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Bochums Gertjan Verbeek : „Ich sage, was ich denke“

Klare Wort auf und neben dem Platz: Gertjan Verbeek Bild: dpa

Bochums Trainer Gertjan Verbeek sorgte zuletzt mit seiner öffentlichen Journalistenschelte für Aufsehen. Im FAZ.NET-Interview sprach er über Selbstzweifel, das schöne Spiel und seine Streitlust.

          Gertjan Verbeek ist schon bei mancher seiner Trainerstationen mit seiner knorrigen Art aufgefallen. Beim VfL Bochum sorgte er zuletzt mit seiner öffentlichen Journalistenschelte für Aufsehen. Im FAZ.NET-Interview sprach er vor dem Zweitliga-Topspiel gegen RB Leipzig am Sonntag (13.30 Uhr) über Selbstzweifel, das schöne Spiel und seine Streitlust.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Herr Verbeek, was haben Sie in der Pause zwischen Ihrer Entlassung in Nürnberg und dem Engagement in Bochum gemacht? An Ihrer Blockhütte geschraubt? Ihre Harley ausgefahren?

          Ich bin in die Heimat gefahren, nach Holland, habe an meiner Blockhütte gearbeitet, habe für das Fernsehen als Co-Kommentator Analysen von Erstligaspielen gemacht - und für meine Harley habe ich endlich auch wieder etwas mehr Zeit gehabt. Ich bin mit ihr eine Woche unterwegs gewesen.

          Hat Sie die Entlassung in Nürnberg getroffen?

          Was mich am meisten geärgert hat, ist, dass Leute, mit denen man sieben Monate sehr eng zusammengearbeitet hat, so instabil sind, dass man in der einen Woche über Vertragsverlängerung spricht und in der nächsten Woche über Entlassung. Ich verstehe nicht, dass man so miteinander umgeht.

          Gab es Zweifel nach dieser Entlassung, Selbstzweifel?

          Nein. Natürlich sind in Nürnberg auch einige Dinge schiefgelaufen, aber ich habe aus 21 Spielen trotz vieler verletzter Spieler 20 Punkte geholt. Die 13 Spiele ohne mich haben nur fünf Punkte gebracht, nach meiner Entlassung gab es keinen einzigen mehr. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich habe alles gegeben für den „Club“, das haben die Fans auch gesehen. Sie haben die Art und Weise gemocht, wie wir gespielt haben. Und die Fans, die sind der Gradmesser eines Vereins.

          Nürnberg ist Vergangenheit, jetzt, heißt es, hätten Sie Bochum wachgeküsst. Wie macht man das?

          Als man mich gefragt hatte, ob ich mir vorstellen könne, in Bochum zu arbeiten, habe ich mich ein bisschen in den Verein vertieft. Ich schaue dabei nicht so sehr in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Die Fragen sind: Welche Herausforderungen sind da? Mit welchen Spielern und Trainern werde ich arbeiten? Was ist möglich? Dann bekommt man ein Gefühl, und dann sagt man ja oder nein. Ich habe ja gesagt zu Bochum.

          „Wachgeküsst“: Unter Gertjan Verbeek hatte Bochum schon manches zu bejubeln.

          Bochum hat viel Tradition und die Aura eines Malochervereins. Hat das eine Rolle gespielt bei Ihrer Entscheidung?

           Ich glaube nicht an solche Klischees. Heute kommen in der Regel die Vereine hoch, die auf eine moderne Art und Weise gesteuert werden, wie Wolfsburg, Hoffenheim, Ingolstadt oder auch Leipzig. Das sind Vereine, die haben viel Geld und wollen so schnell wie möglich so weit wie möglich nach oben.

          Es heißt, dieser Art von Vereinen fehle das Herz und die Seele, die hätten nur Geld.

          Das stimmt, aber den anderen fehlt eben auch etwas: das Geld. Und das entscheidet über vieles. Eine Philosophie vom Fußball reicht allein nicht aus, man muss auch die richtigen Möglichkeiten, die richtigen Rahmenbedingungen haben.

          Beweist Darmstadt 98 nicht gerade das Gegenteil?

          Ja, aber da muss man sehen, wie lange das dauert, da bin ich sehr neugierig. Ich sehe auf Dauer keine Chance für die Darmstädter. Das kann man ein, zwei Jahre durchhalten, aber wenn sie die Bedingungen nicht entscheidend verbessern, werden sie wieder absteigen.

          Ihre Spielphilosophie basiert auf Offensive, Aktivität, Mut, Selbstvertrauen, Fitness. Wie begeistern Sie Ihre Spieler für diese Idee vom Fußball?

          Ich muss niemanden begeistern. Was ich versuche, ist zu bewerkstelligen, dass die Spieler Spaß haben. Und man hat nur Spaß, wenn man seine Kreativität ausleben kann, man hat im Fußball nur Spaß, wenn man den Ball hat. Wenn man die ganze Zeit defensiv denken und arbeiten muss, dann bekommt man viel negative Energie in die Mannschaft, und das wird am Ende zu wenig sein. Man entwickelt sich dann nicht mehr. Man muss deshalb offen sein für neue Ideen, man muss kreativ sein und nach vorne spielen, nach vorne denken und den Glauben haben, dass man sich weiterentwickeln kann. Ich will ein Trainer sein, der das vorlebt, dann kommen der Spaß und der Glauben von selbst.

          Wenn Sie vom Glauben reden - empfinden Sie sich als Prediger des schönen Spiels? Als eine Art Guru?

