https://www.faz.net/-gtl-uqkb

Berliner Fußballclub Dynamo : Mit Hooligans und Nazis gegen Rassismus

  • -Aktualisiert am

Der BFC Dynamo setzt auf Integration sogenannter Fans Bild: dpa

Die Polizei spricht von 600 Hooligans im Umfeld des Berliner Traditionsklubs BFC Dynamo. Peter Meyer will den verschuldeten DDR-Rekordmeister sanieren und gegen Gewalt und Rassismus vorgehen. Auf besondere Weise. Von Olaf Sundermeyer.

          3 Min.

          Der neue starke Mann beim Berliner Traditionsverein BFC Dynamo macht Richtern „Bauchschmerzen“, wenn es um den Freispruch nach einer Schlägerei im Fußballstadion geht. Ein Fan der gegnerischen Mannschaft aus Babelsberg hatte Peter Meyer, den Wirtschaftsratsvorsitzenden des Vereins, vor der laufenden Kamera des Senders RBB identifiziert. Er beschuldigt ihn, einen anderen Babelsberger Anhänger bei einem Platzsturm von Dynamo-Anhängern vor drei Jahren krankenhausreif geschlagen zu haben. Die Fans der beiden damaligen Oberligaklubs sind verfeindet, Dynamo-Fans gelten als politisch rechts, die Fans des Potsdamer Stadtteilklubs als links.

          „Absolut haltlos“ nennt Meyer diesen Vorwurf. Seit ein paar Tagen nun steht der 39 Jahre alte Berliner Unternehmer, der Telefonkarten an Internetcafés und sogenannte Call-Shops verkauft, dem siebenköpfigen Wirtschaftsrat des Problemvereins BFC Dynamo vor. Über seine Firma ist Meyer der Hauptsponsor des klammen Klubs. Von 165.000 Euro Schulden ist die Rede - mit 115.000 Euro soll Meyer inzwischen der größte Gläubiger sein, weil sein Unternehmen die Schulden des BFC an Dritte übernommen hat, die in einen Darlehensvertrag umgewandelt wurden. Zusätzlich unterstützt er den Verein mit mehreren zehntausend Euro aus eigener Tasche - als Sponsor.

          „Freispruch heißt, dass ich nichts gemacht habe“

          Meyer betrachtet sich als engagierten Geschäftsmann, der seinen Verein unterstützt, nicht als gewalttätiger Fußballfan. „Und Freispruch heißt schließlich, dass ich nichts gemacht habe.“ Im Übrigen hätte man nicht den Platz gestürmt. „Ich bin damals lediglich auf den Rasen gegangen und habe mit der Mannschaft gefeiert.“ Wegen dieses „Feierns“ läuft noch ein von der Staatsanwaltschaft Potsdam ausgelöstes Berufungsverfahren gegen den Freispruch für Meyer. Den Wirtschaftsratsvorsitzenden erwartet eine neue Hauptverhandlung und eine neue Beweisaufnahme. Staatsanwalt Wilfried Lehmann geht immer noch von einer „überwiegenden Urteilswahrscheinlichkeit“ aus, „weil es einige Zeugen gibt, die Herrn Meyer eindeutig identifiziert haben“.

          Unterdessen will Meyer den verschuldeten DDR-Rekordmeister sanieren und „gegen Gewalt und Rassismus“ bei Dynamo vorgehen. Wie das genau geschehen soll, verrät er nicht. Meyers Gegenspieler im Verein, der vor einer Woche zurückgetretene Präsident Mario Weinkauf, redet offen davon, dass nun „gewaltbereite Hooligans“ den Verein übernehmen. Deren einziges Interesse läge darin, „dass alles so bleibt wie es ist, damit sie ihre gemütliche Spielwiese behalten können“. In Meyers Umfeld verdienen einige BFC-Anhänger Geld mit dem Verkauf von einschlägiger Kleidung für Hooligans.

