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Borussia Dortmund : Neue deutsche Welle

  • -Aktualisiert am

Gewinner unter van Marwijk: Sebastian Kehl Bild: dpa/dpaweb

Nach einem nicht nur wirtschaftlich harten Winter erlebt die Borussia ein sportliches Frühlingserwachen. Verantwortlich dafür sind auch die auffällig vielen deutschen Profis, die der holländische Trainer Bert van Marwijk einsetzt.

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          Als Bert van Marwijk im vergangenen Sommer seinen Dienst als Cheftrainer von Borussia Dortmund antrat, bat er vorsorglich um Verständnis. Sein Deutsch sei noch nicht so gut genug, wie es sein sollte, er werde seine Sprachkenntnisse stetig verbessern. Der niederländische Fußball-Lehrer hat nicht zu viel versprochen.

          Inzwischen weiß er manche Barriere durch Sprachwitz zu überwinden. Doch er hat nicht nur sein eigenes Vokabular erweitert und verfeinert. Van Marwijk hat auch bei seinem Personal den Sinn für Kommunikation gefördert. Man spricht wieder Deutsch, und die Spieler haben gelernt, einander buchstäblich besser zu verstehen.

          „Die Mischung stimmte nicht“

          Dieser Fortschritt spiegelt sich im Geschehen auf dem Fußballplatz. Neuerdings kann es vorkommen, daß acht deutsche Profis in der Startelf des BVB stehen wie jüngst beim Auswärtssieg in Leverkusen; hinzu kommen der in Deutschland geborene Stürmer Ebi Smolarek und Verteidiger, Dede, der "deutscheste" aller Brasilianer der Borussia. Zwischen Spiel und Sprache scheint ein Zusammenhang zu bestehen. "Ich hoffe, daß ich keinen Ärger mit Ausländerbeauftragten bekomme. Ich habe von Anfang gespürt, daß die Mischung nicht stimmte, aber jetzt paßt sie", sagt Reinhard Rauball, Präsident und sportlicher Leiter des Klubs. Es ist noch nicht allzu lange her, daß in einem multikulturellen Ensemble allein Christian Wörns die deutsche Fahne hochhielt.

          Freunde am Spiel: Trainer van Marwijk und BVB-Kapitän Wörns

          Nach einem nicht nur wirtschaftlich harten Winter erlebt die Borussia ein sportliches Frühlingserwachen. Eine Serie von drei Siegen über ambitionierte Mannschaften wie Hamburg, Berlin und Leverkusen haben aus einer scheinbar zerrütteten Ansammlung von Einzelkämpfern eine starke Gemeinschaft gemacht, die Chancen besitzt, auf die internationale Bühne zurückzukehren. In die obere Hälfte der Tabelle vorgerückt, schauen die Dortmunder auf Rang sechs, der in dieser Saison für die Teilnahme am Uefa-Pokal reichen könnte. Wenn der Rückstand nur drei Punkte beträgt, "muß ein Sportler gierig sein auf den sechsten Platz", sagt van Marwijk.

          Kehl glänzt als Diplomat und in der Defensive

          Die neue deutsche Welle hat sogar einige Spieler aus der näheren Umgebung in die Stammelf gespült. Das Publikum goutiert diesen Trend. Trotz anhaltender Enttäuschungen bleiben die Fans auf breiter Basis treu. An diesem Samstag zum Heimspiel gegen den Mittelklasseklub Arminia Bielefeld werden mehr als 75.000 Zuschauer im Westfalenstadion erwartet.

          Auch wenn die deutsche Karte im Moment in Dortmund Trumpf ist, warnt Mittelfeldspieler Sebastian Kehl davor, die Entwicklung provinziell oder gar im Sinne sportlicher Deutschtümelei zu betrachten. "Wir sind jetzt ein starkes Team, aber das heißt nicht, daß wir nicht froh darüber wären, auch gute Ausländer zu haben." Schon seit langem mit diplomatischem Geschick ausgestattet, wächst Kehl nach Jahren des Stillstands vielleicht doch zu einem Führungsspieler jener Klasse heran, die ihm während seiner Freiburger Lehrjahre mancher ein wenig voreilig bescheinigt hat.

          Wiederaufsteiger Ricken

          Kehl fühlt sich dazu berufen, mehr Verantwortung zu übernehmen. "Gerade ein Spieler wie ich, der einen gewissen Anspruch hat, muß versuchen das Team zu führen." Der Fünfundzwanzigjährige profitiert von Korrekturen und Konturen, die der BVB van Marwijks Innovation verdankt. Statt unbeholfen auf einer Halbposition Löcher zu stopfen, glänzt er nun als zentraler defensiver Mittelfeldmann vor der Abwehr.

          Auch Lars Ricken, der dienstälteste Profi im Klub, gehört zu den Wiederaufsteigern dieser Rückrunde. Er hatte den Trainer öffentlich kritisiert und galt bei seinen Kritikern als Abzocker, der in wirtschaftlich schwieriger Zeit seinen hochdotierten Vertrag aussitzen wollte. Vorübergehend ausgemustert kehrte Ricken, der gegen Bielefeld wegen einer Verletzung fehlt, eindrucksvoll in die Bundesliga-Elf zurück - als Stürmer. Van Marwijk ist es offenbar gelungen, Ricken eine Einsicht zu vermitteln, der er sich stets verschlossen hatte: daß er kein Spielmacher auf der Position einer klassischen Nummer zehn ist. Neben dem Aufstieg junger Profis wie Weidenfeller, Kringe, Brzenska oder Kruska verkörpern einst hochgejubelte und später tief gefallene Männer wie Kehl und Ricken den Realitätssinn ihres Trainers.

          Der Aufschwung setzte in der Woche nach dem D-Day ein, an dem eine Fondsgesellschaft das Sanierungskonzept für den hochverschuldeten Klub billigte. Und wie immer die aktuellen Verhandlungen mit der türkischen Saran-Gruppe ausgehen: Van Marwijk kennt die (finanziellen) Grenzen des Vereins. Er ist loyal genug zu behaupten, daß er nicht mit falschen Versprechungen nach Dortmund gelockt worden sei. "Das würde man mir gern in den Mund legen", sagt er, aber es ist nicht so." Wichtig sei nur das Gefühl bei der Zusammenarbeit mit der Mannschaft, "das hat von Anfang an gestimmt".

          Er sei kein Trainer, der sofort zum Präsidenten laufe und nach neuem Personal verlange, "wenn ein Stürmer nicht so funktioniert". Einmal hat er es doch versucht - mit Erfolg, weil Ebi Smolarek, einer der neuen Hoffnungsträger, bei Feyenoord Rotterdam ein Dasein als Ersatzspieler fristete. Van Marwijk nutzte den Kontakt zu seinem vorherigen Arbeitgeber und stieß ein Leihgeschäft an, das nach dieser Saison in einen Transfer münden könnte. Er sieht sich bestätigt in der Maxime, gegen alle Widerstände seinen eigenen Weg zu gehen, ohne den Blick für das Machbare zu verlieren. "Alles ist sehr positiv", sagt van Marwijk, "vielleicht zu positiv".

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