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Frauenfußball : Zweifel an Jones bleiben

Weiter auf der Suche: Bundestrainerin Steffi Jones Bild: dpa

So schlau wie zuvor: Das deutsche Frauenfußball-Nationalteam kehrt mit den alt bekannten Sorgen vom „She Believes“-Cup zurück. Das 0:3 gegen Frankreich zum Abschluss der Amerika-Reise war ein weiterer Tiefschlag.

          Am Ende sorgte Steffi Jones noch einmal für großes Erstaunen. Es lief die 90. Minute, und plötzlich tauchte bei der 0:3-Niederlage gegen Frankreich zum Abschluss eines aus deutscher Sicht höchst unbefriedigenden „She Believes“-Cups in den Vereinigten Staaten Lena Goeßling am Spielfeldrand auf. Die Bundestrainerin der deutschen Fußballfrauen wechselte die Spielerin des VfL Wolfsburg ein. Goeßling kam somit am Vorabend ihres 32. Geburtstags zu ihrem 100. Länderspieleinsatz.

          Altinternationale mit dreistelliger Länderspielanzahl wie Nadine Angerer, Ariane Hingst oder Anja Mittag wunderten sich. Sie beurteilten – auf Twitter – eine solche Einwechslung kurz vor Abpfiff als unwürdig. Goeßling wiederum verteilte später Herzchen für jene Tweets. War die Einwechslung eine abermalige Demütigung, nachdem Goeßling im November bereits einmal für ein Länderspiel in ihrer Heimatstadt Bielefeld nicht nominiert worden war?

          „Hintergrund ist, dass Lena geschont werden sollte angesichts der Belastung und weil sie gegen England auch einen Schlag auf den Fuß bekommen hat, wir aber dennoch das 100. Länderspiel möglich machen wollten“, ließ Jones am Donnerstag wissen. Dies sei auch mit ihrem Verein so abgesprochen gewesen. Die Darstellung von Jones bestätigte die ebenfalls für Wolfsburg spielende Torhüterin Almuth Schult im Gespräch mit FAZ.NET. Goeßling wollte sich nicht äußern.

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          Es war also vermutlich der gute Wille der Bundestrainerin, der für Konfusion gesorgt hat. Und beste Absichten mag der 45 Jahre alten Jones generell niemand absprechen. Aber auch nach der Rückkehr aus Amerika bleiben mehr Rätsel als Hinweise auf eine erfreuliche Zukunft: Jones war mit der Vorgabe ins Turnier gestartet, mit der Rückkehr zu einfacherem Fußball und der Betonung von deutschen Tugenden wie Willenskraft und Mentalität ihrem verunsicherten Team wieder mehr Sicherheit zu geben, nachdem der kreative und weitgehend freigeistige Ansatz mit viel Eigenverantwortung der Spielerinnen im vergangenen Jahr bei der EM krachend gescheitert war.

          Zudem wollte Jones einen Mannschaftskern herausbilden, der im April und September in den entscheidenden Schlachten die seit der Niederlage gegen Island gefährdete WM-Qualifikation sichern soll.

          Achse auseinandergerissen

          Tatsächlich startete sie auch bei der knappen 0:1-Niederlage gegen die Vereinigten Staaten mit einer gegenüber dem 4:0-Sieg gegen Frankreich im November auf nur einer Position veränderten Startelf. Der verletzungsbedingte Ausfall der an der Achillessehne verletzten Innenverteidigerin Babett Peter und weitere Malaisen zwangen sie in den weiteren Spielen des Vier-Nationen-Turniers gegen England und Frankreich zu Umstellungen.

          Allerdings zerstückelte Jones ihre vermeintliche Achse zudem unnötig, indem sie die Mittelstürmerin Popp gegen Frankreich auf die rechte Außenbahn beorderte, wo sie mit ihrem starken linken Fuß überhaupt nicht ins Spiel fand. Aus den Vereinigten Staaten kehrte auch deshalb ein Turnierschlusslicht zurück, dem weiterhin das Rückgrat und auch die unumstrittene Führungsfigur auf dem Feld fehlt, zumal Spielführerin Marozsan, gerade bei einer Umfrage unter 4100 Erstligaspielerinnen aus 45 Ländern in eine Weltauswahl gewählt, abermals weit unter ihren Möglichkeiten agierte. „Das war natürlich bitter“, sagte Jones zur Leistung ihres Teams zum Abschluss des Turniers in Orlando. „Wir haben gegen die Amerikanerinnen und England noch mannschaftliche Geschlossenheit gezeigt und Leidenschaft und hohe Laufbereitschaft. Das fehlte gegen Frankreich alles.“

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          Und so muss Jones, die beim Turnier unter Beobachtung des Nationalmannschaftskoordinators Panagiotis Chatzialexiou stand, vor dem WM-Qualifikationsspiel am 7. April gegen Tschechien weiter mit großen Zweifeln an der Qualität ihrer Arbeit leben. Sie wirkt nach wie vor wankelmütig, die klare Idee im Spiel im Spiel ist nach wie vor nicht erkennbar.

          „Uns fehlt die Sicherheit, das Selbstvertrauen“, sagt Torhüterin Almuth Schult. „Wir kommen einfach nicht in den Flow, wo gewisse Dinge auch mal einfach gehen.“ Mit der möglichen Unruhe um Jones will sich Schult nicht beschäftigen, sie sieht eher sich selbst und die Spielerinnen in der Pflicht, sich der Ehre und der Verantwortung bewusst zu sein, für Deutschland spielen zu dürfen. Zudem mahnte Schult, dass sich jede Spielerin der Folgen eine verpassten WM-Qualifikation bewusst sein müsse. „Das wäre eine Peinlichkeit“, sagte sie. Die Torhüterin ist aber auch Optimistin. Und so hofft sie auf einen Nutzen des sportlichen Tiefschlags in Amerika: „Nun kommt keiner auf den Gedanken, dass seit dem 4:0 gegen Frankreich im November alles gut ist.“ Auf diesen Gedanken kommt im deutschen Frauenfußball freilich derzeit  tatsächlich niemand.

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