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Bayern-Gegner OSC Lille : Mehr Geld, weniger Genialität

  • -Aktualisiert am

In Schieflage: OSC-Trainer Rudi Garcia Bild: dpa

Der OSC Lille hat den Abgang seines Torjägers Eden Hazard nicht verkraftet. Trotz hohen Etats hat der nordfranzösische Klub aber auf Ersatz verzichtet. Die Fans strömen dennoch - auch gegen die Bayern an diesem Dienstag.

          Wahrscheinlich ist Rudi Garcia in den vergangenen Tagen besonders häufig und besonders lange spazieren gegangen. Das pflegt der Trainer des OSC Lille am Strand von Dünkirchen zu tun, wenn er Abstand und Klarheit sucht. Vor dem Aufeinandertreffen mit dem FC Bayern München im dritten Spiel der Champions-League-Gruppenphase an diesem Dienstag (20.45 Uhr) muss Garcia an der frischen Luft Probleme wälzen. Bis zu Beginn dieser Saison ist es in der Karriere des 48 Jahre alten Fußball-Lehrers nur aufwärtsgegangen - nun steckt er in der ersten echten Krise seiner Trainerzeit.

          Seit 2008 im Amt, führte er den Traditionsverein aus der nordfranzösischen Bergbauregion vor einem Jahr auf so imponierende Weise zum ersten Meistertitel seit 1954, dass ihm die Leistung seiner Mannschaft eine Nominierung bei der Wahl zum „Welt-Trainer des Jahres“ einbrachte. Momentan läuft es in der Königsklasse alles andere als gut. Nach zwei Niederlagen ist Lille Gruppenletzter; in der Liga steht es für den Tabellenzwölften nur wenig besser.

          Nach neun Spieltagen und zwei mageren Siegen ist klar: Lille hat den Abgang seines Torjägers und Taktgebers Eden Hazard nicht verkraftet. Was tun? Die bisherigen Versuche, jene Harmonie wiederherzustellen, die Lille zur Meisterschaft führte und die den bayerischen Gruppengegner aktuell auszeichnet, gingen ins Leere.

          Garcia, bekennender Anhänger der Offensiv-Philosophie Barcelonas, ließ in der Vergangenheit nahezu ausschließlich im 4-3-3-System attraktiven und temporeichen Fußball spielen. In dieser Saison gleicht das Grand Stade Lille Métropole einem Taktik-Labor. Garcia experimentierte mehr und mehr desperat mit Spielvariante um Spielvariante. Und musste schließlich eingestehen, dass sein Team mit Zugang Marvin Martin, der Hazard ersetzen sollte, nicht funktioniert.

          Als Nachfolger des genialen Belgiers, der für 40 Millionen zum FC Chelsea ging, ist der französische Nationalspieler überfordert. Die neue Nummer zehn wirkt auf ihrer Position ohnmächtig und isoliert, das schnelle und aggressive Mittelfeld, das Lille auszeichnete, ist mit ihm in Dysbalance geraten. Der Sturm, in den Vorjahren gefürchtet, trifft selten bis gar nicht: Dimitri Payet und Nolan Roux kommen gemeinsam auf vier Tore, den einzigen Champions-League-Treffer erzielte ein Innenverteidiger.

          Da auch Chelseas Salomon Kalou, neben Martin der einzige prominente Neuling, noch viel zu beweisen hat, sah sich Garcia mit dem Vorwurf konfrontiert, fahrlässig darauf verzichtet zu haben, Abgänge zu ersetzen. Dass trotz eines Etats von hundert Millionen Euro nicht mehr Spieler geholt wurden, lag auch an Garcias Wunsch, das Gleichgewicht im Team nicht zu stören. Mediale Beweihräucherung eines Einzelnen, wie Hazard sie erfuhr, ist ihm verhasst. Garcia verzeiht seinen Spielern vieles, außer ausgeprägten Individualismus.

          Auf seine Fans kann sich Lille verlassen

          Nun, da die Rechnung nicht aufging, nimmt der Trainer die Folgen verhältnismäßig klaglos hin. Nur die Tatsache, gegen die Münchner auch noch auf den rot-gesperrten Mathieu Debuchy, Kapitän Rio Mavuba und Innenverteidiger Marko Basa verzichten zu müssen, entlockte ihm Töne des Missmuts.

          Es freue ihn daher, dass sich der LOSC, wie es sich für einen Revierklub gehört, immerhin auf eine Größe verlassen kann: seine Fans. Statistisch gesehen, besitzt jeder siebte Einwohner Lilles eine Dauerkarte. 30.000 Saisontickets hat der Verein verkauft, mehr als Titelfavorit Paris Saint-Germain.

          Größter Erfolg der Saison: Qualifikation für die Champions Leaque

          Auch gegen die Bayern wird die im Sommer eröffnete Arena mit 50.000 Zuschauern ausverkauft sein. „Wenn die halbe Abwehr ausfällt, ist dieser Rückhalt umso wichtiger“, betonte Garcia. Offenbar ist der Coach zur Erkenntnis gelangt, dass den Bayern, wenn spielerisch nichts mehr zusammenläuft, nur noch „mit Moral“ beizukommen ist.

          Zuletzt bemühte er ungewohnt oft verbale Steh-auf-Standards und forderte fast täglich, dass die „Doggen“ ihrem tierischen Namensgeber wieder mehr Ehre machen - sprich „bissiger“ auftreten müssen. Eines hat Garcia dabei wohl vergessen: Dem Wachhund werden zwar generell so positive Eigenschaften wie Stolz, Kraft und Intelligenz zugeschrieben. Aber eben auch äußerste Gutmütig- und Fügsamkeit.

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