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Avantgarde auf dem Rasen : Wenn der Ball spricht

Auch das Prinzip der Ballzirkulation beim FC Barcelona wird transparenter, wenn man in einer Video-Analyse sieht, wie der Spielaufbau von Barca meist durch die Mitte beginnt und nicht über die Außenbahnen, weil das mehr Optionen lässt: Man kann über rechts, links und durch die Mitte spielen und den vertikalen, „tödlichen“ Pass aufschieben; von außen dagegen bleiben nur die Mitte und der Flankenwechsel. So wird erkennbar, mit welchen Mustern die Geschichte eines Spiels geschrieben wird und wie das Ausfransen der Muster den Lauf der Geschichte bestimmt.

Diese Geschichte eines Spiels spielt immer: jetzt. Dieses Jetzt ist Vernetzung, Verzahnung, Ineinandergreifen, Verlust der Trennschärfe zwischen typischem Abwehr- und typischem Angriffsverhalten. Was wir Gegenwart nennen, ist, wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler mal gesagt hat, nicht breiter als eine Rasierklinge. Was einen bestimmten Stil ausmacht, das ähnelt einer aufwendigen Plansequenz im Kino, wo es um die Einheit von Zeit und Raum und eine Vielzahl einander ergänzender Bewegungen geht, die im Training minutiös einstudiert werden müssen wie bei den aufwendigen Proben für eine Filmszene. Eine typische Spieleröffnung des FC Arsenal ist, so gesehen, Visconti in High-Speed. Es geht dabei immer auch um eine bestimmte Vorstellung des Spiels: Was im Kino die Rhetorik der Bilder und der Montage ist, das ist im Fußball eine differenzierte Taktik.

Effiziente Elemente

Das Spiel, welches eine Mannschaft vorführt, spricht eine bestimmte Sprache, und sein Reichtum, seine Effizienz und seine Schönheit hängen davon ab, wie variabel sich die einzelnen Elemente dieser „Sprache“ kombinieren lassen - und wie erfolgreich der Gegner das verhindern kann. Deswegen erfreut sich vermutlich auch die Metapher „ein Spiel lesen“ so ungebrochener Beliebtheit.

Natürlich kann, im Gegensatz zur Plansequenz im Kino, eine Idee im Fußball nicht so ungehindert aufgehen. Jeder Grad an Perfektion ist prekär, alle Automatismen sind störanfällig. Was den Reiz des Spiels ausmacht, ist auch seine zentrale Eigenschaft: Emergenz, also die spontane Herausbildung von Phänomenen oder Situationen innerhalb eines Systems. Einstudierte Spielzüge und taktische Schulung sind Antworten auf solche Situationen, doch der geringste Abfall der Konzentration, der kleinste Geschwindigkeitsverlust können diese Antwort unwirksam werden lassen. Dennoch, und daran lässt sich die Qualität eines Systems (oder einer Mannschaft) erkennen, ist einer Spielanlage selbst an schlechten Tagen abzulesen, welche „Sprache“ eine Mannschaft spricht.

Dreckverkrustete Trikots, Verzweiflung und Erschöpfung

Deshalb sind die „kreiselnden Katalanen“ (Christoph Biermann) des FC Barcelona oder der „One-Touch-Football“, den Arsenal repräsentiert, nicht nur ein sportliches Erfolgsrezept. Sie sind zugleich ein ästhetisches Phänomen; ein Stil, in seinen fließenden Bewegungen, seiner enormen Komplexität, in seinem Voraussetzungsreichtum. Wäre man Platoniker, würde man sagen: Diese Stile haben an der Idee des Spiels in einer ganz besonderen Weise teil. Sie schöpfen das Potential aus, das in der Bewegung von 22 Spielern und einem Ball in den Grenzen eines Raums und eines Regelwerks liegt. Es ist eine Art und Weise, ein Spiel zu gestalten, Erfahrung und Können immer wieder in reine Präsenz umzuwandeln, die ein Publikum begeistert oder mindestens gut unterhält, ohne dass jeder begreifen müsste, was da genau vor sich geht - es entsteht darin so etwas wie die flüchtige Schönheit einer Folge von Bewegungen.

Und wer beim Fußball unbedingt den Schweiß spüren, wer dreckverkrustete Trikots, Verzweiflung und Erschöpfung in den Gesichtern der Spieler sehen will, der kommt auch bei diesen Systemen noch immer auf seine Kosten, weil sie in ihrer Geistesgegenwärtigkeit so prekär sind. Als im Kampf des Neuen gegen das Alte, im Spiel von Arsenal gegen Chelsea, neulich um jeden Meter Boden gerungen wurde, weil Chelsea den Arsenal-Flow immer wieder verebben ließ, da sagte Arsenals Trainer Arsène Wenger nach dem 1:0 seiner Mannschaft den schönen und klugen Satz: „When our football didn't speak anymore, we had to give something else: character.“

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