https://www.faz.net/-gtl-74th0

Bayern München : Ein Könner für Kenner

Taktgeber, aber nicht ganz unumstritten: Toni Kroos Bild: AFP

Auch in der Champions League und wohl auch heute im letzten Gruppenspiel gegen Bate Barissau (20.45 Uhr) gibt Toni Kroos inzwischen den Takt der Bayern vor. Einige fragen sich trotzdem noch immer: Hat er das Zeug zur großen Nummer?

          Toni Kroos kann auch nach sechs Jahren in Bayern das nordische Gemüt nicht verleugnen. Er spielt sich nicht gern in den Mittelpunkt. Weil er aber rechts wie links eine vollendete Schusstechnik besitzt, lässt sich das nie ganz vermeiden. Kroos hat auch dafür eine Technik: wie man, wenn man schon ein tolles Tor geschossen hat, wenigstens nicht weiter auffällt als nötig. Am vorletzten Wochenende erzielte er einen Treffer, den man in Endlosschleife in jedes Techniktraining und jeden Traumtor-Trailer einbauen könnte.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Es war ein Seitfallzieher von der Strafraumgrenze, den rechten Fuß leicht von oben nach unten gezogen, den Ball ein wenig über den Außenspann rutschen lassend, so dass die Kugel nach dem Aufsetzen als nach außen drehender Slice vom Torwart weg ins Eck flog. Ein Schuss wie ein Schulbuch-Volley von Roger Federer, dem Sportler, den Kroos von allen außerhalb des Fußballs am meisten bewundert. Nur dass dieser Volley aus Schulterhöhe nicht mit einem großen, ebenen, eigens dafür gebauten Tennisschläger ausgeführt wurde; sondern mit der schmalen, gewölbten Oberseite eines Fußes, der von der Natur für andere Aufgaben geformt wurde.

          Es war das 2:0 gegen Hannover, eine Perle der Fußball-Stilistik. Und was tat Kroos? Joggte lässig Richtung Außenlinie und strich sich ein paar Haare aus dem Gesicht. Keine Ekstase, kein erhobener Arm, schon gar kein einstudierter Jubel. Kroos wirkt, wenn er herausragt, als wolle er das nicht. Und als sei er froh, wenn andere ihm das abnehmen, so wie gegen Hannover Martinez und Dante, die nach ihren Debüt-Treffern für die Bayern im Mittelpunkt standen.

          Einer für stille Genießer

          Kroos ist ein Könner für Kenner. Einer für stille Genießer, nicht für die laute Masse. Eine Woche später schoss er schon wieder ein schönes Tor, im Gipfelduell gegen die Dortmunder. Deren Trainer Jürgen Klopp nannte es „eine Weltklasseaktion“. Aber Kroos wirkte bei Klopps Kompliment verlegen. Diesmal hätte er nichts dagegen tun können, der Mann des Spiels zu sein, im Fokus aller Berichte und Gespräche - wenn er nach seinem feinen Fintentreffer zum 1:0 auch nur bei einer der beiden anderen entscheidenden Szenen das Richtige getan hätte. Entweder bei der Dortmunder Ecke, die zum 1:1-Endstand führte, weil er Mario Götze übersah. Oder bei der großen Chance zum Siegtor, als er kurz vor Ende nicht am Dortmunder Torwart Roman Weidenfeller vorbeikam.

          Zweifel im Nationalteam: Toni Kross hat wie hier beim EM-Halbfinale gegen Italien seine Rolle noch nicht gefunden

          So blieb in der öffentlichen Wahrnehmung des Toni Kroos wieder jener altbekannte winzige Restzweifel, der ihn begleitet, seit er 2006 als 16 Jahre altes Riesentalent für 2,3 Millionen Euro aus Rostock nach München kam. Die Frage, seit sechs Jahren: Wird Kroos ganz groß? Mehmet Scholl nannte ihn damals „das Beste, was ich beim FC Bayern je gesehen habe“. Und Uli Hoeneß, seinerzeit noch Manager der Bayern, wollte ihm „die Nummer zehn reservieren“.

