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Bayern München : Guardiola frisch verliebt

Gewöhnungsphase: Pep Guardiola (li.) und Fitness- und Rehatrainer Lorenzo Buenaventura sind den Bayernspielern nahe Bild: dpa

Der neue Bayern-Trainer Pep Guardiola testet viele Variationen und ist von seinen Spielern schon sehr angetan. Doch die Eingewöhnungsphase ist noch lange nicht beendet.

          Erst vor neun Tagen hat Pep Guardiola seinen neuen Spielern erstmals gegenübergestanden. Doch eine gute Woche hat gereicht, die Augen des Trainers bereits funkeln zu lassen. „Ich liebe diese Mannschaft wie meine Mannschaft zuvor“, sagte Guardiola am Donnerstag in Riva am Gardasee, einem guten Ort für romantische Versprechen. In diesem Fall aber müssen sich die Liebenden erst noch „richtig kennenlernen“, wie Guardiola zugab. Zu diesem Zweck sind die Bayern am Donnerstag zu ihrem neuntägigen Trainingslager ins Trentino gereist.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Anders als bei seiner Vorstellung in München zu Beginn der vergangenen Woche erschien Guardiola dort diesmal nicht formvollendet im Dreiteiler, sondern in Jeans und weißem Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln. „Mein erster Eindruck ist sehr wunderbar“, sagte Guardiola in einem Deutsch, das gegenüber den grammatisch korrekten, aber etwas einstudiert wirkenden Sätzen bei der formellen Vorstellung schon deutlich lebendiger und authentischer wirkte. Den sprachlichen Fortschritt binnen kurzer Zeit schrieb Guardiola, ganz Gentleman, seinen Mitarbeitern zu. „Die Spieler, der Pressesprecher, die Mitarbeiter an der Säbener Straße sind meine Deutschlehrer“, sagte er. „Der Tag hat nur 24 Stunden, deshalb habe ich jetzt keine Zeit mehr für Deutschlektionen.“

          Frage nach der Taktik bleibt unbeantwortet

          Fehler sind da nicht ganz auszuschließen, aber erwünscht, auch am Ball. „Ich hoffe, dass wir viele Fehler machen. Nur so können wir von den Fehlern lernen“, sagte Guardiola. Sein Auftreten, eine virtuose Mischung aus dem demütigen Diener eines großen Klubs und dem selbstbewussten Maestro großer Fußballkunst, war ganz darauf ausgerichtet, als einer aufzutreten, der Angebote macht, Möglichkeiten aufzeigt, als ein Trainer, der sein Team umwirbt: „Ich habe Ideen. Ich muss meine Spieler davon überzeugen.“

          Auf Kleinigkeiten kommt es an: Pep Guardiola (links) im Gespräch mit Matthias Sammer

          Guardiola hat fast dreißig Spieler mitgenommen an den Gardasee, darunter auch eine Reihe von Nachwuchsspielern und den langzeitverletzten Holger Badstuber, den er als „Supersuperspieler“ adelte. Überhaupt ist die Verdoppelung bis Verdreifachung lobender Adjektive ein rhetorisches Kennzeichen des Katalanen. Auch Claudio Pizarro ist für ihn ein „Supersuperspieler“, Arjen Robben „ein Top-, Top-, Top-Spieler“ (und überdies „ein Geschenk für mich“) und der FC Bayern gar ein Klub, der „sehr, sehr, sehr, sehr, sehr intelligente Spieler“ habe.

          Beruhigend, so viel gebündelte Intelligenz am selben Ort versammelt zu haben. „Während der Saison habe ich nicht so gerne einen breiten Kader, aber außerhalb der Saison kann man es machen“, erklärte Guardiola, der souverän die Sprachen wechselnd auch Fragen auf Italienisch, Englisch und Spanisch beantwortete. In den bisherigen Testspielen hat er schon einige taktische Varianten probiert, ließ einmal eine Dreierkette verteidigen, einmal Franck Ribéry als Mittelstürmer agieren. Eine neue Option? „Vielleicht“. Ein Hinweis auf das System, das er bevorzugen wird? „Es ist gut für mich, Spieler in anderen Rollen, anderen Positionen zu sehen. Im nächsten Freundschaftsspiel werde ich andere Spieler wieder auf anderen Positionen einsetzen. Wenn die Wettkampfspiele losgehen, ist das schwierig. Aber jetzt kein Problem.“

          Mittendrin statt nur dabei: Guardiola zeigt im Training sein Können

          So zeigt sich Guardiola offen für alles. Und verlangt diese Offenheit, verpackt im Lob der Intelligenz und Qualität von Kader und Klub, so vorsichtig wie geschickt auch vom FC Bayern. „Wir können mit echten Stürmern spielen. Wir können mit falschen Stürmern spielen. Beides ist gut für mich. Matthias, Kalle, Uli und Jupp haben mir eine Supermannschaft übergeben. Ich kann sie mit verschiedenen Systemen spielen.“ Die große Frage, ob der erfolgreichste Trainer der vergangenen fünf Jahre der erfolgreichsten Mannschaft der vergangenen Saison eine Runderneuerung verpasst oder das Bewährte nur fortführt, blieb damit vorerst unbeantwortet. Bei taktischen Fragen blieben Guardiolas Antworten abermals im Allgemeinen, fast Philosophischen: „Ich mag den Ball. Ich mag es nicht, wenn die gegnerische Mannschaft ihn hat.“

          Die Kunst der doppelten Verneinung

          Auch in Sachen Mario Gomez zeigte er sich wachsam und auf der Höhe. Warum Gomez mit am Gardasee sei, obwohl er nach Florenz wechseln wolle? „Heute ist er ein Fußballspieler des FC Bayern. Deshalb ist es normal für ihn, hier dabei zu sein“, sagte Guardiola. Und lobte auch Gomez, wenn auch ohne Verdoppelung lobender Adjektive, als „großen, talentierten Fußballspieler“. Als ein Reporter ihn um seinen Kommentar zur neuesten Wasserstandsmeldung im Transfer-Poker bat, dem angeblichen Ausstieg des AC Florenz aus dem Werben um den Stürmer, klopfte sich Guardiola an die Brust und sagte: „Wenn er hierbleibt, ist er mein Spieler.“ Verweigerte zugleich aber lächelnd jeden weiteren Kommentar zu der Transfer-Spekulation: „Vielen Dank für diese Information, du bist ein Superjournalist, aber ich vertraue mehr meinem Mediendirektor.“

          Und auch die Äußerung von Sportvorstand Sammer, der Verein brauche „Geduld“ mit dem neuen Trainer, lockte Guardiola nicht aufs Glatteis. „Ich schätze die Worte von Matthias, aber ich bin in einem großen Verein. Und in einem großen Verein hast du keine Zeit.“ Guardiolas Fazit bei seinem ersten echten Auftritt als Trainer des FC Bayern war eine so pointierte wie großartige Beschreibung dieses Klubs, und das in einer der schwierigsten sprachlichen Formen nicht nur des Deutschen, der doppelten Verneinung: „Bayern München ist nicht der beste Ort, um nicht zu gewinnen.“

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