          Durchlässige Sicherheitszäune

          Seit Monaten herrscht eine Fehde zwischen dem ehemaligen Präsidenten Weinkauf und Meyer. Persönliche Gespräche gibt es nicht mehr. Vorläufiger Höhepunkt des Berliner Vereinstheaters war die Mitgliederversammlung am vergangenen Wochenende. Über acht Stunden zog sich die Abwahl des bisherigen Präsidiums und die Neuwahl des neuen Wirtschaftsrates hin, bei der Meyer sämtliche seiner Kandidaten durchbrachte. Den von Weinkauf zuvor kooptierten Übergangspräsidenten, den Berliner Bauunternehmer Volkmar Wanski, akzeptierten Meyers Leute nicht. Noch vor Wochenfrist präsentierten sie selbst einen neuen Präsidenten, Frank Berton, Leiter der Dynamo-Geschäftsstelle.

          Meyers Ziel ist es, „dass der BFC irgendwann mal die Chance hat, in den Profibereich aufzusteigen“. Damit meint er die dritte Profiliga, die vom Deutschen Fußball Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga vorangetrieben wird. „Wenn es im Jahr 2008 so weit ist, erwarten wir allerdings von sämtlichen beteiligten Vereinen, dass sie dann unsere Sicherheitsauflagen erfüllen, sonst erhalten sie keine Spielberechtigung. Das betrifft auch die Stadien selbst“, sagt dazu Holger Spahn, Sicherheitsbeauftragter des DFB. Das BFC-Stadion im Hohenschönhauser Sportforum allerdings ist in einem maroden Zustand. Die Sicherheitszäune sind durchlässig. Das will der Berliner Senat als Eigentümer des Stadions nun ändern. Die Ausbesserungsarbeiten sind im Gange und sollen bis zu Beginn der neuen Oberliga-Saison abgeschlossen sein, um so auch die Auflagen des Nordostdeutschen Fußballverbandes zu erfüllen.

          Nicht ausschließen, sondern integrieren

          Bleiben die Hooligans des Problemvereins Dynamo: Bei der Berliner Polizei ist die Rede davon, dass sich im Umfeld des BFC rund 600 Hooligans tummeln, davon 400 gewaltbereite sogenannte B-Fans, und 200 C-Fans, also gewaltsuchende Fans der härtesten Kategorie, die bereits von der Polizei als solche registriert wurden. Der Wirtschaftsrat kalkuliert unterdessen mit einem Zuschauerschnitt für die kommende Saison von 600. Die gewaltbereiten und rechtsextremen Fans allerdings will Meyer nicht ausschließen, sondern integrieren - wohl auch weil sie so zahlreich sind: „Seit 30 Jahren gehe ich zum BFC. Deshalb kenne ich Hooligans, rechte wie linke Anhänger des Klubs - und wenn 300 Leute im Vereinsheim sitzen, muss ich 250 von denen guten Tag sagen“.

          Dazu ergänzt Thomas Heilmann-Kern, der zweite Mann im Wirtschaftsrat: „Einige dieser Leute kennen wir von früher aus unserer Jugendzeit beim BFC Dynamo. Viele von ihnen haben mittlerweile Familien und einen festen Stand in der Gesellschaft und sind in der Szene nicht mehr aktiv. Wir halten nichts davon, sämtliche dieser Leute auszugrenzen. Du musst dich mit ihnen auseinandersetzen, sonst bringt es alles nichts und die Probleme werden nur in einen anderen Bereich verschoben.“ Die entscheidenden Männer beim BFC setzen also auf Integration von Neonazis und Hooligans. Unter dieser Maßgabe ist man „offen für jedes Gespräch, mit dem Senat, mit der Polizei oder mit dem Fußballverband“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Was wird wohl eher ankommen, das Internet oder die Schnecke?

          Investitionsstau : Glasfaser im Schneckentempo

          In Berlin werden gerade Milliarden für Zukunftsinvestitionen gesucht. Dabei zeigt die lange Geschichte des Breitbandausbaus: Geld allein ist keine Lösung. Die wahren Probleme liegen woanders.
          Nichts geht mehr: Schiffsstau vor der Küste und Containerstau im Hafen von Long Beach in Kalifornien

          Chaos in den Lieferketten : Auf See liegen die Nerven blank

          Vor Los Angeles und Long Beach warten rund einhundert Frachter auf ihre Abfertigung - ein neuer Rekord. Die globalen Lieferketten kommen an immer mehr Stellen an ihre Kapazitätsgrenze.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.