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Bierhoff am Dozentenpult : Prof. Bierhoff und die Kanzlerfrage

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Auf fremdem Terrain: Bierhoff im Hörsaal Bild: REUTERS

Es war kein glänzender Auftritt. Dennoch zog sich Oliver Bierhoff bei seiner Gastvorlesung an der Humboldt-Universität achtbar aus der Affäre. Wenn es eng wurde, wie etwa in der Kanzlerfrage, vertraute der frühere Nationalspieler auf ein bewährtes Mittel: den Rückpaß.

          Oliver Bierhoff hatte seine Vorlesung gerade begonnen, da fühlte er sich wie im Fußballstadion. Es ging nicht ganz so hitzig zu wie bei Spielen, in denen das Publikum seinen Unmut mit Pfiffen und Buhrufen kundtut, aber von der Tribüne im Hörsaal 201 der Humboldt-Universität zu Berlin flatterten rosa Flugblätter, und der ehemalige Kapitän der Nationalelf wurde mit bunten Plastikbällen beworfen. Außerdem störten Zwischenrufe seine Rede. Wie im Fanblock sorgten auch unter den Studenten der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Ordner mit festem Griff rasch für Ordnung. Ein paar einzelne waren es nur, die störten. Wohl in erster Linie, weil Bierhoff von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft verpflichtet worden war. Für die Kritiker ein "Lobbyverein deutscher Arbeitgeber" mit Ansichten, die manchem Studenten nicht gefallen - nicht nur, weil die Initiative Studiengebühren befürwortet. Der smarte Bierhoff war souverän wie einst auf dem Feld und in den Interviews danach. Er überspielte die heikle Situation mit einem Lächeln und freundlichen Worten: "Werft nicht mit Bällen, wir können doch gleich drüber reden."

          Dazu blieb dann wenig Zeit. Ebensowenig gab es Autogramme, weil schon das nächste Meeting in Mailand rief. Aber im Prinzip durfte sich Bierhoff ob der Zwischenfälle noch einmal bestätigt fühlen, daß er mit dem Vergleich der beiden scheinbaren Parallelwelten Sport und Wirtschaft nicht so falsch lag. "Was die Gesellschaft vom Sport lernen kann", so lautete sein Thema. Im Kern wollte er erläutern, daß es viele Ähnlichkeiten zwischen Fußball und Wirtschaft gibt. Weshalb er in einem Atemzug Franz Müntefering und Reiner Calmund zitierte. Auch das ärgerte einige. "Du warst für mich heute ein Totalausfall", sagte ihm ein Student auf den Kopf zu: "Total schwammig." Andere spendeten viel Applaus. Vielleicht auch, weil sie nur unterhalten werden wollten und keine tiefgründigen Analysen zu Arbeitslosigkeit und Konjunkturschwäche von einem erwarteten, der bisher für ganz andere Kopfarbeit stand.

          Doch der Mittdreißiger, der seine Fußballkarriere vor Jahresfrist bei Chievo Verona beendet hat, war auch eingeladen worden, weil er ein Betriebswirtschafts-Studium an der Fernuniversität Hagen erfolgreich abgeschlossen hat. Zwar erst nach stolzen 26 Semestern, womit er sich nahtlos einreiht in die Schar der Bummelanten, für welche die Bundesländer Strafgebühren fordern - aber dem früheren Nationalstürmer hält man zugute, daß ab und zu ein Golden Goal oder ein Auswärtsspiel dazwischenkam. Bierhoff sei "einer von uns", sagte der gastgebende Professor Joachim Schwalbach und behauptete, "daß ökonomisch gebildete Sportler eher Spitzenleistungen bringen, da sie mit den Gesetzen von Aufwand und Ertrag vertraut sind".

          „Wie kommen wir wieder in die Champions League?“

          Nun waren sie also unter sich, die Wirtschaftswissenschaftler. Schwalbach reichte, wenn dem Gastdozenten der Mund trocken wurde, die Wasserflasche ohne Glas. Das paßte szenisch viel besser zu seinem Vortrag, an dem Bierhoff zwei bis drei Tage lang gesessen haben will. "Der Klassenerhalt im weltweiten Wettbewerb kann nicht Deutschlands Anspruch sein. Die Frage ist: Wie kommen wir wieder in die Champions League", sagte er mit geschliffenen Worten. Daß ihm andere die Vorlagen gaben für siebzehn Manuskriptseiten, erwähnte er ganz leise erst auf Nachfrage. Ansonsten hatte er ein paar hübsche Vergleiche parat für 300 Zuhörer, deutlich mehr, als Finanzminister Hans Eichel bei seinem Vortrag an der Humboldt-Uni angezogen haben soll. "Die Politik ist endlich gefordert, ein flüssigeres Spiel entstehen zu lassen", sagte Bierhoff und beklagte fehlende einheitliche Regeln im europäischen Binnenmarkt. Beim Internationalen Fußball-Verband funktioniere das alles wunderbar, obwohl die Abseitsregel doch so kompliziert sei. Zwischen vielen Floskeln (,,Teamgeist ist wichtig in der Wirtschaft, wir sind 1996 auch nur als verschworene Gemeinschaft Europameister geworden") wagte er es sogar, zu fordern: Lockerung des Kündigungsschutzes, flexible Entlohnung, einfacheres Steuerrecht. "Nur der riskante Paß wird eine besondere Chance eröffnen." In Deutschland müsse endlich "mehr Mut zum Wettbewerb" her. Das sei nicht gleichbedeutend mit sozialer Kälte, sagte der Unicef-Botschafter, "sondern von Konkurrenz lebt die Marktwirtschaft". Er sei doch 1998 auch nur Torschützenkönig beim AC Mailand geworden, weil ihm im Fernduell Ronaldo so eingeheizt habe.

          "Herr Bierhoff", fragte ein Student, "braucht Deutschland denn auch einen Trainerwechsel?" Da überlegte er recht lange und lavierte herum, wie dies auch weniger gescheite Kicker immer wieder tun: "Wenn ein Trainer nichts mehr bewegen kann, dann muß er ausgewechselt werden. Aber es liegt auch an der Einstellung der Spieler." Jede andere Aussage hätte der Kanzler, einst Stürmer wie Bierhoff, dem offiziellen WM-Botschafter womöglich übelgenommen.

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