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Berti Vogts : „Soll ich rumsitzen und Golf spielen?“

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Weltenbummler Berti: „In Deutschland legt man keinen Wert auf meine Arbeit” Bild: AP

Berti Vogts muss in Aserbaidschan keine Wunder vollbringen, sondern darf als Fußballlehrer Pionierarbeit leisten. Über deutsche Schlagzeilen wie „Warum tut Berti sich das an?“ amüsiert sich Vogts: „Ich bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt.“

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          Der Airbus 330 aus Aschgabad und Baku mit der Flugnummer LH 613 landet als zweiter Flieger am Freitag in Frankfurt. Um 5.17 Uhr. Hellwach, sonnengebräunt und lächelnd kommt Berti Vogts aus der automatischen Schiebetür und zieht zwei Gepäckstücke auf Rollen hinter sich her. Der gut gelaunte Mann aus Korschenbroich kehrt von seinem dreizehntägigen Antrittsbesuch als neuer Fußball-Nationaltrainer von Aserbaidschan zurück.

          Der Weltenbummler, der privat von Alaska bis Australien so ziemlich alles Sehenswerte dieser Welt bereist hat, schwärmt geradezu von der „wunderschönen Hafenstadt“ Baku am Kaspischen Meer, von der „Helligkeit der vielen alten, restaurierten Häuser“, die das Bild der 1,5 Millionen Einwohner zählenden Metropole am Kaukasus weitgehend prägen, von „der Freundlichkeit der Menschen“. Vogts wird sein Büro in einem der modernen Neubauten mit Meeresblick beziehen, im fünfstöckigen Glaspalast der Affa, so das Kürzel des Fußballverbandes. Baku boomt. Das Öl auf der Halbinsel Abseron sprudelt. Vogts spricht von „Aufbruch“, der auch den Fußball in diesem Land an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien erfasst habe.

          „Ich bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt“

          Über deutsche Schlagzeilen wie „Warum tut Berti sich das an?“ ärgert sich Vogts nicht, sondern amüsiert sich. Der 61-Jährige scheint nach seinem Rücktritt als Bundestrainer vor zehn Jahren auf seiner langen Wanderschaft von Leverkusen, über Kuweit, Schottland nach Nigeria nun sein Fußballglück gefunden zu haben. „Ich bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt“, sagt er.

          Europameister und „Welttrainer des Jahres” 1996
          Europameister und „Welttrainer des Jahres” 1996 : Bild: picture-alliance/ dpa

          Der akribische Fußballlehrer hat wieder Freude daran, wie einst als DFB-Trainer von 1979 bis 1990 mit jungen Spielern ohne Erfolgsdruck zu arbeiten. Wer wisse denn heute noch, bemerkt er beiläufig, dass bis auf zwei alle Weltmeister von 1990 aus seinen Jugendmannschaften kamen? „In Deutschland aber“, sagt Vogts mit bitterem Unterton, „legt man keinen Wert auf meine Arbeit.“

          Den Traum von der WM-Teilnahme „kann ich nicht erfüllen“

          Der Europameister und „Welttrainer des Jahres“ 1996 muss in Baku keine Wunder vollbringen. Die Illusion von der WM-Qualifikation für Südafrika in einer Gruppe mit Deutschland, Russland, Finnland, Wales und Liechtenstein hat er den Aserbaidschanern gleich auf seiner ersten Pressekonferenz genommen: „Diesen Traum kann ich nicht erfüllen.“ Die Aufgabe bis zum Vertragsende 2010 sehen Affa-Präsident Abdullajew Rownag, oberster Chef der staatlichen Ölgesellschaft, der 29 Jahre alte Generalsekretär Elkhan Mammadow und auch Vogts hauptsächlich darin, das Niveau des Fußballs in Aserbaidschan insgesamt zu heben.

          Pionierarbeit am Kaukasus - so einen Job liebt Berti Vogts. Anders als zuletzt in Nigeria, wo die Spieler alle in Europa verstreut waren, spielen bis auf zwei „Legionäre“ in Polen und in der Türkei alle Kaderkandidaten in der nationalen Liga von 14 Klubs. In Baku lasse sich leben und lehren, sagt Vogts. Neue Strukturen von der Schule („dort spielen sie erst ab 15 Jahren Fußball“) bis zu den Vereinen („einmal Training am Tag reicht nicht“) will Vogts einführen, in regelmäßigen, mehrtägigen Trainingslagern den größten Mangel, Athletik, Kondition und Schnelligkeit, beheben.

          Drei Wochen Aserbaidschan, eine Woche Justin

          Mit Bernhard Lippert, dem einstigen Amateurtrainer von Eintracht Frankfurt, ist bereits seit Monaten ein Technischer Direktor für den Nachwuchs am Ort, ein Kollege, so Vogts' Urteil, „der 24 Stunden am Tag arbeitet“. Am Anfang seiner Agenda 2008/2009 stehen zwei Länderspiele in Bosnien-Hercegovina und Andorra. Im September beginnt die langwierige WM-Qualifikation. Zu den beiden Spielen gegen Deutschland kommt es erst im August und im September 2009. Uli Stein ist wieder Torwarttrainer. Seinen Assistenten sucht Vogts noch.

          Nicht Lippert, sondern ein anderer ehemaliger Eintrachtler hat Berti Vogts bei der Affa ins Gespräch gebracht: Kahaber Tsahadadze. Der Georgier spielte von 1992 bis 1996 in Frankfurt im Abwehrzentrum und ist jetzt Trainer bei Standard Baku, einem der sechs Erstligaklubs der Hauptstadt. Man traf sich vor zwei Monaten in London und war sich innerhalb von zwei Tagen einig. Rund eine Million Euro, heißt es, soll die Affa dem prominenten Trainer pro Jahr bezahlen.

          Waisenkind und Einzelkämpfer

          Da muss die Frage, was er sich in Aserbaidschan antue, schon verwundern. „Soll ich fünfmal die Woche Golf spielen? Ich habe keine Lust, zu Hause herumzusitzen“, sagt Vogts schnippisch. Es sei schließlich seine Sache, was er sich antue und was nicht: „Nicht länger Nigeria.“

          Wegen der Funktionäre, nicht wegen der Spieler hatte er gekündigt. Berti Vogts, als Waisenkind aufgewachsen, ist immer ein Einzelkämpfer gewesen, jetzt vielleicht sogar ein einsamer Mensch in Deutschland geworden. „Wenn ich meinen Sohn nicht hätte, das steht fest, würde ich nicht mehr in Deutschland leben, sondern in Amerika“, verrät er. Der Sohn, der am 9. Mai 20 Jahre alt wird, studiert in Glasgow im zweiten Jahr Aeronautik. Eine Woche im Monat gehört Justin, die anderen drei Wochen widmet er sich den Jungens in Aserbaidschan. So hat Berti Vogts sein Leben jetzt geregelt.

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