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Kommentar : Türkisches Rentnerparadies für Fußballprofis

Wechselt nach Istanbul: Mario Gomez wird in der Türkei nicht der einzige Ex-Torjäger sein Bild: AP

Und nun auch noch Mario Gomez: Viele ehemalige Torjäger wechseln vor der kommenden Saison in die türkische „Süper Lig“. Das ist beachtlich, denn wirklich gut geht es dem türkischen Fußball nicht.

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          München, Florenz, Istanbul – Mario Gomez hat ein Faible für Städte mit Flair. Zugleich ist die Route seiner Karriere seit dem Ende bei den Bayern 2013 eine Reise in den Bedeutungsverlust. Der AC Florenz mochte für den einst besten deutschen Torjäger noch die Chance zur sportlichen Rehabilitierung versprechen, die er, auch durch Verletzungspech, nicht nutzen konnte. Doch Besiktas Istanbul wirkt nun nicht mehr wie ein Sprungbrett zurück ins Rampenlicht oder gar ins deutsche EM-Team, sondern wie die Einweisung ins Endlager für Ex-Torjäger.

          Van Persie, Podolski, Eto'o, Quaresma, Nani, Gomez – sie alle sind in diesem Sommer in der türkischen „Süper Lig“ gelandet. Es sind große Namen, sie haben alles gewonnen und alles getroffen. Nun aber wirken sie wie Enkel von Gloria Swanson als alte Stummfilm-Diva in Billy Wilders Hollywood-Klassiker „Boulevard der Dämmerung“. „Sie waren einmal groß“, sagt der Reporter. Sie entgegnet: „Ich bin groß. Es sind die Filme, die klein geworden sind.“

          Krise im türkischen Fußball

          Atmosphärisch ist die Türkei großes Kino, unbedarfte, wild begeisterte Fans freuen sich über den eitlen Wettlauf der Präsidenten, ihnen große Namen zu schenken, egal wie wenig die Leistung dem Ruhm noch gerecht werden mag. In diesem Klima der Heldenverehrung kann man sich ein wenig sonnen als Altstar. Aber es ist, abgesehen von einigen Istanbuler Derbys, nur eine Provinzbühne des Fußballs. 6000 Zuschauer beträgt der Zuschauerschnitt der „Süper Lig“, weniger als in der 3. Liga in Deutschland.

          Auch der Niederländer Robin van Persie kickt jetzt in der Türkei
          Auch der Niederländer Robin van Persie kickt jetzt in der Türkei : Bild: AFP

          Das türkische Nationalteam hat in sechs Spielen der EM-Qualifikation nur gegen Kasachstan gewonnen und wird wohl zum vierten Mal hintereinander ein großes Turnier verpassen. Die Top-Klubs begleiten den Absturz mit Skandalen und dem ruinösen Wettbieten um zweibeinige Trophäen. So wird Podolski und Gomez ihr sportlicher Vorruhestand mit jeweils mehr als drei Millionen Euro pro Jahr versüßt. Europäisch konkurrenzfähig ist man dennoch nicht. Fenerbahce, nach zwei Jahren europäischer Sperre wegen der gekauften, aber nicht aberkannten Meisterschaft 2011 wieder startberechtigt in der Champions League, steht nach dem 0:0 im Hinspiel gegen Schachtar Donezk schon zwei Runden vor Erreichen der Gruppenphase vor dem Aus – trotz Einkäufen für über dreißig Millionen Euro.

          Gomez, vor drei Wochen dreißig geworden, wirkt noch jung für das Fußball-Frührentnerparadies. Doch fällt auf, wie früh der Stürmertyp, den sich die Bayern 2009 die Bundesliga-Rekordsumme von 30 Millionen Euro kosten ließ, im taktischen Tempo des Fußballs in die Jahre gekommen ist. Wenn man genau hinschaut, war das schon beim großen Bayern-Triumph 2013 so. Ja, es ist wahr, auch wenn man es leicht vergisst: Gomez war am Triple beteiligt. Allerdings eher als Fußnote: eingewechselt in der vierten Minute der Nachspielzeit im Champions-League-Finale von London. 24 Sekunden, null Ballkontakte. Vielleicht waren es die letzten Momente des Mario Gomez auf der großen Fußballbühne.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

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