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Schweinsteiger beim DFB-Team : Gar nicht mehr so maulfaul

Gut gelaunt: Schweinsteiger bei der Pressekonferenz in Frankfurt Bild: AFP

Bastian Schweinsteiger kehrt gut gelaunt und voller Tatendrang zur Nationalelf zurück. Der Kapitän liebt es, gebraucht zu werden - sowohl von Löw als auch von van Gaal.

          Außer Rockstars auf Tournee dürfte es kaum eine Berufsgruppe geben, bei der das Reisen eine Art unbewusster Dauerzustand ist wie bei Fußballprofis - heute hier, morgen da, und angenehmerweise muss man sich dabei um rein gar nichts kümmern. Insofern war die Frage an Bastian Schweinsteiger, was es für einen Unterschied mache, von Manchester oder von München zur Nationalmannschaft zu kommen, ein bisschen müßig. Zumindest, wenn man sie wörtlich nahm, so wie Schweinsteiger das zunächst tat. „Es hat ja auch Vorteile“, scherzte er. „Man sitzt nicht mehr neben dem Thomas Müller, und der quatscht einen zu.“

          Natürlich zielte die M-Frage der Reporter bei der Pressekonferenz der Nationalmannschaft in Frankfurt eigentlich auf eine ganz andere Ebene: Schweinsteigers mentale Befindlichkeit bei seinem ersten Trip zum Nationalteam seit seinem Wechsel zu Manchester United. Und was das betraf, konnte man das Gefühl bekommen, Schweinsteiger sei nicht nur einfach nach Frankfurt geflogen, sondern regelrecht eingeschwebt. So sonnig und zugleich in sich ruhend wirkte sein Gemüt nicht immer bei solchen Anlässen. Da konnte man Schweinsteiger auch mal maulfaul oder gar ein bisschen bockig erleben. Am Dienstag war davon keine Spur.

          Alte Kollegen treffen aufeinander: Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller

          Dabei sind die Umstände, unter denen Schweinsteiger für die EM-Qualifikationsspiele an diesem Freitag gegen Polen und am Montag in Schottland zu den alten Weltmeister-Kollegen stieß, nicht einmal sonderlich erfreulich. Am Wochenende verlor der Weltklub aus Manchester 1:2 bei der walisischen Premier-League-Exklave Swansea City. In der Runde zuvor hatte es bei Newcastle United nur zu einem 0:0 gereicht. Macht summa summarum schon fünf vergebene Punkte nach nur vier Spieltagen. Was aber nichts daran änderte, dass „Spaß“ das mit Abstand häufigste Wort war, das Schweinsteiger am Dienstag gebrauchte: der „Spaß“, überhaupt in England Fußball zu spielen, mit so viel Tempo und dieser Atmosphäre, vor allem aber der „Spaß“, das bei einem Klub dieser Größe und Geltung zu tun - noch mal eine Nummer größer als die Bayern, wie Schweinsteiger das schon nach ein paar Tagen auf der Insel bemerkt hatte.

          Es sei ein „unglaublich gutes Gefühl, für diesen Verein zu spielen“, sagte er jetzt. Und lieferte das eine oder andere Indiz, warum man das nicht nur als Höflichkeitsfloskel begreifen sollte, gleich mit. So schwärmte Schweinsteiger zum einen vom Teamgeist bei den „Reds“ - etwas, das ihm bekanntermaßen wichtig ist. Zum anderen hatte er besonders warme Worte für den Mann übrig, der ihn auf die Insel gelockt hatte: Louis van Gaal. Er sei „immer noch der gleiche van Gaal“ wie der, der ihn von 2009 bis 2011 in München trainiert hatte, sagte Schweinsteiger, ein „sehr ehrgeiziger Trainer“ - der aber „das Herz am rechten Fleck“ habe. Mit der Nachfrage, ob das für die Verantwortlichen beim FC Bayern nicht gelte, ließ sich Schweinsteiger nicht aufs Glatteis führen. Er habe das nur so gesagt, weil van Gaal in der Öffentlichkeit gern ein bisschen unterkühlt wahrgenommen werde, erklärte er. Dass Schweinsteiger sich in den vergangenen Monaten für Pep Guardiola erwärmt hätte, lässt sich aber eben auch nicht sagen.

          Anders als bei Guardiolas Bayern darf Schweinsteiger sich bei Joachim Löw und der Nationalmannschaft einer besonderen Wertschätzung gewiss sein. Der Bundestrainer brachte das schon zum Ausdruck, als er ihm nach der WM das Kapitänsamt übertrug. Und er bestätigte das jetzt noch einmal aufs Neue, indem er ankündigte, verstärkt Rücksicht auf das körperliche Befinden des 31 Jahre alten Schweinsteiger zu nehmen. Der müsse nicht mehr in jedem Testspiel dabei sei, sagte Löw. „Ich brauche ihn dann, wenn es für uns wichtig ist. Dann weiß ich, dass er führt und Verantwortung übernimmt und Siegeswillen zeigt wie kein anderer.“

          So wie in dieser Woche, könnte man hinzufügen, wenn das Team unter Zugzwang steht, den in der etwas zu spannungsarm geratenen Post-WM-Phase verlorenen Boden wiedergutzumachen. „Wir müssen“, sagte Schweinsteiger nur. Die besondere Fürsorge des Bundestrainers über den Tag hinaus schien ihm dabei gar nicht mal recht zu sein. Als Anführer in Altersteilzeit, das machte er am Dienstag deutlich, sieht Schweinsteiger sich nicht. „Ich möchte immer so viel es geht für die Nationalmannschaft spielen“, sagte er. Zwar koste es Kraft und Energie, zumal er sich als Kapitän mittlerweile auch um andere Dinge zu kümmern habe als nur darum, seine eigene Leistung abzurufen. „Aber das ist auch das, was ich immer wollte.“

          Tatsächlich gehört es zu den spannendsten Fragen auf dem Weg zur Europameisterschaft im nächsten Jahr, wohin die Kurven bei Schweinsteiger zeigen: die seines englischen Abenteuers und, als Basis schlechthin, die seines geschundenen Körpers. Löw sprach dieser Tage davon, dass im zentralen Mittelfeld im besten Falle ein Luxusproblem entstehe: wenn er Schweinsteiger, Khedira, Gündogan und Kroos zur Verfügung habe. Der Regelfall aber war es zuletzt eher, dass von den ersten dreien mehr als nur einer lädiert ausfiel.

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          Für den Augenblick sind zumindest die subjektiven Signale, die Schweinsteiger sendet, positiv. In Swansea stand er zum ersten Mal über 90 Minuten für United auf dem Platz; für die kommenden Schritte sieht er sich gerüstet. „Das bringt mich weiter“, sagte er über die Leistungsdichte in England, die jeden Spieltag zur Herausforderung mache - eine Folge des ungeheuren Reichtums der Liga, wie er mit Blick auf das Reizthema der letzten Woche sagte. „Da kann jeder jeden schlagen, weil viel Geld in der Liga steckt.“ Was Schweinsteigers Kapital angeht, ist das hingegen etwas anderes. Da muss sich erst zeigen, wie viel wirklich noch in seinem Körper steckt.

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