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Bayern München : Langer Abschied vom FC Hoeneß

Eine Frage der Perspektive: Uli Hoeneß (rechts) steht für den alten, Pep Guardiola (links) für den neuen FC Bayern Bild: dpa

Ist der Präsident noch der Machthaber von Bayern München oder schon das Maskottchen? Beim Verein hat er sich rechtzeitig entbehrlich gemacht – vor dem juristischen Auswärtsspiel mit ungewissem Ausgang.

          Er ist schon oft abgeschrieben worden. Zum ersten Mal vor vierzig Jahren. „Hoeneß! Hoeneß! Hoeneß! Ein Mann noch, einer ist bei ihm, an dem muss er noch vorüber, der zweite kommt . . ., jetzt legen sie ihn um!“, rief Reporter Oskar Klose in sein Fernsehmikrofon. Und korrigierte sich sofort. „Nein, er macht sie alle fertig!“ Das lange Solo des blondgelockten Stürmers endete mit dem 4:0 gegen Atlético Madrid. An jenem Frühlingsabend in Brüssel 1974 gewann Bayern München als erstes deutsches Team den Europapokal der Landesmeister. Es war die Geburtsstunde des Mythos vom großen FC Bayern. Und die Geburtsstunde des Mythos von dem, der sie alle fertigmacht. Von Uli Hoeneß.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der FC Bayern ist immer noch groß, groß wie nie. Der Klub gilt als Vorbild in Europa, seine Mannschaft als beste der Welt. In der Bundesliga hat sie seit 498 Tagen nicht verloren. Selbst Niederlagen können dem Bayern-Mythos nichts mehr anhaben, auch nicht die im „Finale dahoam“ 2012 gegen Chelsea, im Gegenteil. Nicht mal eine Niederlage von Uli Hoeneß vor dem Oberlandesgericht München in der nächsten Woche könnte das.

          Für Hoeneß selbst gilt das nicht. Er steht vor einem „Endspiel“, wie das jetzt gern umschrieben wird. Einem Endspiel, das er nicht verlieren darf. Der Mann, der den FC Bayern groß machte, der zum mächtigsten Menschen im deutschen Fußball aufstieg, von einer Reizfigur zum Volkstribunen wurde, zur populär-moralischen Instanz für die einfachen, die talkshowfähigen Wahrheiten über Geld und Gesellschaft - Uli Hoeneß also muss gegen ein Urteil ankämpfen, das seinen Ruf ruinieren kann.

          Es ist das schwierigste Auswärtsspiel seines Lebens. Mit Gegenspielern, deren Taktik er nicht vorhersehen kann. Und in einer Arena, die ihm fremd ist. Im Saal 134 des Münchner Justizpalastes beginnt an diesem Montag vor der Fünften Strafkammer des Landgerichts München II das „Strafverfahren gegen Ulrich H. wegen Steuerhinterziehung“.

          Dass er die Millionengewinne nicht versteuerte, die er in Zehntausenden Transaktionen von 2003 bis 2009 in exzessiven Börsengeschäften über ein Schweizer Konto erzielt haben soll, nannte Hoeneß nach deren Bekanntwerden im vergangenen Frühjahr eine „große Torheit“. Sie kostete ihn die Unbeschwertheit der Freude über das historische „Triple“ der Bayern, das seine 34 Jahre als Manager und Präsident krönte. Fast apathisch nahm er an den Feierlichkeiten und dem Auto-Corso durch München teil.

          Die Tränen des Präsidenten: Uli Hoeneß bei der Jahreshauptversammlung 2013

          Im Spätsommer war er dann wieder besserer Dinge, offenbar gab es juristische Hoffnungen. Bei der Saisoneröffnung des Basketball-Teams plauderte er gut gelaunt von seinem Traum, im Frühjahr 2014 „mit beiden Mannschaften auf dem Rathausbalkon zu stehen“ als doppelter deutscher Meister im Fuß- und im Basketball. Auch im operativen Geschäft machte er sich auf altbekannte Art bemerkbar, als er den Sportvorstand Matthias Sammer für dessen Kassandra-Rufe öffentlich in den Senkel stellte: „Der Feind sitzt draußen, nicht bei uns.“

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