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Bayern München : Van Gaal gehen die Varianten aus

Bild: reuters

Der Bayern-Trainer hat in der Defensive schon so gut wie alles ausprobiert. Sollte er am Dienstag im Champions-League-Spiel gegen Inter (20.45 Uhr) die falsche Kombination wählen, holen die Münchner dieses Jahr keinen Titel mehr.

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          Zu den Errungenschaften des modernen Fußballs gehört die Statistik. Ihr Aussagewert ist, zumindest in der eher undifferenzierten Form, in der man sie dem breiten Publikum darbietet, meist von begrenztem Wert. Dass zum Beispiel der Prozentanteil des Ballbesitzes eher nebensächlich sein kann, ließ sich schon aus der Europameisterschaft 2000 ableiten. Da hatte die deutsche Nationalmannschaft in jeder Partie mehr Ballbesitz als der Gegner. Das Resultat: Sie schied sieglos aus und spielte das blamabelste Turnier ihrer Geschichte.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Als vor zweieinhalb Wochen der Tabellenführer Borussia Dortmund nach München kam, wies die Statistik am Ende 64 Prozent Ballbesitz aus – aber nicht für den Sieger, sondern für den hoffnungslos unterlegenen FC Bayern. Auch Bastian Schweinsteiger schlug der Statistik in jener Partie ein Schnippchen. Er bewies, dass man es schaffen kann, die meisten Ballkontakte aller Spieler zu haben, mehr als hundert, und zugleich der schwächste Mann auf dem Platz zu sein.

          Titel werden in der Abwehr gewonnen

          Spiele auf höchstem Niveau, gerade in der Champions League, in der die Bayern an diesem Dienstag auf Titelverteidiger Inter Mailand treffen, werden eben oft nicht durch Ballbesitz entschieden, sondern gerade durch das, was man tut, wenn man nicht in Ballbesitz ist. Titel, heißt eine alte Fußballregel, werden in der Abwehr gewonnen. Abwehr aber braucht Stabilität. Und da weist die Statistik für den deutschen Meister eher Beunruhigendes aus.

          Alte Stammkraft als neue Besetzung? Louis van Gaal im Gespräch mit Daniel van Buyten

          Der befreiende 6:0-Erfolg gegen den Hamburger SV am Samstag war gut fürs offensive Selbstbewusstsein, aber ohne große Aussagekraft für die defensive Belastbarkeit. Wieder einmal hatte Trainer Louis van Gaal eine völlig neue Abwehr komponiert, mit der Innenverteidigung Daniel van Buyten, zuvor nur Bankdrücker, und Luiz Gustavo, der eigentlich Mittelfeldspieler und manchmal auch Außenverteidiger ist. Van Buytens Einsatz hätte sich um ein Haar bitter gerächt – und das schon vor Anpfiff. Beim Einspielen vor der Partie, bei dem sich die Profis spielerisch aufwärmen und, wenn überhaupt, Zweikämpfe nur in Andeutung ausführen, langte der lange Belgier mit seinem Eisenfuß ausgerechnet in dem Moment hin, als Arjen Robben im leichten Galopp vorbeidribbelte. Er traf nicht den Ball, sondern den Fuß des Niederländers, und das so hart, dass der Flügelstar sich vor Schmerz zu Boden begab und minutenlang den Knöchel hielt. Zum Glück konnte Robben weitermachen – und drei Tore schießen.

          17 Kombinationen in 38 Saisonspielen

          Doch war diese Schrecksekunde wie die Illustration mangelnder Trittsicherheit in der Abwehr, die auch van Gaal nicht mehr völlig abstreitet. Lange war er der Defensive des Schreckens mit einer Offensive des Lächelns begegnet. Erst in den letzten Wochen, mit den drei Niederlagen gegen Dortmund, Schalke und Hannover, aber auch vorher schon beim 1:0-Sieg in Mailand, räumte er erstmals „Schwierigkeiten in der Innenverteidigung“ ein. Auch er kennt schließlich seine Statistiken, vor allem in den detaillierten, aussagekräftigeren Nuancen. Erschüttern muss jeden Trainer, selbst einen selbsternannten Offensiv-Guru wie van Gaal, eine Spezialbilanz wie die vom 1:3 gegen Dortmund: Darin dauerte es 35 Minuten, bis einer der beiden zentralen Verteidiger Timoschtschuk und Badstuber einen Zweikampf gewann.

          Van Buyten und Gustavo, das war nun bereits die Version Nummer 17 in der Innenverteidigung. Es war zugleich auch die Kombination Nummer 17 in der Viererkette, und das bei bisher 38 Saisonspielen – eine mathematische Maximalleistung, vor allem wenn man einrechnet, dass Philipp Lahm als einzige defensive Konstante des FC Bayern jedes Spiel auf der rechten Verteidigerposition bestritten hat. Gegen Hamburg machte er sein hundertstes Pflichtspiel in Serie. Dazu hat van Gaal auf der absichernden Doppelposition der defensiven Mittelfeldspieler vor der Abwehr bereits 14 verschiedene Paare kombiniert.

          „Es wird ein sehr gefährliches Spiel“

          Viele neue Varianten hat er nun nicht mehr in den maximal 14 Spielen, die ihm noch als Bayern-Trainer bleiben. Sollte er an diesem Dienstag die falsche wählen, können von den 14 ganz schnell nur noch die acht Partien in der Bundesliga übrig sein. Schon beim 1:0-Sieg im Hinspiel hatten Timoschtschuk und Badstuber, später Breno große Schwierigkeiten mit Samuel Eto’o, dem Torjäger von Inter. „Es wird ein sehr gefährliches Spiel“, mahnt Robben. „Über zwei Partien gewinnt die bessere Mannschaft, ich bin sicher, dass wir das sein werden“, findet Bastian Schweinsteiger. „Die müssen gegen uns erst mal ein Tor schießen.“

          Was allerdings zuletzt nicht so schwer war. Schon in 13 von 38 Saisonspielen hat der FC Bayern zwei oder mehr Gegentore kassiert. In der gesamten letzten Spielzeit waren es nur 11 Mal zwei oder mehr Gegentore – in 53 Partien. Zum Glück gibt es wenigstens eine Statistik, die derzeit ein Freund der Bayern ist. Sie besagt, dass in den fast 19 Jahren seit Gründung der Champions League noch keine Mannschaft, die in der K. o.-Runde das Hinspiel auf fremdem Boden gewann, danach ausschied. Keine bis auf eine: Das war 1996 Panathinaikos Athen – gegen Ajax Amsterdam. Der Trainer, der mit Ajax die Ausnahme von der Regel schaffte, hieß Louis van Gaal.

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