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Bayer Leverkusen : Mehr Courage, weniger Demut

  • -Aktualisiert am

Hoffnung auf den ehrenvollen Abschied: Bayer Leverkusen trainiert in Camp Nou Bild: dapd

Bayer Leverkusen hat kaum noch Chancen aufs Weiterkommen in der Champions League. Nach dem 1:3 im Hinspiel will der Klub im vermeintlichen Abschiedsspiel an diesem Mittwoch in Camp Nou zumindest vom Gegner lernen.

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          Pep Guardiola, der Trainer des FC Barcelona, ist ein höflicher Mensch. Darum hat er sich nach dem 3:1-Hinspielerfolg seiner Mannschaft im Achtelfinale der Champions League bei Bayer Leverkusen eine freundliche Bemerkung erlaubt, die Realisten auch als kleinen Scherz deuten könnten. „Gegen deutsche Mannschaften“, hob der Katalane hervor, „muss man immer aufpassen. Sie können innerhalb weniger Minuten zwei, drei Tore schießen.“

          Daran zu glauben, fällt sogar Leverkusener Superoptimisten vor dem Rückspiel an diesem Mittwoch (20.45 Uhr/ Sat1 und F.A.Z.-Liveticker) im Nou-Camp-Stadion im Traum nicht ein. Lieber gehen Mannschaft und Trainer mit dem festen Vorsatz in diese Partie, vieles besser zu machen als vor drei Wochen in der BayArena.

          Im Hinspiel jubelte Baqrcelona: Torschütze Alexis Sanchez
          Im Hinspiel jubelte Baqrcelona: Torschütze Alexis Sanchez : Bild: dapd

          Bei der Planung einer Begegnung, die für den Tabellenfünften der Fußball-Bundesliga zum Endspiel der diesjährigen Königsklassenfahrt werden dürfte, hat Trainer Robin Dutt sich an einer Prozentrechnung versucht, die auf Erfahrungswerten beruht. „Wenn der Gegner von Barcelona einen guten Tag hat“, lautete Dutts Erkenntnis am Dienstag bei der Pressekonferenz vor dem Spiel, „hat er 35 Prozent Ballbesitz, hat er einen schlechten Tag, sind es vielleicht 25 Prozent. Die Frage ist: Wie geht er mit durchschnittlich 30 Prozent Ballbesitz um?“

          Möglichst nicht so, wie Bayer das während der ersten Hälfte des Hinspiels tat, als die Bälle ängstlich weggeschlagen wurden, als Dutts Spieler nicht nachrückten, als das Bayer-Werk Stückwerk war. „Wenn wir es wieder so machen“, sagte der inzwischen in Leverkusen „angekommene“ frühere Fußballlehrer des SC Freiburg, „werden wir keine Freude am Spiel haben.“

          Bayern-Spiel als Mutmacher

          Eher soll sich die Mannschaft an ihrer besseren zweiten Hälfte gegen den Champions-League-Titelverteidiger oder gegen den FC Bayern München orientieren, in der die Werkself am Samstag aggressiv und offensiv die Entscheidung zum 2:0-Sieg herbeigeführt hat. Barcelona aber, das ist die allerhöchste Schule des Fußballs, es ist die „weltbeste Mannschaft“, wie Bayer-Sportdirektor Rudi Völler noch einmal bekräftigte.

          Ein solches Kollektiv der feinen Künstler und präzisen Arbeiter zu ärgern, setzt bei jedem Widersacher kühle Intelligenz voraus. Dutt ist ein findiger Trainer mit einer Idee vom Spiel - auch wenn sein Team wie an diesem Mittwoch vor allem reagieren muss. „Wenn Barcelona den Ball verliert“, so eine weitere Einsicht des in Schwaben sozialisierten Rheinländers, „stürzen sich sogleich drei bis fünf Spieler auf den Balleroberer. Also müssen wir schnell aus diesem Raum herauskommen. Der erste Pass ist dann ganz wichtig.“

          Mutiges Gegenpressing

          Von Barcelona so zu lernen, dass man am Ende auch so spielen kann wie das Traumensemble des Pep Guardiola mit den Weltstars Messi, Xavi und Iniesta vorneweg, ist für jede deutsche Spitzenmannschaft derzeit die schiere Illusion. Da aber die Übergröße der Champions League in den vergangenen Monaten daheim in der Primera División aus Leichtsinn oder Überheblichkeit sein reiches Kapital gelegentlich nicht anrührte und deshalb als Ligazweiter schon um zehn Punkte hinter Real Madrid zurückfiel, sind Bayers Aussichten auf ein respektables Abschneiden im Nou Camp vielleicht gar nicht so schlecht.

          Schnell unterwegs: Die Barca-Spieler Sanchez und Puyol
          Schnell unterwegs: Die Barca-Spieler Sanchez und Puyol : Bild: REUTERS

          Mit einem mutig-entschlossenen Gegenpressing wollen sich die in der Bundesliga zuletzt dreimal nacheinander siegreichen Leverkusener die Räume erkämpfen, die sie brauchen, um ab und zu selbst Gefahren heraufbeschwören zu können. „Schnell draufzugehen, wenn die den Ball verlieren, das ist, was wir auch lernen können“, sagte Stefan Kießling. Er, ein stürmischer Vorarbeiter seiner Mannschaft, war gegen die Bayern mit seiner unermüdlichen Hingabe ein Vorbild seiner Mannschaft, die nun auch unter Dutt zu dem lange vermissten Teamgeist und ansehnlichen Fußballspiel gefunden hat, der von den Fans goutiert wird.

          Hoffnung auf einen ehrenvollen Abschied

          Ob sich der FC Barcelona vom frisch aufgeblühten Selbstbewusstsein der Rheinländer am Ende beeindrucken lässt, ist indes die Frage. Zumindest scheinen sich die Bundesligaprofis ihrem großen Widersacher inzwischen eher couragiert als demütig zu nähern.

          Szenen wie beim Hinspiel, als sich zwei Bayer-Profis um das begehrteste Barca-Trikot, das des Wunderknaben Leo Messi, zankten, sind im Rückspiel nicht zu erwarten. Diesmal scheinen die Spieler, begleitet von 4000 Fans - für Leverkusener Verhältnisse eine sensationell anmutende Zahl -, mehr auf ihr eigenes Können und ihre eigenen Gestaltungsräume fixiert.

          Dabei hegt Dutt, auch das eine Schlussfolgerung aus dem Hinspiel, eine konkrete Hoffnung: „Wenn wir in die Nähe des Strafraums kommen, bereiten wir auch Barcelona Probleme. Dann kommt man zu Chancen.“ Daraus ein Fußballmärchen abzuleiten, verbietet sich die Bayer-Belegschaft der Sparte Profifußball jedoch. Kießling sagte aber immerhin: „Wenn wir am Ende 1:0 gewinnen, ist es auch gut.“ Sehr gut sogar, da selbst mit einem Leverkusener Sieg, der nicht zum Weiterkommen reichte, so gut wie niemand rechnet.

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