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Bayerns Reserve : Herr Scholl hat keine Zeit mehr zum Kegeln

  • -Aktualisiert am

Zwei Bälle statt neun Kegel: Jungtrainer Mehmet Scholl Bild: ddp

Mehmet Scholl absolviert ein interessantes Praktikum: Der ehemalige Nationalspieler betreut in Vertretung von Hermann Gerland die zweite Mannschaft der Bayern in Liga drei. Die Spieler müssen „den Mehmet“ nun siezen.

          3 Min.

          Die Coachingzone, die der Trainer nicht verlassen darf, ist mit orangefarbenen Hütchen abgegrenzt. Mehmet Scholl schleicht darin während des Spiels wie ein Panther umher, der sich in seinem Käfig nicht besonders wohl fühlt: Er geht in kurzen Schritten auf und ab, wechselt manchmal recht unvermittelt die Richtung: vorwärts, seitwärts, rückwärts. Seine Arme hat er bei seinem Debüt als Profitrainer fast durchgehend vor der Brust verschränkt, als wolle er Distanz zu den Kameras demonstrieren, die auf ihn gerichtet sind.

          Häufiger zum Kegeln gehen wollte Scholl nach seinem Karriereende vor zwei Jahren, sich später um seine Radiosendung „Schollplatten“ kümmern – Abstand vom Fußball also, abgesehen von seiner Rolle als Fernsehexperte. Doch schon bald trainierte er die ,,U 13“ der Bayern und jetzt ganz plötzlich die zweite Profimannschaft. Nach Klinsmanns Entlassung hat der Fußball Scholl plötzlich wie ein starker Magnet zurückgezogen: Bis Saisonende ist er für den in die Bundesligaelf beförderten Amateurtrainer Hermann Gerland neuer Interimstrainer der zweiten Mannschaft, die in der dritten Liga spielt. Uli Hoeneß habe ihn angerufen, ob er einspringen könne, das Gespräch habe zwei Minuten gedauert. „So, wie das immer bei uns ist“, sagt Scholl nach dem Spiel.

          Nur ein interessantes Praktikum?

          5614 Zuschauer sehen Scholl in seiner Coachingzone beim sportlich bedeutungslosen Mittelfeld-Duell zwischen Rot-Weiß Erfurt und dem FC Bayern München II. Mehmet Scholl trägt im Steigerwaldstadion eine hellbeigefarbene Wollstrickjacke, unter der ein blauer Hemdkragen herausschaut, dazu hat er eine dunkelblaue Bundfaltenhose gewählt. Seine Strickjacke ist ihm etwas zu knapp, immer wieder zupft Scholl sie ein Stück herunter. Vielleicht ist der Job als Interimstrainer für den früheren Publikumsliebling nur ein interessantes Praktikum. Vielleicht ist es aber der Anfang einer Trainerkarriere beim FC Bayern, die nicht in der dritten Liga enden wird.

          In Erfurt ist Mehmet Scholls Mannschaft technisch überlegen, aber die Erfurter haben die besseren Torchancen. Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit köpft der Erfurter Pohl das 1:0, und Scholl bleibt ruhig mit verschränkten Armen stehen. Nach dem Ausgleich für die Bayern, der wenige Minuten später fällt, jubelt er nicht, aber löst zumindest kurz seine Armverschränkung: Er kratzt sich kurz am Hinterkopf, während die Spieler jubelnd auf die Fankurve zulaufen. Als sei es ein Trainingsspiel, winkt Scholl den Rechtsaußen Viktor Bopp während der Partie immer wieder in Rufweite zu sich heran und gibt ihm Anweisungen. Als Scholl den Spieler Stefan Rieß auswechselt, spricht er mit ihm länger – mit dem Rücken zum Spielfeld gewandt, obwohl die Partie längst wieder läuft und Erfurt angreift.

          „Der Mehmet möchte, dass wir ihn siezen“

          Das Spiel endet 1:1. Der Torschütze für die Bayern, Stephan Fürstner, ist zwar erst 21 Jahre alt, war aber bereits vor zwei Jahren mit dem damaligen „Edeljoker“ Mehmet Scholl im Kader der Bayern; ein Bundesligaspiel bestritten sie gemeinsam, gegen Mönchengladbach. Jetzt müssen die jungen Spieler den Trainer siezen. Fürstner sagt: „Der Mehmet möchte, dass wir ihn siezen, und das ist für uns auch in Ordnung.“ Die Mannschaft freue sich jedenfalls auf die nächsten vier Wochen, sagt Fürstner, der Scholl mit seinen braunen Wuschelhaaren und seinem freundlichen Blick äußerlich ähnlich sieht. „Er ist für uns ein Vorbild.“

          Nach dem Spiel muss Scholl seine erste Pressekonferenz als Trainer geben. Schon als Spieler hatte er Pressekonferenzen nicht leiden können. Der Erfurter Presseraum erinnert an den Frühstückssaal einer älteren Jugendherberge, die Reporter sitzen an alten Holztischen, trinken Kaffee aus Plastikbechern, und hinten im Raum dampft der Heißwurstkessel . „Mehmet Scholl, Trainer Bayern München II“ steht auf Scholls Namensschild, rechts daneben sitzt sein Erfurter Kollege, ebenfalls Debütant: „Henri Fuchs, Trainer“. Die Trainer werden um ihre Statements zum Spiel gebeten, Scholl sagt nur zwei Sätze: Die Mannschaft sei, Hermann Gerland zum Dank, physisch in einem Topzustand, ihr würden noch ein, zwei erfahrene Spieler „gut zu Gesicht stehen, aber das ist ja nicht meine Funktion, das jetzt zu fordern“. Der Moderator fragt: „War’s das?“ Scholl nickt.

          Mehmet Scholl sagt nach dem Spiel, er habe selbstverständlich langfristig ,,Ambitionen, als Trainer weiterzumachen“, sei sich aber sicher, dass Hermann Gerland zur neuen Saison wieder die zweite Mannschaft übernehmen werde. Seine A-Trainerlizenz will Scholl bald erwerben, und es ist nicht ausgeschlossen, dass Uli Hoeneß eines Tages wieder anruft.

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