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FC Bayern im DFB-Pokal : Jena ist Ancelottis Albtraum

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Goldene Oktober-Nacht: Anno 1980 schlägt Carl Zeiss Jena den AS Rom mit 4:0. Bild: Ullstein

Der FC Bayern eröffnet an diesem Freitag den DFB-Pokal in Jena. Trainer Carlo Ancelotti könnte das Spiel an eine seiner schlimmsten Niederlagen erinnern.

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          Die alte Holztribüne ist nicht mehr, aber der Uhrturm steht noch, und die Kernberge sowieso. Überhaupt ist die Kulisse fast dieselbe. Carlo Ancelotti wird sich erinnern, besser vielleicht sogar, als ihm lieb wäre. Hier, in Jena, hat der Trainer des FC Bayern vor 36 Jahren eine schlimme Schmach erlitten, vielleicht sogar die schlimmste als Spieler. „Es gibt einige Niederlagen in einer Karriere, die sind unvergesslich“, sagte Ancelotti am Tag vor dem Erstrunden-Pokalspiel des FC Bayern beim FC Carl Zeiss Jena an diesem Freitag (20.45 Uhr Live in der ARD und im DFB-Pokal-Ticker bei FAZ.NET). „Wir hatten damals sogar noch Glück, wir hätten auch 10:0 verlieren können“, fügte er hinzu. Ein Scherz – mit einem wahren Kern.

          Es ist Mittwoch, der 1. Oktober 1980. Europapokal der Pokalsieger. Gleißendes Flutlicht überm Ernst-Abbe-Sportfeld, Rückspiel gegen den AS Rom in der ersten Runde. Im Hinspiel waren die Thüringer am Tiber untergegangen. 0:3, vor 80.000, mit zittrigen Knien. Auch Ancelotti, damals einundzwanzigjährig im Mittelfeld, zählte zu den Schützen. „Er war noch ein junger Mann. Hochtalentiert. Ein Techniker“, erinnert sich Andreas Bielau. Er war damals Stürmer in Jena. „Wir wollten Revanche. Es denen zeigen.“ Von dem, was folgte, erzählen sich in Jena heute selbst die, die noch nicht geboren waren.

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          Die Römer sollen am Vorabend schon das Weiterkommen mit reichlich Rotwein begossen haben. Vielleicht ist das aber auch nur eine dieser Legenden, wie sie sich immer um solche Spiele ranken. Klar ist für Bielau nur: „Sie haben uns maßlos unterschätzt.“ Jena überrannte sie von der ersten Minute. Setzte dem italienischen Können Kampfgeist entgegen. Aber von der Roma war an diesem Abend ohnehin nichts zu sehen.

          Auf 1:0 Krause (26.) folgte schnell 2:0 Lindemann (38.). Dann schlug Bielaus große Stunde. Der junge Trainer, ein gewisser Hans Meyer, bewies beim Wechseln ein glückliches Händchen. Der „doppelte Bielau“ wurde zur Krönung des Spiels: Ein Seitfallzieher (71.) und ein Volleyschuss (87.) sicherten dem dreimaligen DDR-Meister das Weiterkommen. Und den Spielern ein nicht unerhebliches Sümmchen. „Es gab im DDR-Fußball ja gute Prämien“, erinnert sich der heute 57-Jährige. 4000 Ost-Mark für das Überstehen der ersten Runde – für manchen Arbeiter war das ein Jahresgehalt. Natürlich alles inoffiziell. Ging ja nicht im Sozialismus, dass man mit solchen Summen um sich schmiss.

          Als Sportler in der DDR haben wir mal was von der Welt gesehen

          Nach Rom mussten auch noch der FC Valencia, New Port County und Benfica Lissabon dran glauben. Zum Glück für Bielau und Genossen: „Wir haben immer darauf gehofft, Mannschaften aus dem Nichtostblock zu treffen.“ Weniger, weil man im Siegfall gegen Bruderstaaten politischen Zwist fürchten musste. Eher, um selbst mal rauszukommen.

