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Bayern-Gegner Olympique : Marseiller Malaise

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Bild: REUTERS

„Vorsicht, wir sinken!“ - Olympique Marseille will sich unter anderem mit Schwimmwesten und dem dritten Torwart gegen die bayerische Torflut wappnen.

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          Dass brüderliche Einigkeit in Frankreich keine überholte Revolutionsparole, sondern das sportliche Gebot der Stunde ist, hat die nationale Fußballliga vor den Viertelfinalspielen in der Champions League bewiesen. In solidarischer Verbundenheit willigte Tabellenführer Montpellier in die Verschiebung einer für Samstag terminierten Meisterschaftspartie ein, um Ligakonkurrent Olympique Marseille mehr Regenerationszeit zwischen den beiden Begegnungen mit dem FC Bayern München an diesem Mittwoch und kommenden Dienstag zu ermöglichen.

          Marseille vertrete als letzter Verein im Wettbewerb schließlich die Interessen des gesamten französischen Fußballs, unterstrich die Profiliga LFP die nationale Bedeutung des französisch-bayerischen Rendezvous und verschob die Partie gegen Montpellier bereitwillig auf April.

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          Das Ligagesicht: In der Ligue 1 gab es in den vergangenen Wochen für Olympique nichts zu lachen :

          In München reagierte man - anders als vor zwei Jahren - ausgesprochen gelassen auf die Nachricht aus dem Nachbarland. 2010 hatte dieselbe Vorgehensweise von Olympique Lyon noch für bayerischen Protest gesorgt und zu einer Beschwerde bei der Europäischen Fußball-Union wegen unfairer Vorteilsnahme geführt. Dass sich an der Isar diesmal niemand echauffierte, dürfte entscheidend auf dem Vertrauen in die eigene Überlegenheit beruhen.

          Gegen Nizza der erste Punkt seit einem Monat

          Denn der Gegner dümpelt - weit entfernt von den eigenen Ansprüchen und den internationalen Rängen - im Mittelfeld der Tabelle und droht nach einer äußerst sinistren Serie von zuletzt sieben Spielen ohne Sieg sogar das Minimalziel Europa-League zu verfehlen. Der mokante Münchner Kommentar, dass dem Tabellenneunten „ein bisschen Ruhe“ daher „sicher gut“ tue, wurde in Marseille als Provokation verstanden.

          Doch es ist mehr verletzt als der Stolz des populärsten französischen Vereins. Die Metaphorik, deren sich die Vereinsverantwortlichen zunehmend bedienen, um die fortschreitende Marseiller Malaise zu beschreiben, spricht eine eindeutige Sprache. Von Knieschüssen, Brandwunden und Nackenschlägen war zuletzt die Rede - und es scheint, als sollten die martialischen Phrasen wettmachen, was dem Team auf dem Platz an Kampfbereitschaft fehlt. Gegen die Bayern müsse man endlich harte Bandagen anlegen und „die Blutung stoppen“, lautete der grimmige Appell von Trainer Didier Deschamps an seine Mannschaft, deren Misere sich am Wochenende ungehindert fortgesetzt hatte.

          Zwar verbuchte „OM“ im Derby bei Abstiegskandidat Nizza den ersten Punkt seit einem Monat, dafür riss Innenverteidiger Souleymane Diawara in der sechsten Spielminute das Kreuzband. War die Defensivsituation zuvor bereits prekär, herrscht seither Alarm in der Abwehr des neunmaligen französischen Meisters.

          Die bayerische Durchschlagskraft versetze seine Verteidiger in einen regelrechten Angstzustand, flüchtete sich Deschamps vor dem ersten Aufeinandertreffen der beiden ehemaligen Champions-League-Sieger in Sarkasmus. Doch die humorig kaschierte Furcht vor einem gegnerischen Überfall ist begründet, so verwundbar ist Marseille in der Defensive. Stammtorhüters Steve Mandanda ist gesperrt.

          Ersatzmann Gennaro Bracigliano hat seine Generalprobe beim schmachvollen Pokal-Aus gegen den Drittligisten Quevilly - er kassierte drei Treffer - so gründlich verpatzt, dass Deschamps nun auf den dritten Mann setzt, den 32 Jahre alten Brasilianer Elinton Andrade. Auf die Frage, ob die Wahl zugunsten Andrades ein Risiko darstelle, sagte Deschamps: „Was ist schon ein Risiko? Der Stammtorwart steht halt nicht zur Verfügung.“

          Mit Schwimmwesten ins Stadion

          Doch die Defensive ist nicht die einzige Schwachstelle. Die gesamte Mannschaft präsentierte sich zuletzt als Schar ohne Einheit, der nicht nur spielerisches Vermögen, sondern vor allem Einsatz und Bereitschaft fehlten. Seine Spieler hätten nicht mehr genug Benzin im Motor, der Drei-Tages-Rhythmus, in dem sie seit Januar fast dauerhaft gefordert sind, hätte sie physisch und psychisch ausgelaugt, hatte Deschamps die matten Auftritte seines Teams zu erklären versucht und offengelassen, mit welcher Rettungsstrategie er sich der erwarteten bayerischen Torflut erwehren will.

          Für den potentiellen Untergang gewappnet scheinen allein die Anhänger Marseilles zu sein: Unter dem Motto „Vorsicht, wir sinken!“ riefen mehrere Fanklubs die Zuschauer Anfang der Woche dazu auf, gegen die Bayern mit Schwimmwesten ins Stadion am Hafen zu kommen.

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