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Avantgarde auf dem Rasen : Wenn der Ball spricht

Kampf um den Ball mit allen Mitteln, hier bei der Partie Real gegen Barca Bild: dpa

In der Gegenwärtigkeit des Fußballs zeigt sich der perfekte Augenblick. Die „kreiselnden Katalanen“ (Barcelona) oder der „One-Touch-Football“ (Arsenal) sind nicht nur ein sportliches Erfolgsrezept. Sie sind zugleich ein ästhetisches Phänomen.

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          Zu den Herzensergießungen fußballliebender Feuilletonisten gehören seit langem die Konferenzschaltungen zwischen Fußball und Gesellschaft. Da wurden schon Netzers öffnende Pässe zur Fortsetzung von Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“, und später saß dann auch noch Berti Vogts als Statthalter Helmut Kohls auf der Bundestrainerbank. Mehr als ein paar vage Analogien, die einem weder Brauchbares über Fußball noch über Politik erzählen, sind dabei nie herausgekommen, weil Fußball eben nur als Metapher verstanden und erst damit feuilletonkompatibel wird. Deshalb hat die seit einigen Jahren von Traditionalisten beklagte sogenannte Verwissenschaftlichung des Fußballs einen erfreulichen Nebeneffekt: Das Spiel selbst steht im Vordergrund, der Rasen hört auf, bloße Projektionsfläche zu sein.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Natürlich hat diese Entwicklung etwas mit Geld zu tun und auch mit Technologie, doch weil Geld bekanntlich noch immer keine Tore schießt und Computer Leistung zwar genauer messen, aber nicht steigern können, wird die Gegenwart des Spiels weiterhin auf dem Platz definiert. Es ist auch kein geheimes Wissen, dass man, wenn vom modernsten Fußball die Rede ist, welcher zurzeit auf der Welt gespielt wird, auf Arsenal London oder den FC Barcelona schaut und weniger auf den FC Chelsea oder AC Mailand; dass man die deutsche Bundesliga samt dem FC Bayern ignoriert und eher die Nationalmannschaft erwähnt, wo der Betreuerstab auf der Höhe der Zeit operiert und beweist, dass auch mit Spielern, die nicht zaubern können, ein Fußball gespielt werden kann, der nicht aussieht wie eine Retrovariante.

          Unter zwei Sekunden

          Wie Geschäft, sportlicher Erfolg und Ästhetik des Spiels heute ineinandergreifen, wird klar, wenn man sich den spanischen „El clasico“ am vergangenen Sonntag anschaut. Die Anfangsformationen von Real Madrid und dem FC Barcelona stellten zusammen einen Marktwert von 600 Millionen Euro dar, das Spiel wurde in mehr als hundert Länder übertragen; es wurde kein berauschender Fußball geboten, doch beide Teams bewegten sich taktisch und technisch auf einem Niveau, in dem das Spiel zu sich selbst fand - gerade weil Real nicht einfach Barcelonas typische Ballzirkulationen zerstörte, sondern aus der Unterbindung des Flusses sein eigenes Spiel entwickelte. Woran man auch gut sehen konnte, dass Dramaturgie eines Spiels und Dramatik nicht ein und dasselbe sind, auch wenn Fernsehkommentatoren beides nach wie vor nicht auseinanderhalten können.

          Kapitän Ballack und der Ball: Mit „One-Touch-Football” zum EM-Titel?
          Kapitän Ballack und der Ball: Mit „One-Touch-Football” zum EM-Titel? : Bild: dpa

          Was an diesem Fußball modern ist oder ein Indiz für Gegenwärtigkeit, das hat Parameter, das ist aber auch ohne Wissenschaft mit bloßen Augen zu sehen. Die Schlüsselbegriffe heißen hohes Tempo und ständige Raumbeherrschung, und es ist bezeichnend, dass auch in der deutschen Nationalmannschaft unter Joachim Löw daran gearbeitet wurde, die durchschnittliche Zeit des Ballbesitzes von 2,8 auf 1,9 Sekunden zu senken - was übrigens eine schöne Parallele zum Hollywood-Kino liefert, wo heute die durchschnittliche Einstellungslänge in einem Blockbuster wie dem „Bourne Ultimatum“ knapp unter zwei Sekunden liegt.

          Der „One-Touch-Football“ des FC Arsenal, bei dem der Ball nach nur einer Berührung direkt weitergespielt wird, möglichst mit Raumgewinn, ist ein Pendant dazu; er setzt, weil jedes Fußballspiel auch eine Geschichte erzählt, ähnliche Wahrnehmungsgewohnheiten beim Publikum voraus - und zugleich einen Spielertypus, der nicht nur über hohe athletische Fähigkeiten, sondern auch über außergewöhnliche Körperkoordination, Spielintelligenz und Balltechnik verfügt. Es ist, wenn man so will, eine Form von Arbeit, bei der höchste individuelle Leistungsfähigkeit sich nur in der Vernetzung der Tätigkeiten entfalten kann, bei der Antizipationsvermögen für das Unerwartete und die Routine einstudierter Spielzüge gleichwertig sind.

          Das Prinzip der Ballzirkulation

          Jeder, der sich regelmäßig Fußballspiele anschaut, hat das zumindest unbewusst bemerkt, doch wenn man dann auf der Documenta vor Harun Farockis Videoinstallation „Deep Play“ stand, welche auf zwölf Monitoren das WM-Endspiel zwischen Italien und Frankreich seziert, dann machten einem die mobilen Punkte, die Vektoren und Diagramme die Systematik eines Spiels klarer, weil diese ungestört von Trikotfarbe, Werbebanden und Reportergebrabbel gewissermaßen auf den Begriff gebracht wird. Wie in einer geheimen Choreographie bewegen sich da zum Beispiel Punkte über den Bildschirm: die italienische Viererkette bei der Arbeit, ein Mobile, das sich permanent verschiebt und auf diese Weise Räume schließt oder öffnet. Man könnte das einen paradoxen Effekt nennen: In der abstrakten Darstellung wird plastischer, warum den Franzosen kein Tor aus dem Spiel gelang.

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