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Borussia Dortmund : Holländisch geprägt

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Peter Bosz: „Wir müssen das Derby gewinnen. Da geht es auch um meine Position.“ Bild: dpa

Der schöne Fußball – das schwebt BVB-Trainer Peter Bosz vor. Für Borussia Dortmund ein Plan mit Risiken und Nebenwirkungen. Vor allem vor dem Revierderby gegen Schalke 04.

          Manche Fußballtrainer tragen eine imaginäre Kette um den Hals, an der eine Plakette hängt. Bei Felix Magath etwa steht darauf, dass er seine Mannschaft für einen gewissen Zeitraum zu Höchstleistungen drillen kann, es dann aber zum Bruch kommt. Thomas Schaaf hängt an, dass er einen 4:3-Sieg als hohe Kunst des Fußballs ansieht, José Mourinho einen solchen hingegen fast schon als Beleidigung ansieht. Für Peter Bosz, den 54 Jahre alten Niederländer in Diensten von Borussia Dortmund, hatten sie in seiner Heimat auch eine Plakette parat. „Bosz wint altijd de schoonheidsprijs maar tot nu toe nog geen hoofdprijs.“ Er gewinne immer den Schönheitspreis, aber ein Titel sei ihm bislang verwehrt geblieben.

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          Im Mai dieses Jahres musste sich Bosz das besonders häufig anhören. Mit spektakulärem Offensivfußball hatte der Trainer Ajax Amsterdam in das Finale der Europa League geführt, jenes dann nach eher kläglicher Leistung aber 0:2 gegen Manchester United verloren. José Mourinho hatte ihn ausgelesen.

          An diesem Samstag steht für Peter Bosz ein Spiel an, bei dem es weder einen Pokal noch einen Titel zu gewinnen gibt. Es geht, so glauben zumindest manch fanatische Anhänger von Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04, um viel mehr. Das Derby (15.30 Uhr / live bei Sky und im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga) sei ein „Endspiel“ für Bosz, ist überall zu hören und zu lesen. Er gab es selbst zu, nachdem der BVB am Dienstag in der Champions League gegen Tottenham Hotspur mal wieder verlor: „Wir müssen das Derby gewinnen. Da geht es auch um meine Position.“

          Die Vorgesetzten, Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc, ließen diesen Satz mal so stehen. Der Rückhalt für den Trainer bröckelt. Nachdem Lucien Favre im Sommer nicht als Nachfolger für Thomas Tuchel aus Nizza loszueisen war, fiel die Wahl auf Bosz. Er stehe für den Fußball, den der BVB spielen wolle, hieß es bei seiner Vorstellung: attraktiv, offensiv. Zwei Heimspiele in der Europa League, famose Leistungen bei Heimsiegen gegen den FC Schalke (2:0) und Olympique Lyon (4:1) hatten Bosz über die Niederlande hinaus interessant gemacht. Dass Ajax in den Rückspielen beide Male trotzdem beinahe ausgeschieden wäre, ging unter.

          Bosz-Teams sind anfällig in der Defensive

          Damals zeigte sich schon, was Bosz vor allem heute beim BVB vorgeworfen wird: Die Mannschaft sei zu anfällig in der Defensive, der Trainer halte stur an seinem 4-3-3-System und seiner Taktik fest, auch wenn er merken müsste, dass der Gegner ein geeignetes Konzept dagegen gefunden hat. Es sei keine Frage des Systems, sagte Bosz mantrahaft, als die Borussia nach der Länderspielpause im Oktober in die Krise glitt. Von den vergangenen neun Pflichtspielen gewann der BVB nur im DFB-Pokal beim Drittligaklub 1. FC Magdeburg.

          Zu Beginn der Saison gewannen die Dortmunder in der Bundesliga ihre Spiele noch und dazu auch einen Schönheitspreis. Attraktiven Fußball bietet der BVB aktuell aber nur noch in sehr geringen Dosen. Bosz führt das stets auf „das Vertrauen“ zurück, das nach einem Tor des Gegners schwinde. Tore wiederum kassiere der BVB, weil Fehler unterliefen, die „so nicht passieren dürfen“.

          Peter Bosz galt schon in den Niederlanden als stur. Er vertraut darauf, dass sein Fußball langfristig zum Erfolg führt. Insofern mutete es schon wie eine Überraschung an, dass der BVB im Heimspiel gegen den FC Bayern seinen Mannschaftsblock weiter nach hinten verschob. Gegen Tottenham traten die Dortmunder, in der ersten Halbzeit mit Erfolg, in einem 4-1-4-1-System an. Nach der Pause traf schnell der Gegner, wie schon ein paar Tage zuvor der VfB Stuttgart, und der BVB brach abermals ein.

          Das aggressive Pressing und Gegenpressing, wichtige Grundlagen des Bosz-Fußballs und zu Beginn der Saison ein wesentlicher Faktor bei der Siegesserie, ist kaum noch zu erkennen. Das mag tatsächlich am fehlenden Selbstvertrauen der Spieler liegen, an einer vorsichtigeren Taktik, eventuell aber auch an körperlichen Defiziten. In den zweiten Halbzeiten war die Borussia zuletzt äußerst harmlos, weil den Angriffen stets das Tempo und die Dynamik fehlten. „Es ist keine Frage der Kondition, das Vertrauen ging verloren“, entgegnete Bosz den Vorwürfen.

          Problem in allen Wettbewerben: der BVB ist hinten zu anfällig

          Kritik, er lasse zu selten trainieren, musste sich Bosz auch schon in den Niederlanden anhören. Seit vielen Jahren gilt Raymond Verheijen als Freund und Vertrauter. Bosz’ Landsmann ist auch Trainer, verschrieb sich aber vor allem der Trainingswissenschaft und -lehre. Verheijen ist für manche in der Branche ein Genie, andere kritisieren sein „Periodisierungskonzept“ als untauglich für Mannschaften in einer physisch anspruchsvollen Liga, wie es die Bundesliga ist. Die Trainingspläne und -inhalte von Bosz zeigen die Handschrift von Verheijen, dessen Konzept unter anderem vorsieht, dass alle Übungen „spielnah“ ausgeführt werden. Es gibt keinen Tag, an dem die Spieler des BVB zu zwei Einheiten gebeten werden, und gemeinsam mit den freien Tagen in einem gewissen Rhythmus soll das zu einer schnelleren Regeneration und weniger Verletzungen führen.

          Der Erfolg des Konzepts ist überschaubar. Christian Pulisic, erst 19 Jahre alt, verzichtete zuletzt auf Länderspiele mit der amerikanischen Nationalmannschaft, um dem wankenden BVB besser helfen zu können. In Stuttgart und gegen Tottenham fiel er aber wegen „muskulärer Probleme“ aus. Nun, im „Endspiel“ von Bosz, soll er einsatzfähig sein. Sein Tempo auf der Außenposition wird auch dringend gebraucht, denn der Trainer zieht es vor, schon von hinten das Spiel über die Flügel aufbauen zu lassen. Spieler im Zentrum, wie Julian Weigl und Shinji Kagawa, fallen daher beim BVB kaum noch auf.

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