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Boateng gegen Boateng : Mal eben abklatschen

Kurzer Handschlag, keine Umarmung: Kevin-Prince Boateng (l.) und Jerome Boateng Bild: AFP

Jerome für Deutschland, Kevin-Prince für Ghana - ein besonderer Abend in der Familiengeschichte der Boatengs. Vorher wird Kevin dem Image als Bad Boy gerecht. Später geht es ohne die befürchteten Aggressionen.

          Nach einer halben Stunde sah es so aus, als ginge der brisante Fußballabend vorzeitig zu Ende für Kevin-Prince Boateng. Der in Berlin geborene Ghanaer ließ sich am Spielfeldrand am Oberschenkel behandeln, schleppte sich danach, offenbar von Schmerzen geplagt, über den Platz. Doch kurze Zeit später: ganz plötzlich ein schneller Sprint nach vorne, eine Flanke seines Mannschaftskollegen Andre Ayew von rechts und ein Kopfball Richtung deutsches Tor. Die Chance wurde vertan, der Ball verfehlte das Ziel, doch es war zu erkennen, welche Gefahr von dem einen der beiden Boatengs trotz des körperlichen Problems weiterhin ausgehen konnte. Kevin-Prince biss auf die Zähne - wie er es in seinem Fußballerleben schon so oft getan hatte.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nicht nur für ihn war es ein ganz besonderer Tag. Der Spielplan und eine personelle Veränderung auf Seiten der deutschen Nationalelf führten den 23 Jahre alten Mittelfeldspieler ausgerechnet mit seinem jüngeren Halbbruder zusammen. Bundestrainer Joachim Löw hatte Jerome Boateng auf der linken Außenverteidigerposition anstelle von Holger Badstuber gebracht, womit Löw dem Duell gegen Ghana eine weitere besondere Note gab. „Es war schon etwas Besonderes, gegen Ghana zu spielen. Ich habe mir den ganzen Tag darüber Gedanken gemacht“, sagte Jerome Boateng nach der Partie. „Ich weiß nicht, ob wir uns nochmal über den Weg laufen.“

          Nebeneinander liefen die beiden Boatengs ins Stadion ein, hörten die Nationalhymnen der Länder, für die sie bei dieser Weltmeisterschaft aufgeboten werden. Kevin schloss die Augen, Jerome blickte in den Abendhimmel von Johannesburg. Kurz vor dem Anpfiff liefen die Mannschaften wie üblich aneinander vorbei, und die Spieler klatschten sich gegenseitig ab - auch Jerome und Kevin. Eine besondere Geste der Versöhnung, vielleicht eine Umarmung, auf die so einige gehofft hatten, blieb jedoch aus.

          „Ab sofort spielen wir für ganz Afrika”: Kevin-Prince Boateng

          Ohne den 15. Mai hätte dieses Bruderduell am Mittwoch Abend etwas von einer kuriosen WM-Story mit netter Familienzusammenführung gehabt. Zwei junge, talentierte Fußballer mit demselben Vater, aufgewachsen in derselben Stadt, als Spieler für zwei verschiedene Nationen. Eine besondere Konstellation, die so noch nie bei einem Weltturnier stattgefunden hat.

          „Viele bedanken sich, dass ich den DFB von Ballack befreit habe“

          Doch nach dem Vorfall im englischen Pokalfinale, als Kevin-Prince Boateng den deutschen Kapitän Michael Ballack am Knöchel traf und dieser daraufhin für das WM-Turnier verletzt absagen musste, bekam die Geschichte eine unschöne Wendung. Über die zum Teil bösartigen Diskussionen um die Schuldfrage zerstritten sich auch die Brüder. Weder die beiden Boatengs, noch ihre Familien oder die Berater waren in der Lage, im Hinblick auf das Duell in Johannesburg wieder brüderliche Nähe herzustellen. Es musste das Schlimmste befürchtet werden.

          Vor der Partie gegen die Deutschen brachte Kevin-Prince neue Emotionen ins Spiel und wurde seinem Image als Bad Boy auf perfekte Weise gerecht. „Viele Fans, sogar Fußballspieler bedankten sich bei mir, dass ich den DFB von Ballack befreit habe“, sagte er gegenüber „Sportbild“. Er betonte aber zugleich, keinen „Hass“ auf die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu verspüren. In seiner Juniorenzeit trat er noch für Deutschland an. In Ghana, der Heimat seines Vaters, war Kevin dafür noch nie - die Akzeptanz in der Mannschaft konnte er sich jedoch schnell bei diesem Turnier mit guten Leistungen erarbeiten.

          Befürchtete Emotionen oder sogar Aggressionen bleiben aus

          Gerade in der ersten Halbzeit trieb er mit schnellen Flachpässen das Spiel seiner Elf nach vorne und schaltete sich als eine der beiden defensiven Mittelfeldkräfte oft auch in der Offensive ein. Jerome erfüllte seine Aufgabe auf der linken Abwehrseite solide, machte weniger Fehler als sein Vorgänger Badstuber in den ersten beiden Spielen. Aber mehr als eine befriedigende Note kam für ihn nicht heraus. Beide Brüder spielten im April 2009 schon einmal in verschiedenen Mannschaften gegeneinander - für 13 Minuten, beim Spiel zwischen Hamburg (Jerome) und Dortmund.

          Der gestrige Abend wird dennoch auf besondere Weise in die Familiengeschichte der Boatengs eingehen. Als Jerome in der 72. Minute vom Bundestrainer ausgewechselt wurde, war der gemeinsame Auftritt beendet. Die befürchteten Emotionen oder sogar Aggressionen blieben aus. „Weder von den Deutschen, noch von mir gab es aber irgendwelche abfälligen Bemerkungen oder dergleichen“, sagte Kevin-Prince Boateng. Vielleicht ist das die Basis für einen Neuanfang der Brüderbeziehung.

          Sogar das Turnier geht für beide weiter, für Ghana am Samstag gegen die Vereinigten Staaten, für Deutschland am Sonntag gegen England (16.00 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker). „Ab sofort spielen wir für ganz Afrika. Ghana vertritt diesen ganzen Kontinent“, sagte Kevin-Prince Boateng der Internetausgabe der „Sport Bild“ am Donnerstag. „Die afrikanischen Fans werden uns unterstützen und wir werden alles dafür geben, ins Viertelfinale einzuziehen.“

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