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Bayern München : Im Alles-oder-nichts-Modus

Da lang: Bayern-Trainer Guardiola steht vor wegweisenden Wochen. Bild: AFP

Der Spagat zwischen Lockerbleiben in der Liga und Leistungsgipfeln in der Champions League - er wird für den Rest der Saison die wichtigste Dehnübung der Bayern.

          Bayern feiern ist in Mode. Und gefährlich. Noch haben sie nur die Jubelarien im Ohr, aber nichts in der Hand, nur eine Pappschale als deutscher Frühlings-Meister. Die echte, die Silberschale, die sowieso bei ihnen im Schrank steht, gibt es erst nach dem Liga-Finale gegen Stuttgart am 10. Mai. Sollte danach aber kein weiteres Saisonspiel mehr folgen, kein Finale, bliebe die Stimmung wohl trotz Meisterfeier reserviert. Dann könnte sich Pep Guardiola für die vielen Hymnen des März im Mai nichts mehr kaufen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Seine Beteuerung, die Meisterschaft sei „der wichtigste Titel der Saison“, ist persönlich glaubhaft, aber nicht mehrheitsfähig. Mit diesem Kader, weiß der Fan, muss jeder Trainer Meister werden - wenn auch nicht so überlegen und so überragend gut. Deshalb beginnen jetzt die Wochen, in denen man Guardiola, den Mann, der das Triple mit Barcelona gewann, erstmals wirklich an Jupp Heynckes messen wird, dem Mann, der das Triple nach Bayern holte.

          Bekanntes Bild: Die Bayern jubeln.

          Guardiola hat den Feiermodus für beendet erklärt. An diesem Dienstag beginnt Teil zwei seiner ersten Bayern-Saison. Dann, erklärt er, „haben wir unser erstes Finale“. Das meint der Katalane, obwohl die Partie bei Manchester United am 1. April stattfindet, völlig ernst.

          In Wirklichkeit ist es nur ein halbes Viertelfinale. Aber in Guardiolas Sprachgebrauch gilt das Wort Finale für alle K.-o.-Runden. Denn die sind ja tatsächlich stets final - für den Verlierer. Fünf davon stehen im Wochentakt des Monats April bevor: am Anfang die beiden Viertelfinals in der Champions League gegen Manchester, am Ende, kommt man weiter, die beiden Halbfinals, dazwischen das Halbfinale im DFB-Pokal gegen Kaiserslautern. Sollten die Bayern diese fünf „Finals“ erfolgreich überstehen, erwarten sie im Mai zwei richtige Endspiele, Endstationen auf dem Weg zur Triple-Verteidigung, die in der Fußballhistorie beispiellos wäre: am 17. Mai in Berlin, am 24. Mai in Lissabon.

          In den vergangenen Wochen wurden die Bayern selbst von ihren Gegnern so sehr in den Fußballhimmel gelobt, dass es ihnen alles an ihrer hervorstechendsten Qualität dieser Saison abverlangen wird, um diese Aufgabe zu bewältigen - um nun, da sie scheinbar alles können und nichts mehr fürchten müssen, in den Alles-oder-nichts-Modus zu finden. Diese hervorstechendste Qualität ist die Konzentration. In keiner Saisonpartie war Guardiolas Team länger als fünfzehn oder zwanzig Minuten nicht ganz bei der Sache - zu wenig, um bisher je in echte Schwierigkeiten zu kommen.

          In der Champions League deutete sich jedoch einige Male an, dass die Defensive, vergangene Saison unter Heynckes in den K.-o.-Runden bis auf das 0:2 im Achtelfinal-Rückspiel gegen Arsenal nahezu unerschütterlich, ins Wackeln zu bringen ist - gerade durch englische Teams. Etwa beim 2:3 nach 2:0-Führung im letzten Gruppenspiel gegen Manchester City.

          Sammer: „Nur zwei schlechte Tage“

          Sportvorstand Matthias Sammer nennt diese beiden Heimniederlagen, gegen Arsenal vor einem Jahr und gegen City im Dezember, die „einzigen zwei schlechten Tage“ seiner bisher knapp zweijährigen Amtszeit. Aber auch in den beiden Achtelfinals gegen Arsenal in diesem Jahr gab es Schwächephasen: im Rückspiel nach dem 1:1-Ausgleich der Engländer, vor allem aber schon zu Beginn des Hinspiels in London. Die ersten neun Minuten, als man laut Thomas Müller „überrumpelt“ wurde, nannte Guardiola sogar „die schlechtesten neun Minuten der Saison“. Er redete davon, dass in dieser Schwächephase „ein einziger Moment“ schon das Ende hätte bedeuten können: „Wenn der Elfmeter von Özil reingeht und Boateng für das Foul Rot bekommt, dann spielen wir achtzig Minuten zu zehnt, dann sind wir raus.“

          Guardiola weiß, wie dünn der Faden ist, an dem der Erfolg selbst eines scheinbar unschlagbaren Teams hängt. Für den entscheidenden Schritt zu seinem ersten Champions-League-Sieg mit dem damals alles überragenden FC Barcelona benötigte er 2009 im Halbfinale bei Chelsea mehrere Fehlentscheidungen des norwegischen Schiedsrichters und einen Glücksschuss von Iniesta in der Nachspielzeit.

          Fliegender Überflieger: Der damalige Barcelona-Trainer Guardiola nach dem Champions-League-Sieg 2009

          Chelsea, ein bayrischer Angstgegner seit dem verlorenen „Finale dahoam“ 2012, hatte die Bayern auch in dieser Saison schon in den Seilen, im europäischen Supercup-Endspiel, als Guardiolas Team erst in der Nachspielzeit der Verlängerung der Ausgleich und danach der Sieg im Elfmeterschießen gelang. Offenbar besitzen englische Top-Teams spielerische Mittel, die die Bayern-Dominanz deutlich mehr erschüttern können als das, was die Bundesliga-Konkurrenz zu bieten hat. Es ist vor allem ein überfallartiger Offensivfußball, den in Deutschland in dieser Intensität nur die Dortmunder an guten Tagen zeigen.

          Guardiola hat bereits verdeutlicht, dass nach dem bereits feststehenden Meistertitel die Liga ab sofort nur noch aktive Erholung und Vorbereitung für die K.-o.-Wettbewerbe ist. Die noch möglichen Bestmarken für die Bundesliga-Rekordbücher interessieren ihn nicht. „Natürlich haben wir Respekt vor der Liga und müssen so gut wie möglich spielen“, sagte er vor dem 3:3 am Samstag gegen Hoffenheim. „Wir wollen uns aber so gut wie möglich auf Manchester vorbereiten.“

          Dabei weiß er, dass man mit zu lascher Einstellung an Bundesliga-Samstagen die kämpferische Konzentration für die Alles-oder-nichts-Spiele drei, vier Tage später einbüßen kann: „Das nächste Spiel ist immer das wichtigste. Wir müssen jede Woche gut spielen, um uns weiter zu verbessern.“ Der Spagat zwischen Lockerbleiben in der Liga und Leistungsgipfeln in der Champions League - er wird für den Rest der Saison die wichtigste Dehnübung der Bayern.

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