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DFB-Pokalfinale : Die lauten Geister von Leverkusen

  • -Aktualisiert am

Er ist wieder in Berlin: Leverkusens Sven Bender steht zum sechsten Mal im Pokalfinale. Bild: Reuters

Die Niederlagen der Vergangenheit und Begriffe wie „Komfortzone“ und „Vizekusen“ prägen Bayer bis heute. Jetzt hofft Leverkusen im Pokalfinale auf ein Erlebnis, das die alten Geschichten vergessen lässt.

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          Ein paar alte Geister waren in diesen Tagen zu Besuch bei Rudi Völler. Nach elf Jahren steht der Sportgeschäftsführer von Bayer Leverkusen mal wieder mit seinem Klub in einem großen Finale, in Berlin spielt seine Mannschaft gegen den FC Bayern an diesem Samstag (20 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal und in der ARD) um den Gewinn des DFB-Pokals, was jenseits aller Begeisterung auch einige unerfreuliche Erinnerungen an die Oberfläche spült. Die alten Geschichten von den verpassten Chancen „rennen uns immer so ein bisschen hinterher“, beschreibt Völler seinen Alltag mit den unvergessenen Niederlagen, die das Image und vielleicht sogar das Wesen des Bundesligavereins bis heute stärker prägen als die großen Erfolge.

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          Vor 18 Jahren hatte der Werksklub mit einer hinreißend spielenden Mannschaft die Finals in DFB-Pokal und Champions League erreicht, stand zwei Spieltage vor Saisonende an der Spitze der Bundesligatabelle und gewann dennoch keinen Titel. Zwei Jahre zuvor verspielten sie an einem traumatischen Samstag in Unterhaching die sicher geglaubte deutsche Meisterschaft. Schon damals arbeitete Völler in Leverkusen. Zwar wurde er 1990 Weltmeister und gewann 1993 mit Olympique Marseille die Champions League, einen nationalen Titel in Deutschland hat Völler jedoch nie errungen. Weder als Fußballer noch als Funktionär.

          Nach diesen Erlebnissen rund um die Jahrtausendwende steht die Frage im Raum, ob die Leverkusener seit dem Gewinn des Uefa-Cups 1988 und dem Sieg im DFB-Pokal 1993 keinen Titel mehr feiern durften, weil sie einfach viel Pech hatten. Oder ob die vielen Rückschläge irgendetwas mit diesem Verein zu tun haben, wie Bruno Labbadia einst vermutete. An dem Tag, als Bayer Leverkusen 2009 zuletzt in einem Pokalfinale stand, berichtete der damalige Trainer von einer „Komfortzone“, in der die Spieler hier ein bequemes Leben führen dürften. Bayer verlor 0:1 gegen Werder Bremen.

          In der Geschichte des Klubs hatte der Begriff „Komfortzone“ damit einen festen Platz direkt an der Seite der Wortschöpfung „Vizekusen“, die der ehemalige Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser einst sogar schützen ließ. Seit nunmehr 20 Jahren steht der Fußballverein aus Leverkusen unter dem dringenden Verdacht, eine unerklärliche Titelhemmung entwickelt zu haben. „Immer Zweiter ist zwar bitter, aber immerhin Zweiter“, beschreibt Holzhäuser die Haltung, mit der sie sich hier lange getröstet haben. Das Gute daran ist, dass sie nie der Hybris erlagen, die manchem Traditionsverein zum Verhängnis wurde. Die Schattenseite: Während ein Team wie der FC Bayern sogar ein bedeutungsloses Spiel in Wolfsburg am letzten Spieltag mit maximaler Gier angeht und gewinnt, sagt Rudi Völler: „Klar, ich will auch den höchstmöglichen Erfolg“, um zwei Sätze später darauf hinzuweisen, dass einzelne Niederlagen kein Weltuntergang sind, weil das große Ganze passt: „Wenn ein Klub wie wir in den letzten zehn Jahren sechsmal die Gruppenphase der Champions League erreichte, war das trotzdem erfolgreich.“

          In den vergangenen Tagen hat Völler Peter Bosz über diese Vorgeschichte aufgeklärt. Der niederländische Trainer „kennt die Historie von uns, da haben wir drüber gesprochen“, erzählt der Sportgeschäftsführer, denn in diesem Sommer geht es nicht um einen schönen Erfolg und einen Goldpokal für die Vitrine. Bayer Leverkusen hat mit dieser hoch veranlagten Mannschaft um den faszinierenden Kai Havertz die Möglichkeit, die eigene Identität zu erneuern und das alte Image endlich abzulegen. „Der Sieg hätte einen extrem hohen Stellenwert für den Verein“, sagt Abwehrchef Sven Bender, der bereits zum sechsten Mal in einem Pokalfinale steht.

          Zweimal hat der Routinier diesen Titel mit Borussia Dortmund gewonnen, auch beim legendären 5:2 gegen den FC Bayern 2012 war Bender dabei. Lukas Hradecky besiegte den Rekordmeister 2018 im Berliner Finale mit Eintracht Frankfurt, diese Erfahrungen könnten wertvoll sein, wenn es eng wird, wenn die Gedanken an die Traumata der Vergangenheit im Kopf von Rudi Völler und vielen anderen Leverkusenern auftauchen. Denn das Jahr 2020 birgt jenseits der Chancen auch das Potential, zu einer Art Miniaturausgabe von 2002 zu werden: Im Saisonfinale der Bundesliga haben sie die Champions-League-Teilnahme verspielt, wenn sie nun auch das Pokalfinale verlieren und in der Europa League scheitern, die im August in NRW stattfindet, heißt es wieder: Typisch Leverkusen!

          Aber vielleicht wird in den entscheidenden Momenten dieses Sommers auch ein neuer Geist wirken, mit dem die alten Geschichten überwunden werden. Eine Attitüde, die der Gesellschafterausschuss um Werner Wenning implantiert hat. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Bayer AG suchte 2018 per Headhunter einen neuen Finanzgeschäftsführer und fand Fernando Carro in der Chefetage der Bertelsmann AG. Der Spanier schlägt ganz bewusst andere Töne an als Völler. „Wir wollen, dass es in der Zukunft anders läuft. Wir wollen nicht nur in Endspielen dabei sein“, sagt der Mann, der bislang kaum in der Öffentlichkeit auftritt. Carro verwendet Begriffe wie „Gier“ und hofft, dass sich das „Vizekusen“-Klischee am „Ende dieses Sommers schon erledigt“ haben wird.

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