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Kommentar : Anführer „made in Germany“

Blutiger Schlachtenlenker: Mit seinem Einsatz im WM-Finale von Rio machte sich Schweinsteiger nicht nur in Deutschland unsterblich Bild: dpa

Die Gier englischer Topklubs nach deutschen Siegertypen wächst. Dabei ist Bastian Schweinsteiger für Manchester United das Schnäppchen der Saison.

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          Bastian Schweinsteiger ist bei seinem Abschied aus Deutschland unsichtbar geblieben. Alles beim Wechsel musste schnell und professionell abgehen. In dieser Hinsicht sind Beziehungen im Fußball auch nicht anders als im Leben. Egal wie intensiv und glücklich sie mal waren, man weiß nie, ob ihnen ein Abschied vergönnt ist oder nur ein Ende. So hat Schweinsteiger nach 17 Jahren beim FC Bayern am Tag seines Abgangs aus München kein Wort und kein Bild hinterlassen.

          Das war auch nicht nötig. Er hat sein Bild für die Ewigkeit vor genau einem Jahr abgegeben. Mit dem Anblick des blutig geschlagenen Schlachtenlenkers, der mit großer Leidens-Leistung Deutschland zum WM-Sieg führt, wird er im kollektiven Gedächtnis bleiben, wohin es ihn in seinem Leben noch verschlagen mag. Dass es nun Manchester ist, hat aber auch mit jenem 13. Juli 2014 in Rio zu tun.

          „Anführer, Kämpfer, Maestro“

          Die „Times“ begrüßt ihn als „Anführer, Kämpfer, Maestro“. Es sind Eigenschaften, die dem englischen Fußball fehlen und die er zunehmend im deutschen Fußball sucht. Das deutsche Nationalteam ist seit einem halben Jahrhundert, seit dem Wembley-Tor von 1966, bei jeder WM weiter gekommen als die englische. Vor allem aber das rein deutsche Champions-League-Finale von London 2013 und der Triumph von Rio haben die Gier englischer Topklubs auf deutsche Siegertypen wachsen lassen – noch ohne Erfolg bei Spielern wie Hummels, Müller, Höwedes, Götze. Dafür nun bei Schweinsteiger. Schon vor der WM waren Mertesacker und Özil bei Arsenal. „Made in Germany“ hat im Fußball das Zeug zur Weltmarke.

          Das liegt auch am Janus-Gesicht eines WM-Sieges. Im eigenen Land folgt dem Rausch Ernüchterung, weil alles, was nach dem maximalen Triumph kommt, gefühlter Verlust ist. Erste, im Abfall der Anspannung unvermeidliche Misserfolge, wie sie Deutschland in der EM-Qualifikation unterliefen, lösen Murren und Rufe nach Auffrischung aus – und damit unterschwellig den Vorwurf, manch älterer WM-Held sei über den Zenit hinaus. Im Ausland dagegen wächst die Strahlkraft eines Weltmeisters noch.

          So bewundert der Rest der Welt auch ein Jahr nach Rio, unbeeinflusst von saisonalen Form- und Stimmungskurven, die Stärke des deutschen Fußballs. Der Schweinsteiger-Transfer spiegelt das. Er ist auch eine Folge dieser Diskrepanz von Innen- und Außenwahrnehmung. Bayern-Chef Rummenigge hatte erklärt, Schweinsteiger sei „geschmeichelt“ von den Avancen aus Manchester – von Schmeicheleien also, die man ihm in der Heimat nicht mehr machte. In England darf er sich begehrt fühlen. Begehren setzt Kräfte frei, er wird sie brauchen. Sein alter und neuer Trainer Louis van Gaal, der ihn 2009 bei den Bayern ins Spielzentrum und in die Anführerrolle holte – und damit in die Weltklasse – steht unter dem Druck, United wieder an die Spitze zu bringen.

          Nach Transferausgaben von fast 200 Millionen Euro in der Vorsaison und bereits über 50 Millionen in der neuen, denen noch weitere 100 Millionen folgen sollen, muss van Gaal Titel liefern – ein Druck, der sich auch auf Schweinsteiger übertragen wird. Dabei ist der Deutsche mit der Ablöse von angeblich 13 Millionen Pfund (rund 18 Millionen Euro) der billigste der acht Spieler, die van Gaal binnen eines Jahres geholt hat. Und damit in einer ungewohnten Rolle: der Anführer des Weltmeisters als Schnäppchen der Saison. Noch ist „Made in Germany“ im Fußball ein Premium-Produkt nur bei der Qualität, nicht bei den Preisen.

          Christian Eichler
          (cei.), Sport

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