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Bökelberg-Stadion : Ein Mythos bröckelt

  • Aktualisiert am

Die Mauer muß weg! Bild: AP

Der Abriß des Bökelberg-Stadions hat begonnen. Wo früher die Gladbacher Borussia fünf Meistertitel, zwei Uefa-Cup-Triumphe und drei DFB-Pokal-Erfolge feierte, entstehen bald Wohnhäuser.

          Der Bökelberg bebt wieder - und der Mythos bröckelt wahrhaftig: Schwere Schläge eines dröhnenden 80-Tonnen-Baggers mit einem überdimensionalen Meißel auf den Spielertunnel erschüttern den Boden um das einstige Kult-Stadion des Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach und treffen die nur noch kleine Schar nostalgisch gestimmter Fans wie Stiche ins Herz.

          Als sich der Koloß zu Beginn der Abrißarbeiten an der 87 Jahre alten Arena in den Innenraum frißt, ist am Donnerstag mittag um 13.11 Uhr das letzte Kapitel eines guten Stücks deutscher Fußball-Geschichte aufgeschlagen. „Das ist furchtbar und schlimm“, sagt Gladbachs seit den glorreichen 70ern verehrte Masseur-Ikone Charly Stock, und seine Augen schimmern verdächtig feucht.

          Wie in einer Western-Kulisse

          Gerade eben ist der mittlerweile 69jährige mit dem früheren Gladbacher Spieler Rudi Pöggeler (Karriere-Ende 1969) und den treuesten Anhängern in der legendären Arena noch ein letztes Mal über den Rasen gestapft. An diesem grauen und kalten Januar-Tag herrscht eine trostlose Atmosphäre wie in einer verlassenen Western-Filmkulisse: Das Gras wuchert schon fast kniehoch, Ränge und Banden sind bereits verwittert, und nur noch die Wellenbrecher und eine einzige von einst Tausenden Sitzschalen auf der gesamten Haupttribüne scheinen als stumme Zeugen an die Glanzzeiten der früheren Borussen-Heimat erinnern zu wollen. Wäre nicht der Bagger, könnte auch eine Beerdigung in aller Stille stattfinden.

          Die Trennung fiel schwer

          Nachdem Stock auch zum letzten Mal durch den Tunnel auf den Platz vor dem Umkleide-Gebäude zurückgekehrt ist und der Baggerführer aus Hoyerswerda seinen Job völlig emotionslos angeht („Ich hab' nichts mit Fußball. Baustelle ist für mich Baustelle“), hat sich der Physio-Therapeut jedoch wieder gefangen: „Es muß so sein.“

          Erinnerungen in „de Kull“

          Weil „Charly“ 40 Jahre, sein ganzes Arbeitsleben, bei der Borussia war und am Bökelberg mit den „Fohlen“ alles erlebt hat, fallen ihm die Worte dennoch nicht leicht. Die Erinnerungen an fünf Meisterschaften, zwei Uefa-Cup-Triumphe und drei DFB-Pokal-Erfolge, die Mönchengladbach in „de Kull“ (die Kuhle) feierte, lassen sich von den Raupen des gigantischen Baggers genauso wenig platt walzen wie die an das Jahr 1971 mit dem Pfostenbruch gegen Werder Bremen und dem tragischen „Büchsenwurf“ beim berühmten 7:1 gegen Inter Mailand.

          Dennoch denkt Stock in diesem Augenblick auch an seinen Klub, der 2004 in den neuen Borussia-Park umgezogen ist. Denn bei aller Liebe zum Bökelberg: Wegen der nur 34.500 Zuschauer-Plätze auf steilen Rängen waren die Borussen schon in den glorreichen 70ern gegenüber dem Erzrivalen Bayern München und dessen Olympiastadion kaum noch konkurrenzfähig.

          Platz für Villen

          Für eine Million Euro machen nun Bagger und Abrißbirnen den Bökelberg bis Juli inklusive der Sprengung der Haupttribüne Stück für Stück dem Erdboden gleich und damit in dem Villenviertel Platz für ein neues Wohngebiet. Das Gelände allerdings bleibt auch nach dem „Rückbau“ ein Stück Bökelberg: Aus dem Schutt werden die mineralischen Baustoffe wie Stein und Beton nach ihrer Wiederaufbereitung ebenso für das Neubau-Areal verwendet wie die gut 30.000 Kubikmeter Kies unter den bald nicht mehr existierenden Betonwall-Tribünen.

          Anders als Stock, Pöggeler und einige Fans haben die neuen Herren der Borussia mit dem „Mythos Bökelberg“ offenbar nicht mehr viel im Sinn: Aus Vorstand, Management oder Mannschaft läßt sich in der früheren Heimat niemand sehen.

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