          Die trägt heute Arjen Robben, während Kroos die 39 hat, nur eine unter der Maximalzahl, die seit 2011 in der Bundesliga für neu vergebene Rückennummern gilt. Deutschland ist das einzige Land der Welt, das keine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen hat, aber eine Rückennummernbeschränkung auf Fußballplätzen.

          Keine großen Sprünge

          Hat er das Zeug zur ganz großen Nummer? Kroos passt mit seiner Mischung - übersprudelndes Talent, untertouriges Temperament - in die beliebte Schublade mit Kickern, denen es angeblich nicht an Begabung, aber an Biss fehlt. Das Klischee wird gern mit Gerüchten gefüttert, zuletzt vor vier Wochen in einer Zeitschrift, die schrieb, Kroos sei wegen „lässiger Spielweise“ bei den Bossen in Ungnade gefallen und solle den Klub verlassen.

          Ein „Hirngespinst“ nannte das Sport-Vorstand Matthias Sammer. Kroos sei ein „großartiger Fußballer“ und „wichtiger Spieler des FC Bayern“. Und Trainer Jupp Heynckes erklärte, er sei „mit Toni sehr zufrieden, weil er super an sich arbeitet. Wenn er so weitermacht, wird er ein Weltklassespieler.“

          „Schaun mer mal“

          Kroos macht keine großen Sprünge, spielt aber in jeder Saison ein klein wenig besser als in der vorausgegangenen. In dieser wirkt er kraftvoller und antrittsschneller, auch gefährlicher, mit sechs Toren. An diesem Mittwoch (Anstoß 20.45 Uhr/ live im ZDF und F.A.Z.-Liveticker) gegen Bate Barissau, wenn es für die Bayern um den Gruppensieg in der Vorrunde der Champions League geht, soll er wieder für Druck aus dem Rückraum sorgen, auf der „Zehner“-Position.

          Es ist seine Lieblingsrolle, in der er aber im Nationalteam Mesut Özil als Konkurrenten hat. Und im Klubteam Thomas Müller, der derzeit jedoch den verletzten Robben am Flügel vertritt. Was, wenn alle fit sind bei den Bayern? Nach sechs Jahren im Süden hat Toni Kroos für solche Fragen genug Bayrisch gelernt: „Schaun mer mal.“

          Weitere Themen

          Hurra und Randale Video-Seite öffnen

          „Copa Libertadores“ in Madrid : Hurra und Randale

          River Plate Buenos Aires hat zum vierten Mal die Copa Libertadores gewonnen. Das Final-Rückspiel gegen Boca Juniors wurde im spanischen Madrid ausgetragen.

          Finale auf neutralem Rasen Video-Seite öffnen

          Copa Libertadores : Finale auf neutralem Rasen

          Das Spiel zwischen den argentinischen Klubs River Plate und Boca Juniors um die Krone des südamerikanischen Vereinsfußballs war wegen zahlreichen Krawallen nach Madrid verlegt worden.

          Topmeldungen

          Der französische Präsident Emmanuel Macron während seiner Ansprache an die Nation.

          Protest der „Gelbwesten“ : Macrons Kehrtwende

          Er sei kein Weihnachtsmann, hatte der französische Präsident Emmanuel Macron zuvor gesagt. Doch fast ein Monat mit teils gewalttätigen Protesten zeigt jetzt Wirkung: Zum 1. Januar gibt es in Frankreich Geldgeschenke.

          Brexit-Chaos : Jetzt ist alles denkbar

          Nach der Verschiebung der Brexit-Abstimmung im Unterhaus erscheint alles denkbar: Theresa Mays Rücktritt, ihr Sturz, Neuwahlen – oder ein neu ausgehandelter Brexit-Vertrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.