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Babelsberg vorerst gerettet : Filmreifer Fußball-Krimi: „Woche des Wahnsinns“

Gute Nachricht aus Frankfurt: Babelsberg erhält die Lizenz Bild: dpa

Affären, Ermittlungen und Männer im Zwielicht: Fußball-Drittligaklub SV Babelsberg 03 hat mit der Vergangenheit zu kämpfen. Die Babelsberger entgehen in einer „Woche des Wahnsinns“ doch noch dem Abgrund und erhalten die Lizenz.

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          Thomas Bastian ist Kinobetreiber in Potsdam, aber am Montag hat er die Hauptrolle in einem Stück seiner Stadt übernommen, das Stoff für einen Film hergibt, wie man ihn in Deutschland noch nicht gesehen hat. Es ist eine abenteuerliche Geschichte um Fußball, Filz und Fans. Eine Geschichte, wie sich eine Seilschaft aus Politik, Wirtschaft und Sport im Osten eines Vereins bemächtigt, mit ihm glänzen will, aber am Ende daraus ein Fall für die Staatsanwaltschaft wird und der Verein vor dem Abgrund steht - und wie die Anhänger gegen die Machenschaften protestieren, auf die Straße gehen und sich zusammen mit einem neuen Präsidenten aufmachen, den Verein zu retten.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als am Mittwoch um 14.54 Uhr das Fax vom Deutschen Fußball-Bund beim SV Babelsberg 03 eingeht, dass der Klub in der kommenden Saison die Lizenz für die Dritte Liga erhält, verkündet Präsident Bastian die Nachricht unter dem Jubel der Fans im Stadion. Ein Happyend, so scheint es, wie aus der Filmstadt Babelsberg. In Wirklichkeit aber sagt der Präsident: „Wir haben viel Arbeit vor uns, sonst stehen wir in einem Jahr vor dem gleichen Problem.“

          Am vergangenen Samstag hatten rund tausend Anhänger in der Potsdamer Innenstadt unter dem Motto „Bekenne Farbe für die Sportstadt“ demonstriert. Aber der Zug der Anhänger hatte auch ein konkretes Ziel, er formierte sich hinter dem Transparent „Vorstand raus“. Der Präsident des Klubs war da noch Rainer Speer, bis vergangenen September auch Brandenburgs Innenminister, zuvor Finanzminister. Der SV Babelsberg 03 wurde in diesen Tagen zu einem Symbol für ein System in der Landeshauptstadt, in dem wenige Männer mit viel Einfluss Doppelpass in Politik, Wirtschaft und Sport spielen und dabei immer wieder für Affären sorgen.

          Liebesbekundungen in Plätzchenform
          Liebesbekundungen in Plätzchenform : Bild: dpa

          Die Staatsanwaltschaft ermittelt

          Zu diesen Männern gehört auch Peter Paffhausen, bis vor wenigen Tagen Aufsichtsratschef des Klubs und Chef der Stadtwerke in Potsdam. Am Montag durchsuchte die Staatsanwaltschaft die Geschäftsstelle des SV Babelsberg sowie die Wohnung des früheren Stadtwerke-Chefs und die Geschäftsräume der Potsdamer Stadtwerke wegen angeblich illegaler Bürgschaften für den Klub. Paffhausen soll zwei Spielzeiten lang die Etatlücken des Klubs mit Bürgschaften einer Stadtwerke-Tochter ausgeglichen haben, an den Aufsichtsgremien vorbei.

          Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue. Von seinem Posten bei den Stadtwerken war Paffhausen zurückgetreten, weil das Unternehmen eine Detektei eines ehemaligen Stasi-Mitarbeiters beauftragte hatte, eine andere Firma auszuspähen.

          Der Druck auf Speer wuchs täglich

          Im Vorstand und Aufsichtsrat des Klubs befanden sich neben Speer bis zuletzt aber auch noch ein paar andere Männer, die ins Zwielicht gerieten. Schlagzeilen in Potsdam machte der Verkauf eines Militärgeländes durch den ehemaligen Babelsberg-Vorstand Frank Marczinek an einen Investor zu einem angeblich viel zu niedrigen Preis. Auch Speer war an der Sache als Finanzminister beteiligt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Marczinek wegen Untreue in einem schweren Fall zu Lasten des Landes. Der Untersuchungsausschuss des Landtags geht der Frage nach, ob Speer in dieser Sache mit seinem Sportsfreund auch Geschäfte gemacht hat.

          Erst unmittelbar nach Paffhausens Rücktritt wurde die Finanzkrise des SV Babelsberg offenkundig. Präsident Speer gab bekannt, dass auf einmal rund 1,4 Millionen Euro im Etat von 2,7 Millionen Euro fehlten - es blieben nur noch rund zwei Wochen, um das Loch zu stopfen. Der Druck auf Speer wuchs täglich. Am vergangenen Montag, zwei Tage vor Abgabefrist der Lizenzunterlagen, war Bastian auf einer Vorstands- und Aufsichtsratssitzung einstimmig zum neuen Präsidenten gewählt worden. Speer, der bis zuletzt um sein Amt gekämpft hatte, war nicht mehr zu halten gewesen. Am Dienstag fand dann, wenige Stunden nach der Razzia, eine außerordentliche Mitgliederversammlung über die Zukunft des Vereins statt. Als neuer Präsident rief Bastian den rund 180 Mitgliedern zu: „Wir brauchen unverdächtige Leute, von denen keine Affären und Skandale zu erwarten sind.“

          Kein schlechter Krimi-Titel

          Die Fans hatten da längst ihren Beitrag zu einem Neuanfang geleistet. Sie sammelten rund 100.000 Euro auf einem Bürgschaftskonto, indem sie sich öffentlich die Haare für 1.000 Euro abschnitten, Flaschenpfand für den Verein spendeten, Trikots und Teile des Rasens des Karl-Liebknecht-Stadions ersteigerten und SMS für fünf Euro zum Wohle des Klubs verschickten. Auf der Mitgliederversammlung sprachen sie sich für einen wirtschaftlich soliden Weg aus, für den sie notfalls auch den Abstieg in die fünfte Liga akzeptierten. Aber den Namen des Stadions wollten sie keinem Sponsor opfern.

          Am Mittwochvormittag, wenige Stunden vor Lizenzierungsschluss um 15:30 Uhr, machte der neue Vorstand im Zusammenspiel mit der Stadt (700.000 Euro) und einer Bank (600.000) die nötigen Bürgschaftsgelder locker. „Eine Woche des Wahnsinns“, sagt Präsident Bastian. Kein schlechter Titel für den Krimi in der Film- und Fußballstadt Babelsberg.

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