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Bayern München : Bei null

Jetzt geht wieder alles von vorne los: Bayern München will gegen Juventus Turin die Null stehen lassen Bild: dpa

Vor dem Königsklassen-Duell mit Juventus Turin (20.45 Uhr) besteht die Kunst für die Bayern darin, das 9:2 gegen den HSV zu vergessen.

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          München war in Partylaune, obwohl der 23. Meistertitel noch auf sich warten ließ. 71.000 Menschen feierten, selbst die Besucher aus Hamburg wollten etwas beisteuern: Galgenhumor. Nach dem achten Gegentor ihres Teams skandierten sie „Auswärtssieg“. Bei jeder Überdosis von guter Laune aber schlägt die Stunde von Matthias Sammer. Er wirkt immer dann gewarnt, wenn um ihn herum nur glückliche Menschen sind. Also sah er nach dem 9:2 gegen den HSV in der Kabine nach dem Rechten - und da war auch er zufrieden. „Eine gute Reaktion“ erlebte er dort. „Die Spieler kritisierten die zwei Gegentore.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Vielleicht haben die beiden Hamburger Innenverteidiger Jeffrey Bruma und Heiko Westermann den Bayern mit ihren beiden späten Kopfballtreffern einen größeren Gefallen getan als zuvor mit ihrer gepflegten Passivität in der Abwehr - als Weckruf vor dem Spiel gegen Juventus Turin an diesem Dienstag. Nach dem „Bilderbuch- und Lehrbuch-Fußball“, den sein Team über weite Strecken geboten habe, wollte Trainer Jupp Heynckes nur von einem „Schönheitsfehler“ reden. Aber auch er zeigte sich angetan von der zerknirschten Reaktion: „Die Spieler selbst ärgern sich, das habe ich in der Kabine gemerkt“.

          Mancher ärgerte sich auch darüber, zu wenig Tore geschossen zu haben. Wer neun will, will’s gern zweistellig, eine Chance, die nur alle Jubeljahre mal kommt. „Schade, dass wir das zehnte nicht geschafft haben“, sagte Thomas Müller. Bastian Schweinsteiger fand allerdings, dass man sich gegen die „schlitzohrigen, abgezockten, taktisch sehr cleveren Italiener“ für das 9:2 „nichts kaufen kann“. Im Gegenteil: „Vorn war’s sehr gut, hinten tun die zwei Tore weh.“

          Zu viele Gegentore

          Die Bayern müssen mit der Tücke umgehen, dass sie in der Liga einfach keinen Gegner finden. Mitunter nicht mal einen Sparringspartner. Und dass sie sich deshalb immer wieder selbst auf den Boden holen müssen, wenn es schon die Gegner nicht schaffen. So mühten sich die deutschen Nationalspieler nach dem HSV-Spiel, nicht wieder übertriebene Zuversicht zu befeuern wie nach dem 4:2 bei der EM gegen Griechenland, als nur Torwart Neuer wegen der beiden Gegentore schimpfte. Dann kam Italien, und zwei Gegentore waren eins zu viel. Nun kommt wieder Italien, in Gestalt seines Rekordmeisters, der die komplette Defensive und fast das ganze Mittelfeld der Nationalelf stellt. Und Schweinsteiger fordert, das Hinspiel „unbedingt zu null“ zu beenden, „das ist das Wichtigste“.

          Nun müssen sich die Münchner wieder strecken: Fraglich allerdings,ob sich Mario Gomez Bälle angeln darf

          Genau das aber, was den Bayern bei den ersten 19 Saisonsiegen stets gelang, nämlich ohne Gegentor zu bleiben, ist ihnen in den letzten vier Partien abhanden gekommen. Gegen Arsenal, Düsseldorf, Leverkusen und Hamburg gab es sieben Gegentreffer, fünf davon in den letzten zwanzig Minuten. Eine schlechte Angewohnheit, die zum Problem werden kann gegen italienische Minimalisten, die seit fünf Champions-League-Spielen ohne Gegentreffer sind und, so Schweinsteiger, „aus nix ein Tor machen können“. Sammer wurmt besonders die Schwäche bei Standards. „Vier Gegentore nach Eckbällen“ in den letzten vier Partien addierte der Sportdirektor und forderte, das müsse „wachrütteln“. In zwei K.-o.-Spielen gegen ein Team wie Turin kann jede Nachlässigkeit die entscheidende sein. Während Jerome Boateng sich nach seiner Champions-League-Sperre mit guten Leistungen wieder eingefügt hat, zeigte Dante, bisher die Bank im Abwehrzentrum, zuletzt einige Schwächen.

          Zu viele Tore? Die Bayern dürfen sich nicht vom Sieg gegen den HSV blenden lassen

          Die beiden Innenverteidiger erwartet zudem eine Aufgabe, auf die sie in der Liga kein Gegner vorbereitet hat: ein Spiel gegen zwei Stürmer, etwas, das laut Frank Wormuth, dem Chef der DFB-Trainerausbildung, „viele Innenverteidiger nicht mehr gewöhnt sind“. Selbst Bundesligateams, die sonst auch mit zwei Angreifern spielen, setzen gegen die Bayern auf eine vorsichtigere Variante mit nur einem Stürmer. Anders Juventus mit seinem schwierigen 3-5-2-System, auf das schon Bundestrainer Löw keine Antwort fand. Das zentrale Mittelfeld mit Pirlo, Marchisio und Vidal ist neben der Abwehr das Prunkstück von Juve. Und zumindest im Hinspiel haben die Bayern das Problem, dass der gesperrte Xavi Martinez als Gegengewicht im Zentrum fehlen wird.

          “Viel Lust, viel Spaß“

          So hat nichts beim 9:2 am Samstag die Bayern auf das vorbereiten können, was sie am Dienstag erwartet. Im HSV fanden sie als weit Fortgeschrittene der Fußballkunst einen Gegner, als hätte man versehentlich auf der „Playstation“ das Level 1 geklickt: mit einem Pressing, das an Warmlaufen erinnerte, mit luftigem Stellungsspiel, das reichlich Raum für Lauf- und Passwege ließ, und mit Akteuren, die immer so weit weg vom Gegner waren, dass sie noch nicht mal Foul spielen konnten. Es wurde kein Wettkampf, nur ein Jux.

          “Viel Lust, viel Spaß“ hatte es selbst Neuer gemacht, „ein Spiel, das gut zur deutschen Meisterschaft gepasst hätte“ - die sie wegen des Dortmunder Siegtores in Stuttgart noch bis zur Reise nach Frankfurt am Samstag vertagen mussten. Die Kunst besteht darin, nun alles auszublenden, den zehnten Sieg in Serie, den höchsten Heimsieg seit 25 Jahren, die bald schnellste Meisterschaft. An diesem Dienstag fängt der FC Bayern wieder bei null an, und Neuer glaubt, dass sie die rechte Einstellung finden: „Als Profis bleiben wir ganz ruhig und bescheiden.“

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