          Auch auf dem Transfermarkt sind die Dortmunder ihrer Linie treu geblieben. Der teuerste und in den Verhandlungen schwierigste Einkauf der vergangenen Jahre, Robert Lewandowski, zuletzt Torschützenkönig in Polen, ist knapp 22 Jahre alt. Auch Shinji Kagawa, in der Dreierreihe hinter dem meist einzigen Stürmer Lucas Barrios der Mittelpunkt, muss sich noch akklimatisieren. Aber das scheint ihm Freude zu bereiten. Er fühle sich wohl in einer solchen „Mannschaft mit Perspektive“. Und dann bei erster Gelegenheit auf einen „Weltklassespieler wie Michael Ballack“ zu treffen - schon dafür habe der Wechsel in die Bundesliga sich gelohnt, sagt Kagawa.

          Mit zwei Toren im Vorprogramm der kleineren europäischen Bühne deutete der junge Japaner an, dass die 350.000 Euro Ablöse, die Dortmund für ihn gezahlt hat, eine lohnende Investition sein könnten. Ob Kagawa und Lewandowski oder in anderen Jahren Subotic und Hummels - Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc verfolgen konsequent den Plan, hungrige, hochbegabte Spieler zu verpflichten, bevor sie alt und erfolgreich genug sind, in die Kategorie der Unbezahlbaren aufzusteigen. Wie so vieles im Fußball-Leben birgt auch der Jugendstil des BVB ein Risiko, zumal mit Blick auf die internationalen Zusatzaufgaben, die nach der Pflichtaufgabe in Aserbaidschan anstehen. „Aber wir wollten diese Belastung, also dürfen wir jetzt nicht darüber meckern“, sagt Klopp, der seiner Mannschaft beibringen will, ökonomischer zu spielen. Der Dortmunder Qualitätsfußball steckt noch in den Kinderschuhen, dennoch will die junge Borussia schon bald Spuren hinterlassen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Abstrich zur Corona-Analyse: Ein Mann lässt sich in Köln auf den Erreger Sars-CoV-2 testen.

          Engpass vor dem „Exit“ : Teste mich, wer kann

          Die Ärztekammer verlangt, dass viel mehr Menschen auf Corona getestet werden – doch der Verband der Laborärzte hält das für nicht machbar. Scheitert der „Exit“ an der Labor-Logistik?
          Beruft sich auf Hannah Arendt und die „Barbarei der modernen Welt“: Alain Finkielkraut

          Französische Kontroverse : Die Niederlage der Denker

          Wir bleiben eine Zivilisation: Der französische Philosoph Alain Finkielkraut geht mit Äußerungen von Giorgio Agamben und Peter Sloterdijk zur Corona-Krise hart ins Gericht.
          Eine der zentralen Aufgaben in der Küche: Gemüse und anderes mit dem Messer zerkleinern.

          Kochen für Anfänger : Da kocht was hoch

          Restaurants sind geschlossen, Supermärkte haben geöffnet, und die Menschen verbringen ihre Zeit zu Hause. Wer noch nicht kochen kann, sollte es jetzt lernen. Diese Werkzeuge sollte jeder Hobbykoch in der Küche haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.