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Bayern München : Ein Hauch von Kaltem Krieg

Sportliche Leistung und Außendarstellung sind nicht nach dem Geschmack von Jupp Heynckes Bild: dapd

Mehr als das 1:3 gegen Borissow trüben die Dissonanzen in der Führungsetage die Stimmung beim FC Bayern. Trainer Heynckes bezichtigt Sportvorstand Sammer des Populismus.

          3 Min.

          Zwei berühmte Münchner Adressen, zwei verschiedene Stimmungslagen. An der Leopoldstraße wurde am Mittwoch mit der Kanzlerin die deutsche Einheit gefeiert. An der Säbener Straße wurde nicht gefeiert, dort war es der erste Tag bayrischer Uneinigkeit in diesem Herbst.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Mehr noch als die überraschenden Defizite des zuvor makellosen Rekordmeisters bei der 1:3-Niederlage beim FC Bate Borissow in der Champions League waren die öffentlichen Dissonanzen der sportlichen Leitung das beherrschende Thema.

          Vor Anpfiff des Spiels in Minsk hatte Trainer Jupp Heynckes im TV-Sender „Sky“ Sportvorstand Matthias Sammer wegen dessen Kritik an der Mannschaft attackiert: „Ich finde, dass die Kritik überzogen war. Ich finde auch, wir sollen die Kritik intern machen und nicht extern.“

          Sammer war erstmals am Dienstag der vergangenen Woche nach dem 3:0 gegen Wolfsburg atmosphärisch antizyklisch als Mahner aufgetreten („Wir müssen aufwachen.“). Er hatte das nach dem 2:0 in Bremen am Samstag noch verstärkt - wobei der Sachse mit der abschätzigen Wortschöpfung „lätschern“ für die zu wenig „gallige“ Einstellung des Teams knapp neben dem gemeinten bayrischen Begriff „lätschert“ lag.

          „Es ist sein gutes Recht sich zu äußern“

          Nach der tristen Reise nach Weißrussland blieb die Frage: Hat Sammer nur eher als andere gesehen, was sich nun in Minsk erstmals auch im Resultat ausgewirkt hat? Oder hat er es durch seine irritierenden Worte erst selbst herbeigeredet? Die Spieler, ganz vorsichtige Angestellte eines Top-Unternehmens, dachten natürlich gar nicht daran, sich auf das gefährliche Terrain einer Auseinandersetzung zwischen Chefs zu begeben.

          „Es ist sein gutes Recht sich zu äußern, auch zu warnen, und so sehen wir Spieler das auch“, so verteidigte, diplomatisch wie immer, Kapitän Philipp Lahm das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung - das beim FC Bayern zum FC Bayern natürlich nicht jeder hat.

          Sportlich können die Bayern den Betriebsunfall von Minsk noch korrigieren Bilderstrecke
          Sportlich können die Bayern den Betriebsunfall von Minsk noch korrigieren :

          Hätten sie doch nur genauso gut ihr Tor verteidigt. Die Bayern zeigten eine Konteranfälligkeit, die bisher in der Bundesliga vielleicht nur deshalb noch nicht aufgedeckt worden ist, weil ihnen die Spiele gegen die Könner des schnellen Umschaltspiels, wie Hannover, Frankfurt oder Dortmund, noch bevorstehen.

          Bei Kontern „müssen wir zusammen kompakt alle zurück“, fand Holger Badstuber, „und das war heute nicht der Fall“. Die Angriffe zu den Toren durch Pawlow (23. Minute), Rodionow (78.) und Bressan (90.+4) gingen ihnen einfach zu schnell. Der Anschlusstreffer durch Franck Ribéry (90.+1) konnte nur kurzzeitig Hoffnungen wecken.

          Zehn Spiele, zehn verschiedene Aufstellungen

          Ebenso erschreckend war die Einfallslosigkeit im Spiel nach vorn - eine Schwäche, die wohl auch das Verschulden von Heynckes war. Bei seiner inzwischen rituellen Rotation (zehn Spiele, zehn verschiedene Aufstellungen) hatte er diesmal den Besten der letzten Wochen geschont und sich damit erstmals verwechselt.

          Ohne Bastian Schweinsteiger fehlte im Spielzentrum die offensive Phantasie, ein Defizit von Javi Martínez, der nach 58 Minuten frustriert ausgewechselt wurde. Wie viele ähnlich blasse Auftritte kann sich ein 40-Millionen-Euro-Einkauf noch leisten, ehe Fans und Umfeld ungeduldig werden?

          „Aus solch einem Spiel können wir lernen“

          Vielleicht fehlten zudem auf dem schlechten Rasen im veralteten Dinamo-Stadion tatsächlich einige jener Willenstugenden, die Sammer gern predigt - der Wille, sich auch in einem ungemütlicheren Umfeld zu behaupten, als es die Bayern in der Wohlfühl-Atmosphäre der schönen Bundesligastadien gewohnt sind. Gerade nach der Pause, als sie zuletzt ihre Überlegenheit unaufhaltsam zu Siegen ausbauten (wie in Schalke oder Bremen), fiel ihnen gegen den Außenseiter immer weniger ein.

          „Vielleicht gar nicht so tragisch“, fand Heynckes das nach der Partie, vorerst wieder auf Beschwichtigung ausgerichtet. „Aus solch einem Spiel können wir lernen.“ Sammer äußerte diesmal keine Kritik am Team, musste das auch nicht. Schließlich hören sich manchmal die Spieler in ihrer Selbstkritik schon wie der Sportvorstand an.

          Sportlich ist die Gefahr nicht allzu groß

          Thomas Müller mahnte, „aufmerksam zu werden und aufzuwachen“. Trainer und Mannschaft verzogen sich beim mitternächtlichen Bankett im Hotelrestaurant „Dolce Vita“ früh auf ihre Zimmer, gleich nach der Rede von Karl-Heinz Rummenigge. „Wir haben neun Spiele in Folge gewonnen, sehr überzeugend gespielt“, sagte der Vorstandschef. „Es ist wichtig, dass wir uns durch diese eine Niederlage jetzt nicht aus der Bahn werfen lassen“.

          Sportlich ist die Gefahr nicht allzu groß. Sollten die Bayern ihre Hausaufgaben in den beiden kommenden Partien gegen den Tabellenletzten Lille und im Heimspiel gegen Borissow machen, wäre der Fehltritt von Minsk am Ende des Jahres nur ein Streichresultat - und eine Anekdote aus grauer Vorzeit, aus einer gefühlten Rückkehr in den alten, ungemütlichen Ostblock.

          „Populismus können wir hier nicht brauchen“

          Atmosphärisch könnte mehr zurückbleiben. Wenn es dumm läuft, ist es die Erinnerung an Minsk als den Ort, an dem ein erster Hauch von Kaltem Krieg zwischen Trainer und Sportdirektor spürbar wurde. Am nächsten Morgen, am Tag der Einheit, wäre die Zeit für Versöhnliches gewesen. Doch kurz vor Antritt der Rückreise legte Heynckes nach. Als „Populismus“ bezeichnete er Sammers Vorgehen. „Und den können wir hier nicht brauchen.“

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