https://www.faz.net/-gtl-78ldx

Betrug und Ehre : Warum Hoeneß zurücktreten sollte

  • -Aktualisiert am

Uli Hoeneß: Das wichtigste Match seiner Karriere wegen seines Eigentors schon vor dem Abpfiff verloren Bild: dpa

Uli Hoeneß hat Enormes für den Verein geleistet und damit auch für den deutschen Fußball. Aber kann der Architekt des FC Bayern dessen Präsident bleiben? Wir meinen: Nein.

          2 Min.

          Der Fall von Uli Hoeneß muss noch en detail aufgeklärt werden, bevor er abschließend von Steuerexperten und Staatsanwälten beurteilt werden kann. Aber eine Frage lässt sich schon jetzt beantworten. Kann der Architekt des FC Bayern dessen Präsident bleiben? Wir meinen: Nein.

          Hoeneß hat Enormes für den Verein geleistet und damit auch für den deutschen Fußball. Er hat darüber hinaus vielen Menschen in Not geholfen, ohne diesen sozialen Einsatz an die große Glocke zu hängen. Aber diese Haltung lässt sich nicht gegen sein Vergehen aufrechnen, wenn es um sein Amt als erster Mann der Bayern geht. Das ist keine Vorverurteilung. Denn mit seiner Selbstanzeige hat der frühere Nationalspieler und Supermanager des Rekordmeisters seine Steuerhinterziehung eingeräumt. Sie lindert zwar, wenn es denn so war, die Strafe, ändert aber nichts am grundsätzlichen Vergehen. Steuerhinterziehung, das kann man nicht anders schreiben, ist ein Betrug am Staat, also an den Bürgern.

          Dieser Fall ist umso gravierender, als Hoeneß in der Öffentlichkeit ja nicht nur als Moralist aufgetreten ist, sondern auch im Fernsehen behauptet hat, seiner Pflicht als Staatsbürger wie selbstverständlich zu folgen. Wahrscheinlich haben sich nicht wenige in unserem Land an diesem beeindruckenden Mann orientiert. Weil da einer auftrat, der ihnen den Glauben vermittelte, großer Erfolg, großer Reichtum verderbe eben doch nicht den Charakter und die guten Sitten. Einer, der beim - gefühlten - Verfall der Werte noch Tugenden verkörperte. Das war dann wohl eine Lüge, die seine Bewunderer hinters Licht führte, ein zweiter Betrug.

          Sein Handeln bestimmt den Kodex

          Dieser enorme Verlust der Glaubwürdigkeit lässt sich mit dem Amt eines Vereins-Präsidenten nicht vereinbaren, weder in der Kreisliga noch in der Champions League. Denn der Vorsitzende ist der Erste Mann im Klub. Er soll voran gehen, nicht nur die Entwicklung in Bahnen lenken, sondern auch die Kultur des Vereins repräsentieren. Wie tritt er auf, was ist ihm wichtig? Hoeneß, der starke Mann, bestimmt das Wesen seines Klubs wie kein Zweiter, er ist die Identifikationsfigur, sein Handeln wird deshalb als Verhaltenskodex seines Vereins betrachtet. Und der FC Bayern ist nicht nur der bedeutendste deutsche Verein, sondern ein repräsentatives Stück Deutschland.

          Wenn Hoeneß also festhält an seinem Wunsch, Präsident zu bleiben, dann wird der FC Bayern in Zukunft in einem Atemzug mit der Haltung eines Steuerbetrügers in Verbindung gebracht werden. Mit einem Mann, der trotz aller Begabung im Fußballgeschäft und trotz seines Scharfsinns bei der Lust auf sein verstecktes Gewinnspiel in der Schweiz übersah, dass ein Ehrenamt mehr verlangt als den Verzicht auf Bezahlung.

          Hoeneß hat das wichtigste Match seiner Karriere wegen seines Eigentors schon vor dem Abpfiff verloren. Punkten könnte er trotzdem. Wenn er nicht quälend lange auf Zeit spielte, sondern schnell zurückträte. Dann gewönne sein Lebenswerk die notwendige Unabhängigkeit, und der außergewöhnliche Manager etwas von dem zurück, was einen hervorragenden Präsidenten ausmacht: Ehrenhaftigkeit.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Coronakrise : Kein „Tschernobyl-Moment“

          Chinas Führung kämpft gegen unliebsame Informationen über das Coronavirus. Jetzt hat Staatschef Xi gesprochen. Das zeigt, dass die Lage ernst ist. Problem: Wenn Xi im Spiel ist, muss alles besser werden – zumindest offiziell.
          Offenbar gehört der Mensch doch nicht sich selbst, jedenfalls nicht im Sinne eines frei verfügbaren Eigentumsverhältnisses zum eigenen Körper.

          Organspende-Entscheidung : Wem der Mensch gehört

          Das Parlament hat die Organspende unlängst im Sinne der erweiterten Zustimmungslösung geregelt. Aber was wurde damit eigentlich genau entschieden? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.