https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/babyboom-nach-wm-kinder-des-nachspiels-1413512.html

Babyboom nach WM : Kinder des Nachspiels

Am Anfang war der Kuss: Deutschland war im Liebestaumel
          3 Min.

          Und nun das deutsche Wintermärchen. Gut acht Monate nach dem Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft am 9. Juni 2006 zeigt das deutsche Sommermärchen ungeahnte Spätfolgen. Die Geburtsvorbereitungskurse in einigen WM-Städten sind voll wie nie zuvor, viele Entbindungsstationen und Geburtshäuser für die kommenden Monate schon jetzt ausgebucht. Genaue Zahlen, wie stark die Geburtenrate steigt, wird es erst in einigen Monaten geben. Aber schon jetzt steht fest, dass sich in Deutschland ein kleiner Baby-Boom ankündigt.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Die Euphorie im Spiel hat bei vielen offenbar noch angehalten und wurde nach dem Abpfiff anderweitig genutzt“, sagt Rolf Kliche, der in Kassel eine der größten Spezialkliniken für Geburtshilfe in Nordhesssen leitet. Für die kommenden Monate erwartet er ein Geburtenplus von zehn bis fünfzehn Prozent. „Unser Eindruck ist, dass es während der Weltmeisterschaft vor allem bei solchen Paaren geklappt hat, die bisher vergeblich versucht hatten, schwanger zu werden. Durch den Fußball rückten Sorgen, Ängste und Alltagsprobleme in den Hintergrund.“

          Deutschlands erstes WM-Baby

          Das erste WM-Baby ist schon da: Am 11. Februar wurde um 23.12 Uhr in der Kasseler Klinik das Mädchen Farina, 49 Zentimeter groß und 2735 Gramm schwer, geboren. Das Baby kam fünf Wochen vor dem errechneten Termin zur Welt und soll deshalb Deutschlands erstes WM-Baby sein. Nach zwei Jahren vergeblicher Versuche habe sie die Hoffnung fast aufgegeben gehabt, ohne medizinische Hilfe schwanger zu werden, sagt die Mutter, die 27 Jahre alte Schulsekretärin Pia Schmidt aus Frielendorf bei Kassel. „Während der WM rückte das Thema bei all dem Fußballgucken in den Hintergrund. Auf einmal hat es geklappt.“ Die übrigen Sommermärchen-Kinder erwartet die Klinik von Ende Februar an.

          Am Anfang war der Kuss: Deutschland war im Liebestaumel Bilderstrecke
          Babyboom nach WM : Kinder des Nachspiels

          Anfang April ist es bei Anja Ackermann und ihr Freund Frank Scheffer aus Lohenfelden soweit. „Eigentlich wollten wir uns in Berlin die Sehenswürdigkeiten der Stadt anschauen, doch dann packte uns das Fußballfieber“, erzählt Frank Scheffer. Fast jeden Tag hätten sie auf der Fan-Meile am Brandenburger Tor verbracht und bis spät in die Nacht gefeiert. Anja Ackermann hatte schon seit längerem vergeblich versucht, schwanger zu werden. Euphorisiert von der tollen Stimmung, fiel auf einmal der Druck von den beiden ab. „Das alles war auf einmal ganz weit weg. Auch Alltagsprobleme, über die wir uns sonst Gedanken gemacht haben, spielten plötzlich keine Rolle mehr“, sagt Frank Scheffer. Wenige Wochen nachdem das Paar gemeinsam das Halbfinale angesehen hatte, merkte seine Freundin, dass sie schwanger ist. Der kleine Sohn soll Anfang April auf die Welt kommen. Wie er heißen wird, verrät das Paar nicht. „Es gibt einen jungen Fußballer, der genauso heißt, aber in der Nationalmannschaft spielt er noch nicht.“

          Einsames Erlebnis vor dem Fernseher

          Dass Fußballfieber nicht automatisch in eine erhöhte Geburtenrate mündet, zeigte sich nach der Fußball-WM im Jahr 1990: Trotz des 1:0-Weltmeisterschaftssiegs der Deutschen gegen Argentinien brach neun Monate später die Geburtenrate in Deutschland ein. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren: Die Massenarenen des Public Viewing oder Fanmeilen, Orte, die dazu prädestiniert sind, Emotionen zu schüren, gab es damals noch nicht. Der Fußballgenuss war zumeist ein einsames Erlebnis vor dem Fernseher - zu euphorischen Ausnahmezuständen ganzer Innenstädte wie im Sommer 2006 kam es nicht.

          Anders als bei der Weltmeisterschaft 1990 begeisterten sich diesmal außerdem auch sehr viele Frauen für das Turnier - die Freude über ein Tor wurde mit dem Partner geteilt. Für Paare, die sich ein Kind wünschen, sind das gute Voraussetzungen, sagt Daniela Degen, Hebamme in einer Hebammenpraxis in Köln: „Eine Schwangerschaft funktioniert nicht wie ein Computerprogramm, das man per Knopfdruck aktiviert. Das hat sehr viel mit Emotionen zu tun. Eine gute Grundstimmung des Paares verbessert die Chancen, dass es mit der Empfängnis klappt.“

          Aus dem Sommer kommende Wintermärchen

          Doch nicht jeder möchte an das aus dem Sommer kommende Wintermärchen im Kreißsaal glauben. Klaus Vetter, Leiter der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes Klinikum in Berlin-Neukölln, vermutet, dass sich im Fieber der Weltmeisterschaft einfach mehr Frauen und Männer in wilde Liebesabenteuer gestürzt hätten, als dies normalerweise üblich sei. „Während der Faschingszeit verlieren schließlich auch viele Leute ihre Hemmungen. Die Zustände auf den Fanmeilen glichen oft einer Party in der fünften Jahreszeit.“

          Die Babynahrungshersteller reagieren bisher gelassen auf den erwarteten kleinen Baby-Boom. „Sollte die Nachfrage wirklich steigen, fangen wir das ohne Schwierigkeiten ab. Schließlich haben wir auch Produktionsstätten außerhalb von Deutschland“, sagt Stefan Stohl von Milupa. Sorgen scheint man sich dagegen in der Schweiz zu machen. Dort findet neben Österreich im Jahr 2008 die Fußballeuropameisterschaft statt. Ein Schweizer Radiosender, erzählt Rolf Kiche, habe schon bei ihm in der Klinik angefragt, wie sich das Alpenland am besten für einen möglichen Baby-Boom wappnen könnte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Stand der Forschung : Warum altern wir?

          Ist der Alterungsprozess unüberwindbar? Oder bloß eine Krankheit, die man mit den richtigen Mitteln bekämpfen kann? Wir erläutern den aktuellen Stand der Forschung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.