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„Banana Banana“ statt „Bafana Bafana“ : Südafrikas Angst vor der Rückkehr in den Alltag

  • -Aktualisiert am

In die letzte Runde: Südafrikas Fans werden gegen Frankreich noch einmal alles geben Bild: AFP

Gastgeber Südafrika steht vor dem WM-Aus. Das weckt die Furcht vor halbleeren Stadien und eisiger Stimmung - und die Rückkehr von wilden Streiks und Straßenschlachten mit der Polizei. Doch noch stehen die Südafrikaner hinter der eigenen Mannschaft.

          Krise, welche Krise? Solomon Ndlela kann von Weltuntergangsstimmung nach der 0:3-Niederlage der südafrikanischen Nationalmannschaft gegen Uruguay nichts spüren. Im Gegenteil: Kurz vor dem Schicksalsspiel von „Bafana Bafana“ gegen Frankreich am kommenden Dienstag in Bloemfontein, bei dem es um nichts weniger als das wahrscheinliche Ausscheiden der Gastgeber in der Vorrunde gehen wird, verkauft der Johannesburger Straßenhändler Solomon mehr Schals und Trikots in den Landesfarben als je zuvor. „Proudly South African“, der Slogan, mit dem von Schaufeln bis zu Toilettenpapier alles beworben wird, was nicht importiert, sondern am Kap hergestellt wird, gilt erst recht für die eigene Fußballmannschaft.

          „Du kannst deine Frau verlassen und deinen Job kündigen. Aber du lässt niemals deine Mannschaft im Stich“, brachte ein Fan aus Kapstadt unmittelbar nach der niederschmetternden Niederlage in Pretoria am vergangenen Mittwoch die „Jetzt erst recht“- Haltung einer ganzen Nation auf den Punkt. Dass „Bafana Bafana“ im Volksmund inzwischen „Banana Banana“ genannt wird, hat folglich weniger mit der Enttäuschung über die Leistung der eigenen Elf zu tun als mit der Lust am Spott, dem anderen Nationalsport in Südafrika.

          Die Mannschaft aus Frankreich wird sich deshalb in ihrem letzten Vorrundenspiel gegen Südafrika auf ein Vuvuzela-Konzert in bislang unbekannter Lautstärke einstellen müssen. Ob das helfen wird, bleibt abzuwarten. Rein theoretisch hat „Bafana Bafana“ zwar noch eine Chance, den Einzug ins Achtelfinale zu schaffen. Doch es müsste schon ein Kantersieg gegen die Franzosen sein, an den trotz der bisher lausigen Vorstellung der „Equipe Tricolore“ so recht niemand glauben mag.

          „Du lässt Deine Mannschaft niemals im Stich”: Fans feuern ihre Spieler beim Training in Johannesburg an

          Vorschnelles Ende des Wintermärchens befürchtet

          Nüchtern betrachtet wird Südafrika wohl als der erste Gastgeber in die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft eingehen, der nach der Vorrunde ausscheidet. Seither treibt das lokale Organisationskomitee wie auch den Internationalen Fußball-Verband (Fifa) die bange Frage um, ob sich damit das Interesse an der ersten WM auf afrikanischem Boden den gegenwärtigen Temperaturen am Kap anpasst und auf den Gefrierpunkt sinkt. Immerhin wurden 75 Prozent aller Tickets an Südafrikaner verkauft, und das vorschnelle Ende ihres Wintermärchens könnte zu halbleeren Stadien führen. Das wäre ein Albtraum, sowohl für die Fifa als auch für die gastgebende Nation.

          Das auf ungetrübten Optimismus geeichte lokale Organisationskomitee indes will von einer einsetzenden Zuschauermüdigkeit nichts wissen. Sollte „Bafana Bafana“ tatsächlich ausscheiden, würden die südafrikanischen Fans halt die anderen Mannschaften aus dem afrikanischen „Sechserpack“ unterstützen, beeilte sich Sprecher Rich Mkhondo zu versichern - also Nigeria, Elfenbeinküste, Kamerun, Ghana und Algerien.

          Das allerdings darf bezweifelt werden. Denn nirgendwo in Afrika ist der Rassismus von Schwarzen gegen Schwarze so ausgeprägt wie in Südafrika, und nirgendwo wird der Anspruch, „etwas Besseres“ zu sein als die Menschen auf dem Rest des Kontinents, so zelebriert wie am Kap. Warum wohl hat sich kaum einer der in großer Zahl in Johannesburg lebenden Nigerianer und Ivorer seine Landesfahne ans Auto gepappt?

          Die Antwort ist einfach: So was zieht die Polizei an wie das Licht die Mücken, weil die Ordnungshüter hinter jedem schwarzen Ausländer entweder einen Drogendealer, einen Asylbetrüger oder, noch schlimmer, eine qualifizierte Arbeitskraft vermuten, die einem Südafrikaner den Arbeitsplatz streitig machen könnte. Dass die Bafana-Fans vor diesem Hintergrund plötzlich ihr Herz für ein Land wie Ghana entdecken, ist unwahrscheinlich. Eher werden sie Brasilien oder England unterstützen.

          Erinnerungen an die Pflicht, „gute Gastgeber“ zu sein

          Weil aber auch das nicht sicher ist, bemühte die südafrikanische Regierung ihren Sprecher Themba Maseko, um ihre Landsleute „in Zeiten wie diesen“ an ihre vermeintliche Pflicht zu erinnern, nämlich „gute Gastgeber“ zu sein und „das Turnier nach Kräften zu unterstützen“. Dahinter steckt allerdings nicht nur die Sorge vor einem Imageschaden, wenn das Land sich von der Weltmeisterschaft abwendet und den Rest des Turniers lieber vor dem Fernsehgerät statt in einem Stadion verfolgt.

          Dahinter steckt vielmehr die sehr konkrete Angst vor einer Rückkehr des südafrikanischen Alltags, in Ermangelung von sportlicher Ablenkung. Der war in den vergangenen zwölf Monaten durch unzählige wilde Streiks und regelmäßige Straßenschlachten mit der Polizei geprägt. Das Letzte, was die südafrikanische Regierung als auch die Fifa zurzeit gebrauchen können, sind Bilder von fliegenden Tränengaskanistern und Gummigeschoss-Salven, die um die Welt gehen.

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