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Fußball-Asienmeisterschaft : Gottes Tore, Infantinos Ideen

Die Asienmeisterschaft läuft: Saudische Spieler nach dem Sieg gegen Libanon. Bild: AFP

Politische Ränkespiele rund um den Fußball: Bei der Asienmeisterschaft vergeht kaum ein Tag ohne Spiel zwischen politisch verfeindeten Staaten. Und auch der Fifa-Präsident bekommt Widerspruch aus Qatar.

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          Als der Fernsehkommentator noch einmal Kampfgeist und Großtaten beschwört, platzt den Männern im Kaffeehaus der Kragen. Der Libanon liegt gegen Saudi-Arabien 0:2 zurück und zeigt nicht gerade ansehnlichen Fußball. „Hör doch auf, uns für dumm zu verkaufen“, ruft einer dem Fernseher zu und klingt dabei, als meine er nicht nur den patriotischen Kommentator des staatlichen Senders. Wer hier im dichten Dunst von Zigaretten und Wasserpfeifen das Gruppenspiel der Asienmeisterschaft verfolgt, hat nicht nur zu den Darbietungen der libanesischen Fußball-Nationalmannschaft ein angespanntes Verhältnis – sondern auch zum libanesischen Staat selbst, der, was fragwürdige Leistungen angeht, in seiner eigenen Liga spielt.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Das Kaffeehaus liegt in „Dahiyeh“, den südlichen Vorstädten der Hauptstadt Beirut, in denen die Hizbullah (Partei Gottes) das Sagen hat. Die schiitische Organisation ist ein mächtiger Staat im Staat. Ausländer werden hier misstrauisch beäugt, bis klar ist, dass die Medienabteilung „der Partei“ über ihren Besuch informiert ist. Es ist die Sorte von Lokal, von der es heißt, es diene der Hizbullah als Nachrichtenzentrale für das, was in den umliegenden Straßen vor sich geht. Auf den Plastikstühlen sitzen ausschließlich männliche Zuschauer, die in der Mehrzahl Jogginghosen mit Daunenjacken kombinieren.

          „O mein Herr, O mein Erlöser“

          Es ist ein schmuckloser zugiger Raum, in dem erst Stimmung aufkommt, als der libanesische Mittelfeldspieler Georges Melki seinem Gegner scharf an der Grenze der Tätlichkeit mit dem Ellenbogen zu Leibe rückt. Er wird mit einem sehr schiitischen Ausruf angefeuert, der ins Deutsche übersetzt etwa „O mein Herr, O mein Erlöser“ bedeutet. Den Gegner der Libanesen mögen die Männer im Kaffeehaus noch weniger als die eigene Regierung: Saudi-Arabien. „Gott hat ein Tor für euch geschossen“, giftet einer nach dem frühen 0:1 und spielt damit auf den puritanischen Staatsislam des sunnitischen Königreiches an.

          Die Konflikte in der arabischen Welt gehen auch an der Fußball-Asienmeisterschaft, die in diesen Tagen in den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgetragen wird, nicht spurlos vorbei. Sportfunktionäre und Spieler arabischer Teilnehmer haben häufiger die Trennung von Sport und Politik beschwören müssen. Bernd Stange zum Beispiel, der Deutsche war bis vor wenigen Tagen Trainer der syrischen Nationalmannschaft.

          „Weniger Fans als Nordkorea“: Qatars Nationalspieler im Spiel gegen Libanon.

          Gegner des Machthabers Baschar al Assad schimpfen, das sei nicht das Team Syriens, sondern das Team Assads, der den Fußball für Propagandazwecke missbrauche. Spieler waren im Zuge des Krieges in den Fängen des Regimes verschwunden und auf den Schlachtfeldern getötet worden. Nach dem zweiten Spiel, dem 0:2 gegen Jordanien, wurde Stange entlassen. Abwehrspieler Ahmad al Saleh sagte, Stange trage an den Ergebnissen „zu 100 Prozent“ Schuld. „Der ehemalige Trainer hatte nicht die richtigen Pläne für uns, und das Ergebnis sehen wir ja.“ Am Dienstag verloren die Syrer ohne Stange gegen Australien 2:3. Damit ist der Auftritt der Syrer bei einem internationalen Turnier seit Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 vorüber.

          Im Zeichen politischer Spannungen

          In einer anderen Gruppe spiegeln sich die politischen Konflikte besonders stark. In der Gruppe E, in der auch der Libanon spielt und der in der libanesischen Presse ganz arglos der Titel „Todesgruppe“ verliehen wurde. Hier stößt bei mancher Paarung die verbindende Kraft des Fußballs schnell an ihre Grenzen. Neben dem Libanon und Saudi-Arabien ist Qatar vertreten. Nordkorea ist in dieser Konstellation noch der am wenigsten heikle Gruppenteilnehmer. Wenn der Libanon auf dem Fußballfeld gegen Saudi-Arabien untergeht, dann kann man im Libanon eben nur schwer ausblenden, dass Saudi-Arabien massiv Einfluss auf die libanesische Innenpolitik nimmt, dass der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman im Herbst 2017 den libanesischen Regierungschef Saad Hariri ins Königreich beorderte, festsetzte und zum Rücktritt zwang. In den Hizbullah-Vierteln Beiruts ist Saudi-Arabien besonders verhasst, weil das Königreich ein erbitterter Feind des iranischen Regimes ist, das wiederum die libanesische Schiitenorganisation fördert und lenkt.

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