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Bayern München : Schaut auf dieses Spiel!

Der Kunst so nah: das Bayern-Ensemble zelebriert einen leichtfüßigen Fußball Bild: dpa

Die große Kunst genießen: Statt Mitleid mit den Geschlagenen zu empfinden, sollten wir uns von der Exzellenz des Meisters Bayern inspirieren lassen. Denn jede Blüte ist vergänglich.

          5 Min.

          Es begann vor einigen Monaten, um genau zu sein, mit dem Beginn der Rückrunde, als der FC Bayern als frischer Weltpokalsieger in die Bundesliga zurückkehrte. Damals änderte sich im deutschen Fußball der Blick auf den Meister aller Klassen. Die Medien haben es sich seitdem angewöhnt, Bundesligaspiele der Bayern aus der Perspektive ihrer Gegner zu betrachten. Und die Konkurrenten der Münchner lieferten zu dieser einseitigen und verzerrten Wahrnehmung die Begründung, indem sie sich selbst nicht mehr als ernstzunehmende Gegner betrachteten, sondern als Ergebene und Unterlegene einer unbesiegbaren Macht.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ganz so, als ob man es in dieser Saison mit einer Invasion von Fußball-Aliens aus dem Weltraum und nicht mit einer Fußball-Mannschaft aus München zu tun hätte. In der Fußball-Froschperspektive, die sich die Münchner Mitbewerber in der Rückrunde fast ausnahmslos zu eigen gemacht haben, droht allerdings etwas ganz Entscheidendes in dieser Saison aus dem Blick zu geraten: die Kunst.

          Es scheint fast so, als ob sich neun Monate nach der Geburt des Guardiola-Fußballs in Deutschland hierzulande bereits Überdruss breitgemacht hat über einen Fußball, den die Bundesliga nie zuvor in fünfzig Jahren erleben durfte; so leicht und präzise, so verspielt und zielstrebig, so ausgeklügelt und improvisierend, so anregend und aufregend: So nah wie mit Pep Guardiola, nach der nicht zu vergessenden Vorarbeit von Jupp Heynckes und den drei Titeln in der vergangenen Spielzeit, ist der Fußball hierzulande der Kunst nie gekommen. Aber am Ende dieser jeweils neunzigminütigen Performance voller Exzellenz werden derzeit nicht mehr die Künstler verehrt, sondern nur noch die Endergebnisse sporttabellarisch abgehakt.

          Der Regisseur: Pep Guardiola inszeniert ein Schauspiel, an dessen Schönheit sich die Spieler selbst berauschen

          Am vergangenen Wochenende hieß die prosaische Frage, ob die Bayern beim FSV Mainz 05 schon am 26. Spieltag deutscher Meister werden und damit einen neuen Rundenrekord aufstellen oder ob man sich auf die Zieldurchfahrt noch bis zu diesem Dienstag (20 Uhr, live im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) in Berlin beim Spiel gegen die Hertha gedulden müsse. So aber verschwinden in diesen Tagen, da es eigentlich den schönsten Gewinn einer deutschen Meisterschaft seit einem halben Jahrhundert zu feiern gälte, die ästhetischen Aufführungen der Bayern, ihre balletthaften Choreographien und Verschiebungen auf dem Feld, die virtuose Ballfertigkeit bei höchstem Tempo und härtesten Zuspielen, die sich stets erneuernden und verändernden Kräfte eines freien Ensembles hinter einem bloßen statistischen Wust: eine ganz Saison ungeschlagen. Die meisten Siege. Rekordpunktzahl. Die wenigsten Gegentreffer. Die meisten Tore. Die meisten Spiele ohne Gegentor. Der größte Abstand zum Zweiten. All das ist noch möglich und vieles davon wahrscheinlich - und sagt doch nichts über die poetische Kraft, die in diesem Fußball liegt, vor dem der Kritik im ehemaligen Land der Rumpelfüßler eigentlich das Herz hüpfen müsste.

          Bei der Partie am Samstag beim FSV Mainz konzentrierte sich das öffentliche Interesse neben dem möglichen Gewinn der Meisterschaft auf eine Selbstverständlichkeit. Nämlich darauf, dass der Mainzer Trainer Thomas Tuchel vorab erklärte, die Bayern mit seinem Team tatsächlich schlagen zu wollen - und wie der Außenseiter das nun möglicherweise anstellen werde. Mainz machte seine Sache großartig, und bis zur 82. Minute, als Bastian Schweinsteiger den Führungstreffer für die Münchner erzielte und Mario Götze kurz darauf den 2:0-Endstand, war ein Punktgewinn für Mainz möglich, vorher auch die Führung. Danach konnten die Bayern dann lesen und hören, sie seien „herzlos“. Und dass es sie erstmals in dieser Saison „fast erwischt“ hätte.

          So standen der Beinahe-Punktverlust der Münchner und der Mut der Mainzer im Mittelpunkt. Weniger wichtig schien es zu sein, dass es die Münchner gegen einen starken Gegner wieder geschafft hatten, mit ihrem traumwandlerisch sicheren Pass- und Positionsspiel eine passende Antwort zu finden; dass Guardiola mit der unmittelbaren Einwechslung von Götze für Thomas Müller und später Xherdan Shaquiri für Arjen Robben nach der Umstellung der Mainzer auf eine Fünferkette in der Abwehr - die bei nachlassenden Kräften den Punktgewinn sichern sollte - die Statik seines Teams noch einmal ein klein wenig, aber vielleicht entscheidend verlagerte; dass die Bayern mit nicht nachlassender Konzentration bis zur letzten Minute ihr Spiel wieder zum verdienten Erfolg führten.

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