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Bayern München : Langer Abschied vom FC Hoeneß

Noch Machthaber oder nur noch Maskottchen?

Dabei ist unklar, ob sie ihn tatsächlich noch brauchen. Ob er in Wirklichkeit noch ein Machthaber ist - oder schon ein Maskottchen. Einer also, der für die große Vergangenheit steht und alte Verdienste und den man deshalb nie und nimmer fallenließe; so wenig wie man das beim alkoholkranken und mittellosen Gerd Müller tat, der ein Gnadenbrot bekam.

Viel spricht dafür, dass der FC Bayern inzwischen auch ohne ihn auskäme. Und das ist vielleicht das größte Verdienst von Uli Hoeneß. Er hat geschafft, was nur die wenigsten großen Anführer und Wertschöpfer schaffen, ob in Politik, Wirtschaft oder Sport: Er hat sich entbehrlich gemacht.

Kurz vor dem Prozess brachte er als Aufsichtsratsvorsitzender der Fußball-AG noch den Deal mit der Allianz über die Bühne - die als dritter Anteilseigner nun wie Adidas und Audi 8,33 Prozent der Anteile besitzt und dafür 110 Millionen Euro zahlt. Damit kann der Klub die Darlehen für seine Arena über zehn Jahre früher als ursprünglich geplant abbezahlen. Zudem ist in den letzten Jahren der Vorstand mit erstklassigen Fachleuten verjüngt worden. Vor allem gilt das für den wichtigsten Posten, den des Trainers. Die Verpflichtung des weltweit begehrtesten Fußballkreativen, Pep Guardiola, und die Art, wie seine Ideen beim Team fruchten, haben dem FC Bayern eine innere Ruhe und Stabilität wie noch nie verschafft. Der Fall Hoeneß kann diese Ruhe nicht erschüttern.

Den letzten Problemtrainer, Louis van Gaal, hat Hoeneß in seinem letzten großen kontroversen Auftritt persönlich hinausgekegelt. Dessen Nachfolger Jupp Heynckes war noch ein alter Hoeneß-Mann. Doch schon für die Verpflichtung von Guardiola wäre Hoeneß nicht mehr nötig gewesen - weil es vom ersten Kontakt an einfach perfekt passte zwischen dem Katalanen und den Bayern. So wirkte es wie eine letzte Trophäe, die man dem alten Patron gönnte, als er im Dezember 2012 in New York den Deal mit Guardiola unter Dach und Fach bringen durfte - während Rummenigge sich mit dem verärgerten Heynckes herumschlagen musste.

Vom FC Hoeneß zum FC Guardiola

Beides, der lange Abschied von Hoeneß und der rasche Erfolg von Guardiola, verändert den FC Bayern. Guardiola ist pedantisch und obsessiv, charismatisch und visionär, aber er ist nicht sentimental. Und so sind die Bayern im Augenblick ein Verein, der sich von alten Sentimentalitäten löst. Und damit auch von alten Seilschaften. Noch vor weniger als zwei Jahren gab es eine neue Generation früherer Bayern-Spieler wie Butt, Scholl, Nerlinger, die in die Verantwortung zu rücken schien. „Das ist genau in meinem Sinne“, sagte Hoeneß damals. „Ehemalige Leute holen und einbauen, die prädestiniert für diese Aufgabe sind, ist bayernlike.“ Dann aber holte er Sammer, der Nerlinger ersetzte und Butt vertrieb. Und Scholl macht lieber Fernsehen. Heute ist, außer Rummenigge, der nach 22 Jahren in der Klubführung noch nicht über die Zeit nach Ablauf seines Vertrages in drei Jahren hinaus planen möchte, und Hoeneß kein früherer Spieler mehr in einer führenden Funktion.

Der Klub ist auf einem Konkurrenzniveau um Marktanteile in einem globalen Geschäft angekommen, auf dem allein die Qualität von Fachleuten entscheidet und nicht eine frühere Verbundenheit mit dem Verein. Auch das angebliche Insiderwissen darum, wie „der FC Bayern funktioniert“, hilft nicht mehr als Argument. Es ist ein anderer FC Bayern geworden als der, den heutige Ex-Spieler einmal als Profi kannten. Eine Weltfirma, in der man als Altgedienter selbstverständlich immer noch eine Dauerkarte oder Hilfe in der Not bekommt - aber keine Führungsposition mehr.

Und so wird der FC Bayern langsam vom FC Hoeneß zum FC Guardiola. Früher war er geprägt vom großen Patron und von dessen Vision eines Weltklubs, der finanziell und familiär funktioniert. Das scheint nun erreicht und langfristig gesichert. Und so übernimmt ein anderer Visionär. Einer mit einer Vision vom Fußball. Dieser Fußball ist der beste, den es in der Bundesliga und vielleicht in ganz Europa bisher gab. Er wird immer besser und ausgereifter, es ist ein kollektiver kreativer Prozess. Ihm zuzuschauen ist im Ergebnis so vorhersehbar, wie es im Entstehen faszinierend ist. Der Guardiola-Prozess - er ist für die Zukunft des FC Bayern wichtiger als der Hoeneß-Prozess.

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