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Borussia Dortmund : Koller wie ein laufender Energieriegel

  • -Aktualisiert am

Dortmunder Freuden-Koller. Bild: dpa/dpaweb

Nach dem erlösenden Sieg über Hertha BSC war bei Dortmund die Rede von einem Neubeginn. Von Vertrauen und Kameradschaft. Von Werten, die dem BVB schon abhanden gekommen schienen . Vor allem Jan Koller wurde vom Trainer gelobt. „Er war ein Vorbild, nicht nur hier."

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          Um 21.52 Uhr sehnte sich Bert van Marwijk nach körperlicher Nähe. Wer nach dem Schlußpfiff nicht freiwillig auf ihn zukam, den drückte er ungefragt fest an sich. Kaum ein Spieler entkam diesen Umarmungen, bei denen der Trainer von Borussia Dortmund gerührt wirkte. "Wir hatten eine schwierige Zeit", sagte er mit bewegter Stimme nach dem 1:0-Sieg bei Hertha BSC Berlin, "ich hatte das Gefühl, daß wir nicht mehr viele Freunde in Deutschland haben." Nicht einmal mehr in den eigenen Reihen. Doch auch da gab es in dieser siegreichen Nacht versöhnliche Gesten. Als die Spieler sich von ihren 2000 Fans feiern ließen, drückte plötzlich einer Roman Weidenfeller eine überdimensionale Fahne in die Hand. Der Torwart, zuletzt beim 0:2 gegen den Hamburger SV noch ausgebuht, freute sich. Später war bei ihm und seinen Kollegen oft die Rede von einem Neubeginn. Von viel Vertrauen und Kameradschaft. Von Werten, die beim BVB schon abhanden gekommen schienen zwischen all den Verlusten und Verbindlichkeiten.

          "Wir sind froh, aber es war nur ein Anfang", sagte van Marwijk. Immerhin habe er "wieder eine richtige Mannschaft" gesehen, "mit viel Charakter". Tomas Rosicky sagte nach einer mit viel Enthusiasmus geführten Partie sogar, die Profis seien nicht nur "einer für den anderen da gewesen", sondern hätten "auch für den Trainer gespielt. Er wurde ja schon ein bißchen in Frage gestellt. Wir wollen aber alle weiter mit ihm zusammenarbeiten." Welch eine Harmonie. Nach sieben Spielen ohne Sieg und turbulenten Wochen um den einst großen Bundesligaklub streifte der Spielmacher in dieser Stunde die Finanzsorgen des Klubs nur knapp: "Es ist nicht angenehm, wenn man jeden Tag etwas darüber liest", sagte er, "aber wir haben heute gezeigt, daß wir uns auf unseren Beruf konzentrieren können."

          Vorbild Koller

          Vor allem einer wurde vom Trainer gelobt: "Koller war unglaublich gut. Er war ein Vorbild, nicht nur hier." Jan Koller jedenfalls war Dortmunds laufender Energieriegel. Von der ersten Minute an lauerte er auf sein Tor, das er dann prompt in der 44. Minute auf eine für ihn typische Weise erzielte: Florian Kringe hatte sich den Ball gegen Dick van Burik an der Auslinie erkämpft und ihn vor das Tor geflankt, Koller köpfte kraftvoll ein. In der zweiten Hälfte war er dann plötzlich überall auf dem Feld zu finden. "Ich habe von ihm noch keine bessere Leistung gesehen. Wie er die Ärmel aufgekrempelt hat, daran können sich auch andere aufrichten", schwärmte der künftige Vereinschef Reinhard Rauball. Koller blieb nicht nur torgefährlich. Er warf sich auch waghalsig in Schüsse, dirigierte die Abwehr, oder inszenierte die Konter. "Der hat zum Schluß ja eine Art Vorstopper gespielt", zeigte sich Herthas Manager Dieter Hoeneß ebenso verblüfft wie seine Spieler.

          Koller verließ das Feld schmunzelnd. "Heute habe ich ein bißchen mehr für die Mannschaft gespielt, überraschender als sonst", sagte der Tscheche, der im ersten Saisonspiel ohne Gegentor demonstrierte, warum Ajax Amsterdam ihn angeblich verpflichten will. "Ich weiß das nur aus der Zeitung", versicherte er, "meine Konzentration gilt dem BVB." Van Marwijk erklärte, das Interesse sei ihm seit Tagen bekannt. Er nehme aber an, daß der Verein "in unserer Situation nicht so schnell einen Spieler verkauft". Angesichts leerer Kassen weiß aber auch er: "Im Fußball weiß man nie." Noch vor der Saison hatte Borussia eine Transferofferte von Olympique Marseille über sechs Millionen Euro als zu niedrig abgelehnt. Rauball drückte sich nun um eine klare Antwort auf die Frage, ob Koller denn tatsächlich unverkäuflich sei.

          Hertha-Stürmer treffen nicht

          Bei Hertha BSC denkt Trainer Falko Götz längst über einen neuen Stürmer nach. "Unser Problem ist die Chancenverwertung", sagte er am Tag, als der unglückliche Fredi Bobic zweimal nur den Pfosten traf. In der zweiten Hälfte hatten die Gastgeber jedoch nicht eine einzige Torgelegenheit. So wirkte am Ende peinlich, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit in der Hauptstadt doch auseinanderklaffen. Mit einer gigantischen Lichtshow trumpfte Hertha auf. Zu Kunstnebel und Feuerfontänen waren die Kicker einmarschiert, jeder erhielt sein ganz persönliches Feuerwerk. Doch dann ärgerten sich Manager und Trainer nur über Rohrkrepierer, also vor allem über die Begriffsstutzigkeit der Spieler. Hoeneß regte an, sie wieder "mit der Taktiktafel" zu konfrontieren, weil sie entgegen allen Ansagen "nur umständlich durch die Mitte" gespielt hätten. Derart stur und stupide, daß Kapitän Arne Friedrich eingestand: "Wir sind einfach zu doof." Nun befürchtet er aufs neue einen zermürbenden Abstiegskampf: "Wir sind schon wieder in der Situation, in die wir nie mehr kommen wollten."

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