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Ärger nach Aus bei Benfica : „Merkwürdig, dass es keinen Videobeweis gibt“

  • -Aktualisiert am

Benfica Lissabon war nicht gerade glücklich mit Schiedsrichter Daniele Orsato und seiner Entscheidung beim 1:0. Bild: Reuters

Ein klar irreguläres Tor hilft beim Frankfurter Einzug ins Halbfinale. Die Proteste sind so wild, dass Benficas Trainer auf die Tribüne muss. Nach dem Spiel fokussiert sich die Kritik aber nicht auf den Schiedsrichter.

          Lustige Geschichten aus den Weiten des Internets sind häufig mit Vorsicht zu genießen. So verhält es sich auch mit der angeblichen Irrfahrt zweier Fans von Benfica Lissabon. Die wollten ihre Mannschaft zum Viertelfinal-Rückspiel der Europa League begleiten. Nach 36 Stunden Autofahrt kamen sie schließlich in Frankfurt an – allerdings nicht in der Stadt am Main, sondern in der an der Oder. Ein Foto auf dem Instagram-Account von Álvaro Oliveira zeigte das Ortsschild aus dem Brandenburgischen. „Wir sind jetzt berühmt für unsere Dummheit“, nahm Oliveira das vermeintliche Missgeschick mit Humor. Das klingt lustig und ging am Spieltag schnell viral. Allerdings kamen irgendwann auch erhebliche Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Geschichte, zumal der Account erst wenige Tage alt ist. Wer ganz genau hinschaute, erkannte den kleinen Scherz, der vom Fußballmagazin „11 Freunde“ initiiert wurde.

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          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Viel wichtiger war sowieso das sportliche Ergebnis des Spiels in Frankfurt, auch wenn die aufgebrachten Portugiesen dabei wiederum an einen ziemlich bösen Scherz auf ihre Kosten dachten. Nach dem 4:2-Sieg vor einer Woche in Lissabon unterlag Benfica der Eintracht mit 0:2. Aufgrund der Auswärtstorregel bedeutete das das Aus. Während die Frankfurter den Einzug ins Halbfinale gegen den FC Chelsea feierten, ärgerten sich Trainer Bruno Lage und seine Spieler über den irregulären Treffer zum 0:1 von Filip Kostic in der 36. Minute. Sebastian Rode (67.) legte später entscheidend nach.

          Was war passiert, warum waren die Portugiesen so aufgebracht? Der Frankfurter Mijat Gacinovic schoss außerhalb des Strafraums auf das Benfica-Tor, traf aber nur den Pfosten. Von dort rollte der Ball direkt auf Kostic zu, der mit einem raffinierten Schuss mit links traf. Allerdings stand der Serbe zuvor beim Versuch von Gacinovic mehr als einen Meter im Abseits. Entsprechend der Regeln wurde seine Position in dem Moment strafbar, als er zum Ball ging und ihn ins Tor schoss. Das Gespann um Schiedsrichter Daniele Orsato aus Italien aber erkannte das nicht und gab den Treffer. Womöglich war der Assistent auf Höhe der Abseitslinie durch zwei Umstände irritiert: Zum einen verdeckte der Frankfurter Danny da Costa die Sicht auf den weiter entfernten Kostic. Zum anderen kam Gacinovics Ball nicht direkt zum Schützen, sondern erst vom Pfosten zurück.

          Während die Frankfurter erst ungläubig schauten, dann aber ob des Tores jubelten, waren die Proteste der Spieler von Benfica auf dem Rasen zunächst verhalten. Abseits? Das Gefühl war da bei den Portugiesen, aber es ging doch alles auch ziemlich schnell. Ob nicht vielleicht doch noch ein Mitspieler tiefer als Kostic gestanden hatte? Sie wussten es nicht genau. Und der Unparteiische und seine Assistenten waren sich offenbar sicher, dass alles in Ordnung gewesen war. Interessant: Anders als sonst bei Toren der Heimmannschaft wurde das 1:0 von Kostic im Stadion auf dem Videowürfel, der über dem Spielfeld hängt, nicht nochmal gezeigt. Die Europäische Fußball-Union Uefa will Unruhe im Stadion vermeiden, wenn strittige Szenen auf diesem Weg zu sehen sind.

          Plötzlich aber kamen wilde Proteste von der Seitenlinie. An der Benfica-Bank sahen sie die Szene und erkannten noch vor Wiederanpfiff – der Ball lag schon zum Anstoß bereit auf dem Mittelpunkt – dass Kostic klar im Abseits gestanden hatte. „Wir haben einen kleinen Monitor an der Bank und konnten sehen, dass der deutsche Spieler im Abseits war“, sagte Trainer Bruno Lage später. Und solange die Partie noch nicht fortgesetzt ist, kann der Schiedsrichter einen Treffer schließlich aberkennen. Die Portugiesen witterten ihre Chance und protestierten heftig, vor allem beim vierten Offiziellen, aber auch in Richtung von Orsato. Das ließ der sich nicht gefallen – und schickte Lage prompt auf die Tribüne.

          Ein regulärer Videobeweis, wie etwa in der Bundesliga, fehlt noch in der Europa League. Die Uefa führte ihn in der Champions League zu Beginn des Jahres im Achtelfinale ein, nachdem die Gruppenphase ohne gespielt worden war. In der zweitklassigen Europa League kommt die technische Hilfe alleine im Endspiel am 29. Mai in Baku zum Einsatz. Zuvor mangelt es noch an der Ausrüstung in den Stadien und geschultem Personal. Erst zur Saison 2020/21 wird die Uefa die Videoassistenz auch in der Europa League ab der Gruppenphase in allen Partien anwenden.

          „Ich finde es merkwürdig, dass es bei zwei Uefa-Wettbewerben im fortgeschrittenem Stadium einmal den VAR (Video Assistant Referee, Erläuterung der Redaktion) gibt und einmal nicht“, sagte Benficas Abwehrmann André Almeida. Erst am Vorabend hatte der Videobeweis das Champions-League-Duell zwischen Manchester City und Tottenham Hotspur entschieden, als ein später Treffer vom Team von Pep Guardiola wegen einer hauchdünnen Abseitsposition aberkannt wurde. Mit technischer Hilfe einer kalibrierten Linie wäre auch in Frankfurt sofort klar gewesen, dass Kostics Tor irregulär gewesen sei. „Wir waren stärker und sind durch äußere Umstände aus dem Wettbewerb ausgeschieden“, sagte Almeida.

          Trainer Lage hatte sich später wieder gefangen. „Wir werden nichts auf den Schiedsrichter schieben, auch wenn wir benachteiligt wurden und ich mein Team nicht mehr von der Bank aus führen konnte.“ Es sei nicht der Moment mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern die Niederlage zu akzeptieren und sich auf die Aufgaben in der nationalen Liga zu konzentrieren.

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