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Zum Tod von Dettmar Cramer : „Der wird besser als Fritz Walter“

Dettmar Cramer (1925-2015) Bild: Jens Gyarmaty

Fußball-Professor, Meistertrainer und Beckenbauer-Entdecker: Dettmar Cramer hat im deutschen Fußball viele Spuren hinterlassen. Mit seinem Tod endet eine Ära in doppelter Hinsicht.

          Nimmt man die Zahl der Titel als Maß des Erfolges, dann gab es viel erfolgreichere Trainer als ihn. Nimmt man dafür die Spuren, die einer hinterlässt, und die Entwicklungen, die er anstieß, dann gab es keinen erfolgreicheren Mann im deutschen Fußball, ja vielleicht im Weltfußball, als Dettmar Cramer. Am Donnerstag ist er im Alter von 90 Jahren in seinem Haus in Reit in Winkl gestorben.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Mit seinem Tod endet eine Fußball-Ära in doppelter Hinsicht. Nach Udo Lattek im Februar ist der letzte Trainer aus der ersten großen Ära des FC Bayern gestorben, den siebziger Jahren. Zugleich geht mit Cramer ein Typ, wie er im heutigen Fußball undenkbar geworden ist – Pionier und Perfektionist zugleich, Spezialist für die Kleinen und die ganz Großen des Fußballs gleichermaßen.

          Als Ausbilder im Auftrag von DFB und Fifa schuf Cramer in mehr als neunzig Ländern die Grundlagen für den lokalen und globalen Erfolg dieses Spiels, mit bleibender Verehrung vor allem in Japan, das ihm eine zweite Heimat wurde. Und schaffte es ebenso, ein saturiertes, zerfallendes Weltklasseteam wie die Bayern der Jahre 1975 bis 1977 zumindest für die großen Spiele, für das zweimalige erfolgreiche Verteidigen des Europapokals der Landesmeister, zusammenzuschweißen.

          Der FC Bayern erklärte am Freitag seine Trauer „um einen großen Trainer und besonderen Menschen“. Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge, einst Cramers Lieblingsschüler, würdigte ihn als „väterlichen Freund“ und „größten Förderer“: „Dass ich sehr erfolgreich Fußball gespielt habe, hatte ich zu großen Teilen ihm zu verdanken.“ Legendär ist die Geschichte von den zwei Gläsern Cognac, die Cramer vor dem Europapokalfinale 1976 in Glasgow dem nervösen Jungstar zur Beruhigung einflößte – mit Erfolg.

          Dettmar Cramer, 1975 als Napoleon verkleidet im Münchner Olympistadion

          Diese pragmatische Seite des Trainers Cramer widerspricht dem populistischen Klischee vom abgehobenen „Fußball-Professor“, das sich in den Worten von Bayern-Präsident Neudecker wiederfand: „Am Ende haben wir alle das Abitur, aber keine Punkte“. Mit der kleinen, drahtigen Erscheinung des Fitness-Fanatikers, früheren Boxers und Fallschirmspringers, mit den mächtigen Koteletten und der fein justierten Rhetorik war Cramer eine beliebte Zielscheibe derben Fußball-Spottes.

          Am meisten ärgerte ihn der Beiname „Napoleon“, Folge eines Fotos, für das er mit Zweispitz und Feldherrenpose als „Karnevalsscherz“ posiert hatte. Mit dem „Professor“ dagegen konnte Cramer gut leben, nicht zuletzt, weil er es auch war. Neben dem Status als Ehrenhäuptling der Mohikaner und Sioux besaß Cramer auch zwei Titel als Professor ehrenhalber.

          Prägende Figuren beim FC Bayern: Trainer Cramer neben Torwart Maier

          Der gebürtige Dortmunder hatte schon mit 16 Jahren bei einem Jugendlehrgang 1941 Sepp Herberger kennengelernt, der ihn nach dem Krieg zum Westdeutschen Fußballverband und als Helfer zur Nationalelf holte. Nach einem Jugendlehrgang empfahl Cramer dem Chef einen jungen Spieler mit den Worten: „Herr Herberger, hier ist einer, der wird besser als Fritz Walter!“ (Antwort: „Dettmar, das gibt’s nicht.“).

          Später bewahrte Cramer denselben Spieler vor dem Rauswurf aus der DFB-Jugendauswahl, auf den Funktionäre drängten, weil dieser mit 18 Jahren schon Vater eines unehelichen Kindes war. Später, als Weltstar, zahlte Franz Beckenbauer die Treue zurück. Der Bayern-Kapitän stärkte dem an der Säbener Straße zunächst umstrittenen Lattek-Nachfolger den Rücken.

          Kabinenpredigt: Cramer (2.v.l.) neben Albert Ostermaier, Wolfram Eilenberger und Moritz Rinke als Motivator der deutschen Autorenmannschaft

          So wurde Cramer der bis heute einzige deutsche Trainer, der Europas wichtigste Vereinstrophäe erfolgreich verteidigen konnte. Im Alltag der Liga dagegen begann mit ihm die immer noch längste Durststrecke der Bayern seit dem Bundesliga-Aufstieg 1965 – fünf Jahre ohne Meistertitel.

          So kam Cramer auf eine kuriose Titelbilanz: Er gewann den Welt- und den Europapokal, aber nie die Meisterschaft. Neben Erich Ribbeck ist er der einzige Trainer der Bayern seit dem ersten Bundesliga-Titel 1969, der mehr als eine komplette Saison in München arbeitete und trotzdem nicht Meister wurde. Dass er dennoch als einer der Großen der Bayern-Historie in Erinnerung bleiben wird, spricht für den Welt-Trainer Dettmar Cramer. Und für die Spuren, die er hinterlässt.

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