          „Das war ja das Schöne als Sportler in der DDR. Wir haben mal was von der Welt gesehen.“ Und der Verwandtschaft dann Schönes mitgebracht, vom Taschengeld der Funktionäre. Dem Söhnchen ein T-Shirt, der Frau Schokolade, Bielau selbst gönnte sich Schallplatten. „Rod Stewart“, erinnert er sich, „gab’s ja bei uns nicht.“ Und die Stasi? „Denen war das völlig klar. Ein Drittel der Mannschaft war ja verpflichtet. Aber die haben genauso eingekauft.“

          Allein: Es nahm für Jena kein gutes Ende. Zum Endspiel ging es gegen Dinamo Tiflis nach Düsseldorf – ausgerechnet in den Westen, zum Klassenfeind. „Begleitet haben uns nur Parteigänger und die Staatssicherheit.“ Echte Fans durften nicht mit, wegen Republikfluchtgefahr. „Nicht mal 5000 Zuschauer – in einem Finale! Eine peinliche Vorstellung.“

          Es grämt Bielau noch heute, man hört es in seiner Stimme. Für den FC Carl Zeiss war es dennoch seit Gründung 1903 der größte Erfolg der Klubgeschichte. Auch wenn am Ende die Enttäuschung bleibt. „Nach so einem Lauf waren wir bereit für den Titel.“ Das Spiel ging verloren. 1:2 nach eigener Führung. Klassisch ausgekontert.

          Die Trikots seiner Spiele hat er sich aufbewahrt – nur von dem einen nicht. An Rom war nämlich nach dem 4:0 kein Rankommen.

          Bielau blieb noch sieben Jahre in Jena. Dann ging es wieder in die Heimat nach Zwickau, ein Häuschen hatte er sich von den Prämien der Europapokalzeit zusammen gespart. Heute trainiert er ein Team in der Kreisoberliga. Die Trikots seiner Spiele hat er sich aufbewahrt – nur von dem einen nicht. An Rom war nach dem 4:0 kein Rankommen. „Die wollten zum Flieger und weg.“ Bielau lacht. Vom Spiel hat er nur noch Schwarzweißbilder.

          Und in der Gegenwart? Schlagzeilen machte der FCC immer wieder. Einmal mit rostigen Flutlichtmasten, ein anderes Mal mit Kaninchen, die den Fanblock aushöhlen. Vergangenes Jahr dann mit einer Heavy-Metal-Band und militanten Walschützern auf der Brust. Alles tragisch, kurios und komisch – aber kaum sportlich bemerkenswert. Dabei gab es durchaus auch diese Erfolge. Vom Pokalzauber alter Tage hat Jena kaum eingebüßt. Das bekamen in den vergangenen Jahren unter anderen der 1. FC Nürnberg, VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld zu spüren. Zuletzt erwischte es den HSV. Der war vergangenen Sommer ebenso überheblich wie einstmals die Roma gestolpert.

          Im Alltag dümpelt Jena seit geraumer Zeit durch Liga vier. Verfehlt alljährlich die Ambitionen der Rückkehr nach oben. Aber vielleicht wird dieses Jahr ja alles anders. Jena ist gut gestartet mit vier Siegen aus vier Spielen. Das Konzept, auf Thüringer Talente zu bauen, scheint endlich aufzugehen: Aus dem aktuellen Kader ist die Hälfte von der Jenaer Sportschule. Und jetzt dieses Wiedersehen mit Ancelotti im Pokal. Jena gegen die großen Bayern. Geht da vielleicht auch etwas? Kaum, meint Andreas Bielau. Bayern ist ja nicht der HSV. „Man hat ja viele Fußballwunder erlebt. Aber daran glaube ich nicht.“ Er selbst wird das Spiel nicht sehen. Das Stadion ist schon lange ausverkauft. Bielau hat keine Karte gekriegt.

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