          Nein. Aber natürlich fängt es bei dem an, der das Vorbild geben muss. Und das bin ich. Ich bin der Cheftrainer, und ich muss nach meiner Überzeugung handeln, dass dies der Weg ist, den die Spieler gehen müssen.

          Ihr Trainerkollege, der große Cesar Luis Menotti, hat den Fußball politisch definiert, der rechte Fußball sehe sich der Zerstörung verpflichtet, der linke der Kreativität. Der rechte dem Siegen, der linke der Schönheit. Sehen Sie das genauso?

          Ich bin nicht sehr politisch engagiert, ich denke nicht in Problemen, sondern in Lösungen. Nehmen Sie die aktuelle Flüchtlingswelle, sie ist ein Problem, klar, aber wenn man sie nur als Problem sieht, kommt man nicht weiter. Man muss sie als Tatsache sehen und nach Lösungen suchen, wie wir diese Menschen unterbringen, wie wir zusammen mit ihnen leben können. Und um Lösungen zu finden, braucht man positive Energie, braucht man Kreativität. Destruktivität führt nur zu Ärger, nicht zu Lösungen.

          RB Leipzig ist am Sonntag Bochums nächster Gegner. Einen Torjubel wie den von Davie Selke würde Gertjan Verbeek gern vermeiden.

          Am Sonntag spielen Sie als Tabellenführer gegen Leipzig. Wie stehen Sie zu diesem Verein, einem Marketingprodukt, das im Vergleich zum VfL im Geld schwimmt, in der Tabelle aber hinter ihm steht?

          Ich schaue nicht auf das Geld, das die Leipziger haben. Ich schaue auf ihre Spieler, auf gute Spieler. Wir haben eine gute Mannschaft, und wenn wir wieder als Team auftreten, dann haben wir eine gute Chance, auch gegen Leipzig zu gewinnen. Aber natürlich wird Leipzig auf Dauer auch durch das viele Geld immer stärker werden.

          Vergangenes Jahr hatten Sie einen harten Disput mit dem Freiburger Trainer Christian Streich, den Sie unverschämt und respektlos nannten. Sie haben gegen Freiburg in dieser Saison schon gewonnen, ebenso gegen Nürnberg - zwei besonders schöne Siege?

          Klar will man solche Spiele gewinnen, aber da ist kein Hass. Ich lebe nicht in der Vergangenheit. Aber diese Geschichten werden von der Presse immer wieder hochgekocht und zum Thema gemacht.

          Woher kommt Ihre Streitlust?

          Ich sage, was ich denke. Was Streich betrifft, so sind viele derselben Meinung wie ich, aber sie sagen es nicht. Ich sage es. Die Botschaft muss immer deutlich sein. Ich habe Normen, nach denen ich lebe. Ich sage auch gegenüber „Bild“ das, was ich denke und für richtig halte.

          Mit „Bild“ haben Sie sich massiv angelegt, was kaum ein Trainer wagt. Keine Angst, bei der ersten Gelegenheit weggeschrieben zu werden, keine Angst vor Rache?

          Angst, das ist das entscheidende Wort. Ich habe keine Angst. Ich fliehe nicht, und ich brauche auch keine Freunde unter den Reportern. Die machen ihren Job, ich mache meinen. Sie machen Schlagzeilen, ich arbeite mit meiner Mannschaft. Was Leute über mich schreiben oder wie sie mich finden, ist mir völlig egal. Wäre es anders, hätte ich diesen negativen Stress, den ich nicht will. Ich habe genug Stress mit den Spielern, diese Anspannung, gute Resultate zu holen. Das ist positiver Stress, den genieße ich. Den anderen kann ich nicht brauchen.

          Hat der Verein nicht mal gesagt, Gertjan, jetzt mach mal langsam! Mit „Bild“ anlegen, das gibt doch nur Ärger.

          Die Botschaft muss deutlich sein, darüber sind wir uns beim VfL einig. Aber auch der Ton ist wichtig, Schimpfwörter passen nicht. Das habe ich auch sofort klargemacht und mich für die Wortwahl entschuldigt. Generell gilt: Wenn man zusammenarbeiten will, muss gegenseitiges Vertrauen da sein. Wenn das nicht der Fall ist, muss man sich trennen.

          Keine Angst zu haben, ist das Voraussetzung für die letzte Konsequenz?

          Ja. Angst bedeutet Unsicherheit. Und wer unsicher ist, hat kein Selbstvertrauen.

          Wie ist es mit der Angst auf dem Platz?

          Derselbe Prozess. Mit Angst im Körper kann man seine Leistung nicht bringen. Wenn man Angst hat zu verlieren, wird man verlieren. Angst erzeugt ein ungutes Gefühl, aber um ein optimales Resultat zu erreichen, muss man ein gutes Gefühl haben.

          Wie erzeugen Sie ein gutes Gefühl, wie erzeugen Sie Selbstvertrauen?

          Wir haben einen Plan. Und wenn die Spieler merken, dass sie mit diesem Plan erfolgreich sein können, nimmt ihnen das die Angst. Ich kann ihnen kein Selbstvertrauen mitgeben, ich kann nur versuchen, ihnen die Angst davor zu nehmen, erfolgreich zu sein. Das trainieren wir. Wir verteidigen fast in jedem Spiel sehr weit vorn, obwohl wir nicht die schnellsten Verteidiger haben. Die Spieler haben das jetzt akzeptiert, sie wissen, wenn jeder mitmacht, dann funktioniert es. Sie vertrauen dem Plan, und sie vertrauen sich selbst.

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