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Bayern München 2013 : Der perfekte Meister

Ein Meister von internationalem Format: der FC Bayern 2013 Bild: AFP

Einen brillanteren Champion hätten sich die Fans und Vermarkter der Bundesliga zum Fünfzigsten nicht ausdenken können. Der FC Bayern 2013 vereint Ehrgeiz und Demut.

          Irgendwann im vergangenen Sommer kam ein geheimer Zirkel des deutschen Fußballs zusammen. Er debattierte, wie in der Saison 2012/13, der fünfzigsten der Bundesliga, der Jubiläumsmeister aussehen müsse. Einigkeit herrschte, dass es ein Repräsentant des Aufstiegs der Liga zur internationalen Marke sein musste: ein Klub von Weltformat, ein Champion von globaler sportlicher und wirtschaftlicher Strahlkraft. Die Auswahl verengte sich von ganz allein auf einen einzigen Namen. Nur einer kam für den Titel in Frage. Doch dem designierten Meister wurde eine Gegenleistung abverlangt: dass er nicht, wie in manch uninspirierten Jahren, Erster würde, weil die Verfolger zu schlecht wären. Nein, er musste für diesen Titel das Beste bieten, das die Liga je sah. So wurde es beschlossen. So kam es.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Natürlich ist das eine erfundene Geschichte. Selbstverständlich hat es diesen geheimen Zirkel und sein Treffen nie gegeben. Doch das Endresultat sieht so aus, als könnte all das genauso passiert sein. Einen besseren, einen brillanteren Meister hätten die Fans und Vermarkter der Bundesliga sich zum Fünfzigsten nicht ausdenken können. Der FC Bayern 2013 ist nicht nur Meister. Er ist ein Meister aller Klassen.

          Trainer Jupp Heynckes hat in seiner letzten Münchner Spielzeit das Maximum des Möglichen in der Liga erreicht: höchste Kontrolle und höchste Kunst zugleich. Mit seiner Betonung defensiver Stabilität und seiner Forcierung offensiver Variabilität erweiterte er das aus den neunziger Jahren stammende, allzu sehr dem Ballbesitz vertrauende Modell von Louis van Gaal um dynamische Komponenten wie Pressing und schnelles Umschaltspiel. Und näherte es damit moderneren Konzepten wie denen von Barcelona oder Borussia Dortmund an. Heynckes schaffte so, was van Gaal nicht gelang: mit seiner Idee vom Fußball offen für Neues zu bleiben. Und damit immer zeitgemäß.

          Keine zynische Zockertruppe

          So wurden die Bayern 2013, die mit unglaublichen 20 Punkten Vorsprung bereits sechs Spieltage vor Saisonende als Meister feststehen, eine wandelnde Mustermesse all dessen, was fünfzig Jahre Bundesliga an Glanz und Gloria hervorgebracht haben. In diesem Team steckt finanzielle Kraft ebenso wie spielerische Freude, Professionalität ebenso wie Begeisterungsfähigkeit. Es wirkt auch bei größter Überlegenheit nie arrogant, führt Gegner nicht respektlos vor - nicht mal beim 9:2 gegen den HSV vor einer Woche, bei dem es nicht um Demütigung eines anderen ging, sondern um den unersättlichen Spaß am eigenen Fußball.

          Nie arrogant, nie respektlos: einfach eine gute Mannschaft

          Es musste bis zum Titel auch nie ein Spiel hässlich gewinnen, wie es die Vorgängergeneration um Typen wie Effenberg oder Kahn mitunter tat. Und so können selbst Menschen, die die Bayern traditionell nicht mögen, hier keine zynische Zockertruppe beschimpfen, wie man sie als bayrisches Feindbild immer wieder gern pflegte. Spieler wie Müller oder Lahm, Schweinsteiger oder Dante, Ribéry oder Alaba, wen immer man auswählt, schaffen alle einen schwierigen Spagat: gleichzeitig Leistungs- und Sympathieträger zu sein.

          Wille zur Veränderung

          Die Bayern sind, wie jede exzellente Mannschaft, beides: eine gekaufte und eine gewachsene Mannschaft. Weil beides miteinander verschmolz, geschah nun genau das, was der Dortmunder Klub-Chef Hans-Joachim Watzke schon in den Meister-Spielzeiten seines Teams als vorhersehbare Folge der wirtschaftlichen Unterschiede formulierte: „In einer Saison, in der die Bayern alles richtig machen, spielen alle anderen nur um Platz zwei.“ In dieser Saison haben die Bayern alles, aber auch alles richtig gemacht, jeder Einkauf ein Treffer, jede Rotation stimmig, jede Partie ein Muster an taktischer Disziplin - ein Klub, der so gekonnt wie noch nie seine finanzielle Überlegenheit sportlich ausgespielt hat.

          Die Bayern 2013 stehen damit auch für die deutsche Fußballtugend, sich nicht abschütteln zu lassen, jede Partie noch drehen zu können. Zwar hat, entgegen dem alten Klischee, seit langem keine deutsche Spitzenmannschaft ein großes Spiel noch in den letzten Minuten gewendet - die wichtigsten Partien des Jahres 2012 belegen eher das Gegenteil: die EM-Niederlage des Nationalteams gegen Italien, das verspielte 4:0 gegen Schweden; der verschenkte Champions-League-Sieg des FC Bayern im „Finale dahoam“ durch einen Deckungsfehler in der 89. Minute; auch die späten Ausgleichstreffer, die Dortmund Siege in Madrid und Manchester kosteten.

          Zwei Jahre ohne Titel waren die Grundlage für den Triumph

          Aber über die neunzig Minuten hinaus, auf viel längere Zeitspannen gesehen, zeigt das große Bild immer noch die deutsche Fähigkeit, aus Rückständen zu lernen: die Reform der Nachwuchsförderung nach dem EM-Debakel 2000; der Wechsel zum Tempofußball im Nationalteam unter Klinsmann und Löw; der rasch wachsende wirtschaftliche und sportliche Erfolg der jahrelang im Schatten von England oder Spanien stehenden Bundesliga; die taktische Modernisierung nach dem Barça-Vorbild, etwa in Dortmund. Und nun auch: die Neuerfindung der Bayern.

          Grundlage dafür sind die zwei Jahre ohne Titel, zwei Leidensjahre, in denen sich der Wille zur Veränderung neu aufbaute. Den paradox klingenden Mental-Mix, der im modernen Hochintensitätsfußball Sieger ausmacht, hat Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge vor kurzem so formuliert: Man müsse „mit dem Schuss Demut und Gier in die Spiele gehen“. Die Demut haben die Bayern nicht erfunden, das hat man stets Kleineren überlassen. Die Gier auch nicht, sie kam als Markenkern aus Richtung Dortmund in den Titelkampf. Doch der FC Bayern hat sich beides angeeignet, verschmolzen und damit einen neuen Begriff besetzt: demütige Gier, gierige Demut, der Antrieb des großen Champions 2013.

          Selbst Menschen, die die Bayern traditionell nicht mögen, können hier keine zynische Zockertruppe beschimpfen, wie man sie als bayrisches Feindbild immer wieder gern pflegte. Grundlage für den Triumph der Münchner sind die zwei Jahre ohne Titel, zwei Leidensjahre, in denen sich der Wille zur Veränderung neu aufbaute.

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