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Bei Andrej Arschawin in Petersburg : Der Russe, der raus aus Russland will

  • -Aktualisiert am

Für manchen ist er „der beste Spieler, den Russland je hatte” Bild: REUTERS

Er war einer der ganz großen Spieler der Euro 2008. Jetzt steckt er mitten in einer Zerreißprobe, die er selbst inzwischen eine Seifenoper nennt. Eine Reise ans Ende von Sankt Petersburg und eine Begegnung mit Andrej Arschawin - im dritten Anlauf.

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          Die Karriere des russischen Fußballstars Andrej Arschawin steht so still wie der Weiher hinter dem Trainingszentrum seines Klubs FC Zenit St. Petersburg. Enten zeigen Tauchkunststücke, Angler halten schläfrig ihre Ruten, reglos schweben die Seeanemonen, und von der Dorfjugend, die auf der anderen Seite ausgelassen Picknick macht, hört man keinen Laut. Auf dieser Seite des Sees geht das Training in einem Hagelschauer turmhoch geschlagener Bälle zu Ende.

          Reporter scharen sich um Dick Advocaat, den Trainer, und dessen Neuerwerbung Sébastien Puygrenier. Advocaat ist schlechter Stimmung, Zenit hat eine Pechsträhne, die Spieler sind demotiviert, es gibt zu viele gelbe Karten. Auch die anwesende Presse ist nicht glücklich, niemand spricht Französisch und Puygrenier nichts als das. Arschawin ist so abwesend, als ob er nur Kisuaheli spräche; er steckt mitten in einer Zerreißprobe, die er selbst inzwischen eine Seifenoper und die der Sportjournalismus die Arschawin-Saga nennt.

          Schon als Kind ein Trotzkopf

          Der Stern des gebürtigen Petersburgers begann unter westlichem Einfluss zu steigen: „Wir waren glücklich, als der Klub ausländische Trainer holte. Sie haben unsere Mentalität verändert und uns erlaubt, so zu spielen, wie wir es wollten.“ Das europäische Individualitätsprinzip sagte Arschawin zu. Schon als Kind war er ein Trotzkopf, der einmal von der Schule flog und aus Protest das Training in der Fußballschule hinwarf. Und als vier Ärzte ihn, den Zahnkranken, in der Poliklinik packten, damit ein fünfter mit der Zange kommen konnte, hat der künftige Stürmer erfolgreich die Flucht ergriffen und bis zwanzig keine Zahnarztpraxis mehr besucht. Das einzige Kind geschiedener Eltern lernte früh, sich zu wehren, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Entsprechend kreativ navigiert Arschawin heute auf dem Spielfeld: „Ich folge keinen spielerischen Dogmen. Man erlaubt mir, mich frei zu bewegen und zu improvisieren, je nachdem, wie ich das Spiel lese. Der Trainer möchte, dass ich mehr Möglichkeiten für den Angriff habe.“

          Improvisationstalent ohne spielerische Dogmen

          Die Rechnung ging auf, bis das Starprinzip mit dem russischen Kollektivitätsprinzip kollidierte. Nur noch selten sieht man die Nummer zehn, vom Ballbesitz magnetisiert, raketenschnell nach vorne stürmen, drei, vier Haken durch die Verteidigung schlagen und mit kühnen Tangentialmanövern Tore machen. Die Leidenschaft fehlt, klagt sein Trainer. Zwar weiß man in Russland inzwischen, was kollektive Passionen für das vielbeschworene Nationalgefühl bewirken, doch man hat noch nicht begriffen, dass man das gewisse Etwas der Stars, die solche Gefühle wecken, nicht mit barer Münze kaufen kann.

          Arschawins Agent spricht von Diktatur

          Der FC Zenit gehört Russlands mächtigem, regierungsnahem Unternehmen Gazprom, das reich genug ist, auf lukrative Transfers zu verzichten, wenn nationales Prestige involviert ist. „Arschawin ist der beste Spieler, den Russland je hatte“, sagt Maxim vom Petersburger „Sport-Express“, als er mich nach dem geplatzten Interview im Auto mit zur Metro nimmt. Zenit versucht ihn mit allen Mitteln zu halten. Arschawins Agent Dennis Lachter bezeichnete das Klubverhalten jüngst unverblümt als Diktatur: „Dem russischen Sport-Establishment bedeuten die Wünsche eines Spielers absolut gar nichts. Er ist ein Sklave.“ Nun haben die Tottenham Hotspurs ein revidiertes Angebot vorgelegt, und Lachter weilt seit Tagen in Moskau, um es durchzuboxen. „Sie bieten 23 Millionen Euro“, sagte Arschawin an diesem Freitag am Telefon, „aber das hat Zenit noch nicht akzeptiert.“

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