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Aus in Europa League : Warum Leverkusen wieder mit leeren Händen dasteht

  • -Aktualisiert am

Das Spiel gegen Inter könnte das letzte von Kai Havertz im Leverkusener Trikot gewesen sein. Bild: dpa

Es ist ein Sommer der Enttäuschung: Die Saison endet für Bayer in der Europa League mit dem 1:2 gegen Inter Mailand. Die Enttäuschung im Lager der Leverkusener ist groß.

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          Peter Bosz verzierte den endgültigen Schlusspunkt der Leverkusener Fußballsaison mit einer dunklen Pointe, obgleich er eigentlich nicht zu Scherzen aufgelegt war. Die Fachfragen zur 1:2-Niederlage im Viertelfinale der Europa League gegen Inter Mailand waren alle gestellt, da wollte noch jemand wissen, ob dies das letzte Spiel von Kai Havertz für Bayer 04 gewesen sei. Bosz wählte den Tonfall eines Regierungssprechers und erklärte ernst: „Ja, ich kann euch mitteilen, dass Kai Havertz nächstes Jahr bei Heracles Almelo spielt.“ Es wurde noch einmal gelacht, aber dieser nette Moment taugte nicht dazu, den Schmerz der Rheinländer über finale Enttäuschungen in allen drei Wettbewerben der Saison 2019/20 zu lindern. Und wer wollte, konnte aus Boszs Bonmot auch einen Hauch von Ärger heraushören.

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          Denn die Viertelfinalpartie gegen den lombardischen Traditionsverein war ein anspruchsvoller sportlicher Wettkampf gewesen, in dem die Fähigkeiten außergewöhnlicher Spieler den Ausschlag gaben. Havertz gehört nach einhelliger Expertenmeinung genau in diese Kategorie, er schoss auch das Leverkusener Tor, spielte solide. Aber einen wirklich großen Moment hatte er nicht. Es wäre kein Wunder, wenn die Dauerdiskussionen um seine Zukunft, seine Fähigkeiten, seinen Marktwert und so weiter die Konzentration auf das Spiel gestört hätten und Bosz sich genau darüber ärgerte. Havertz jedenfalls blieb blass, während auf der anderen Seite eine souveräne Defensive um die Routiniers Diego Godin und Stefan de Vrij kaum Lücken ließ und der Weltklassestürmer Romelu Lukaku bei jedem Ballkontakt zu allem entschlossen und höchst gefährlich wirkte. „Es war ein schönes Inter, das wir uns anschauen konnten“, sagte Trainer Antonio Conte über seine Mannschaft und freute sich sichtlich über die erste europäische Halbfinalteilnahme des Klubs seit zehn Jahren.

          Die Mailänder haben sich diesen Erfolg verdient, auch wenn Bayer ordentlich spielte, zumindest nachdem die Nervosität der Anfangsphase überwunden war. „In der zweiten Halbzeit habe ich wirklich geglaubt, dass da noch mehr drin ist“, sagte Bosz. Dazu wäre neben einer soliden Mannschaftsleistung allerdings irgendetwas Besonderes nötig gewesen. Ein überraschender Moment des auf diesem Niveau wieder einmal überforderten Kevin Volland, ein Geniestreich von Moussa Diaby, ein Kunstschuss von Kerem Demirbay oder eben ein Geistesblitz von Havertz. Doch rund um den Strafraum fehlte den Aktionen der Leverkusener Klarheit und Durchsetzungskraft, „am Ende waren da zu wenig Torchancen“, konstatierte Bosz.

          Damit drängt sich die vertraute Diskussion auf, die immer geführt wird, wenn Bayer Leverkusen mal wieder vergeblich den Versuch unternommen hat, Außergewöhnliches zu erreichen. Wobei 2020 kein Pech im Spiel war, sie haben ihre Chancen selbst vergeben oder besser: Andere waren einfach stärker. Mönchengladbach im Kampf um die Champions-League-Teilnahme, die Bayern im DFB-Pokal-Finale und nun Inter Mailand. Aus einer Saison der Verheißungen ist ein Sommer der Enttäuschungen geworden, „das Herz ist da, eine Entwicklung ist da, was wir vergessen haben ist: uns zu belohnen“, sagte Kapitän Lars Bender.

          Als Ertrag bleiben allenfalls ein paar dieser kleinen Dinge, deren Wert irgendwann in der Zukunft erkennbar werden könnte. „Man sammelt sehr viel Erfahrung in solchen Spielen“, sagte Jonathan Tah, der kurz vor dem Anpfiff in die Mannschaft gerückt war, weil sich Sven Bender, der international erfahrenste Akteur der Werkself, beim Aufwärmen verletzt hatte. Obwohl Tah kein grober Fehler unterlief, fehlte Benders Routine genauso wie die körperliche Präsenz des gelbgesperrten Charles Aranguiz. Auch das waren Faktoren.

          Bosz mochte aber weder öffentlich trauern noch jammern, der Niederländer wies lieber noch einmal auf die positiven Aspekte dieses langen Spieljahres hin. „Es ist zu einfach zu sagen: Wir haben nichts gewonnen. Denn ich schaue als Trainer auf die Entwicklung meiner Mannschaft, und wir haben eine Entwicklung gemacht.“ Doch eine zentrale Fähigkeit fehlt Bayer Leverkusen schon sehr lange: Sie schaffen es nicht, in den größten Spielen über sich hinauszuwachsen, und ohne ein solches Erblühen im richtigen Moment sind Titelgewinne vielleicht für Real Madrid oder den FC Bayern möglich, nicht aber für Leverkusen. Es gab schon länger keine Bayer-Mannschaft mehr, die so hochklassig und ausgewogen besetzt war wie diese, nun wird Havertz wahrscheinlich gehen, die Benders werden immer älter und den Verbleib in mehreren Wettbewerben bis in die Schlussphase einer Saison werden sie auch nicht in jedem Jahr hinbekommen. Am Ende dieser Leverkusener Saison schlägt ein bestens bekanntes Empfinden immer tiefere Wurzeln, Tah beschrieb dieses Gefühl so: „Es wäre mehr drin gewesen.“

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