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Bayern München : Das spanische Gegenmittel

Ein Baustein der Münchner Weiterentwicklung: Javier Martinez Bild: REUTERS

Seit dem 0:4 gegen Barcelona 2009 sind die Bayern nicht mehr wiederzuerkennen - was auch am vielseitigen Javi Martinez liegt. Der Spanier soll im Champions-League-Halbfinale am Dienstagabend (20.45 Uhr) die Katalanen stoppen.

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          Der FC Barcelona, sagt Matthias Sammer, „war in der Zeit, in der ich beim DFB war, in vielen Sequenzen Vorbild“. Der frühere Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes und jetzige von Bayern München legt dabei Wert auf die korrekte Zeitform, die er gleich noch einmal betont: „Aber ich hoffe auch - war.“ Dass Barça von gestern sei, erwartet Sammer vor den beiden Halbfinalpartien in München an diesem Dienstag (20.45 Uhr, F.A.Z.-Liveticker) und in Barcelona nächste Woche trotzdem nicht: Die Entwicklung, der Erfolg der Katalanen, das sei „in zwei Spielen nicht wegzuwischen. Aber wir sind auf einem guten Weg.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Dieser Weg begann lange vor Sammer, schon mit dem 0:4 im April 2009, jenem bayrischen „Waterloo“, wie es Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge nennt. Es war die deutlichste Deklassierung der Bayern im Europacup seit dem 0:4 von Beckenbauer & Co. gegen das entfesselte Ajax von Johan Cruyff in Amsterdam 1973. Während sieben aus der Barça-Elf von 2009 bis heute das Gerüst des weltbesten Klubteams bilden, sind von den Bayern, die damals im Camp Nou vorgeführt wurden, nur Schweinsteiger und Ribéry noch dabei.

          Wer die damalige Aufstellung liest, mit Namen wie Butt, Oddo, Breno, Lell, Altintop und dem Trainer Klinsmann, muss sich fragen: Liegen tatsächlich nur vier Jahre zwischen jener Ansammlung von besserem Durchschnitt und dem Superkader von heute? Sogar einige spanische Medien sehen die Bayern inzwischen als Favoriten gegen Barça, dessen vorher stabil brillante Form während der Krebsbehandlung des Trainers Tito Vilanova in den vergangenen Monaten ins Schwanken geraten ist.

          Taktische Entwicklung

          Der große Fortschritt der Bayern gegenüber 2009 ist nicht allein die Qualität des Spielerkaders, es sind auch das Knowhow des Trainers und die Bandbreite an taktischen Möglichkeiten, die er mit dem Team erarbeitet hat. Anders als unter dem als Motivator auftretenden Klinsmann, der bereits motivierten Spielern nichts bieten konnte, schon gar keine taktischen Lösungen, umfasst das Repertoire unter Jupp Heynckes mit Feinschliff alle Facetten des modernen Fußballs: von Kombinations- bis Konterspiel, von Tempo bis Tempoverschleppung, von der Stärke bei Standards bis zum Jagen des Balles und Versperren des Raumes.

          Spanische Worte, spanische Taten: Martinez in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Barcelona

          Am deutlichsten sichtbar ist der taktische Unterschied auf der Stürmerposition. In Luca Toni hatte man bei den Bayern damals einen „Knipser“ der alten Schule, der Verteidigen als Strafarbeit empfand. Bis zum 4:0 von Barça durch Henry kurz vor der Pause hatte Toni kein einziges Mal den Ball berührt. Mario Mandzukic ist ein Stürmer aus einer anderen, neuen Zeit, er versteht sich als erster Verteidiger, setzt nimmermüde den Spielaufbau der Innenverteidiger unter Druck, erobert viele Bälle. Es ist ein großer Nachteil der Bayern, dass der in den beiden Spielen gegen Juventus Turin überragende Kroate im Hinspiel gesperrt ist.

          Münchner Größenvorteil

          Aber Mario Gomez hat sich bei den beiden 6:1-Siegen gegen Wolfsburg im Pokal und in Hannover in der Liga mit insgesamt fünf Toren in nur rund siebzig Spielminuten und mit großem Fleiß in der defensiven Laufarbeit für die Mandzukic-Vertretung empfohlen - ebenso wie Claudio Pizarro, der in Hannover zwei Tore schoss und zwei vorbereitete. Sammer gefiel vor allem, „mit welchem Tempo Gomez agiert hat“. Mit ihm käme auch ein physischer Vorteil ins Spiel, der Barça an einer Schwachstelle treffen kann.

          Von den bewährten Innenverteidigern ist nur Gerard Piqué fit, so dass ihm der unerfahrene Nachwuchsmann Marc Bartra assistieren soll. Er ist aber nur 1,83 Meter groß, womit die Bayern bei Eckbällen oder Freistoßflanken die Lufthoheit haben dürften. Sie können mit Dante, Daniel van Buyten, Javi Martinez und Gomez gleich vier Männer um die 1,90 Meter vor das gegnerische Tor bringen, dazu den kleineren, aber kopfballstarken Bastian Schweinsteiger. Es ist eine Luftmacht, die das bis auf Piqué und Sergi Busquets eher kleingewachsene Barça-Team überfordern kann.

          Nicht zuletzt bei diesem Längenvergleich hat sich der Kauf des 40-Millionen-Mannes Martinez schon rentiert. Der Spanier stellt mit seiner Größe und Sprungkraft oft jene zusätzliche Kopfballbedrohung dar, für die es bei Standards auf gegnerischer Seite keine körperlich passende Gegenwehr mehr gibt. Dazu wird er mit Positionssicherheit, Zweikampf- und Laufstärke im defensiven Mittelfeld eine Schlüsselrolle im Bayern-Spiel einnehmen - als der Mann, an dem Lionel Messi vorbeimuss. Vielleicht wird Martinez so der entscheidende Unterschied zu 2009, als es kein Mittel gegen Messi gab: Nun haben die Bayern, um die Katalanen zu stoppen, einen Spanier.

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          Unser Autor: Oliver Georgi

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