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AS Livorno : Aufgeblüht wie ein Bolschewik beim Klassenkampf

  • -Aktualisiert am

Livornos „Links-Außen”: Kapitän Cristiano Lucarelli Bild: AP

Ganz Fußball-Italien scheint von den Berlusconis besetzt. Ganz Italien? Im Westen des Stiefels liegt zwar kein gallisches Dorf, aber der AS Livorno ist hervorragend in die fußballerische Asterix-Rolle hineingewachsen.

          Ganz Fußball-Italien scheint von den Berlusconis, die mit Mediengeldern, Schulden und immer teureren Spielern den Sport ruinieren, besetzt. Ganz Italien? Im Westen des Stiefels liegt zwar kein gallisches Dorf, das sich tapfer gegen die Übermacht des Geldes wehrte. Aber der AS Livorno ist in den letzten zwei Jahren hervorragend in die fußballerische Asterix-Rolle hineingewachsen.

          Der kommunistische Klub liegt zu Beginn des neuen Jahres nahezu sensationell auf dem fünften Tabellenrang der Serie A, hat am Sonntag beim direkten Rivalen Sampdoria Genua locker 2:0 gesiegt und fühlt sich langsam reif für die Champions League. Und während Berlusconis AC Mailand der Tabellenspitze um neun Punkte hinterherhinkt, reiben sich die politischen und sportlichen Gegner die Hände. Livornos Fan-Artikel gehen weg wie einst rote Fahnen zur Maiparade, und in aller Welt sprießen Fanklubs aus dem Boden.

          Hunderte Fans mit Piratentuch

          Aber was bedeutet in Italien ein „kommunistischer“ Verein? Gehört dieser Klub ohne Historie nicht auch einem reichen Geschäftsmann, in diesem Fall dem Reeder und Transportunternehmer Aldo Spinelli, und wird er nicht auch nach kapitalistischen Regeln geführt? Wie so vieles im Land südlicher Leidenschaft ist hier die Symbolik das Entscheidende: In Livorno wurde 1921 die Kommunistische Partei Italiens gegründet, und auch nach 1945 bekamen die regierenden Christdemokraten in der zerbombten Hafenstadt gegen die rote Übermacht nie einen Stich.

          Die Überzeugung der Hafenarbeiter spiegelte sich im Schicksal ihres Vereins, der lange ohne spendierfreudige Mäzene auskommen mußte. 55 Jahre dümpelte man im roten Vereinsdreß in unteren Ligen und stieg erst 2004 wieder einmal in die Serie A auf. Außer dem überaus respektablen achten Tabellenplatz, den man den Namenlosen nicht zugetraut hätte, standen für die glücklichen Genossen Tifosi ein Sieg und ein Unentschieden gegen den Erzrivalen des AC Mailand zu Buche. Und als sich dessen Patron Berlusconi ein paar ausgeraufte Haare wieder einpflanzen ließ und die Wunden mit einem Kopftuch zudeckte, posierten in Livorno plötzlich hunderte Fans mit Piratentuch auf der Tribüne des kleinen Stadio Marassi.

          Kollektiv triumphiert über verwöhnte Medienkicker

          Andere Demonstrationen wirkten erheblich geschmackloser, so die Jubelgesänge bei einer Schweigeminute für ermordete italienische Militärs im Irak oder blutige Straßenkämpfe gegen die traditionell rechtsradikalen Fans von Lazio Rom. Nach dieser Massenschlacht, die mit kollektiven Festnahmen endete, mietete Kapitän Cristiano Lucarelli spontan drei Reisebusse und begleitete seine Tifosi aus der Haft nach Hause. Der solidarische Akt war keine Überraschung, schließlich gilt der 31jährige Stürmer in Italiens Fußball als rotes Tuch.

          Als Sohn bettelarmer kommunistischer Hafenarbeiter tingelte er jahrelang durch den Profifußball, verzichtete am Ende aber auf eine geschätzte halbe Million Euro Jahresgehalt, als die Vaterstadt ihn 2003 rief. Der bullige Lucarelli blühte auf wie ein Bolschewik beim Klassenkampf, schoß Livorno quasi im Alleingang in die Serie A und beendete die letzte Saison mit 24 Treffern als Torschützenkönig. Seine prominenten Rivalen wie Schewtschenko oder Del Piero verdienen allein beinahe so viel wie Livornos gesamter Kader (nämlich gut zehn Millionen Euro), aber wie so oft in Italiens überschätztem Starzirkus triumphiert auch in der Toskana das Kollektiv über die verwöhnten Medienkicker.

          30.000 Euro Strafe für die kommunistischen Faust

          Auch andere Vereine aus der traditionell „roten“ Toskana - Siena, Empoli und das wiedererstandene Florenz - stießen ähnlich in das Vakuum nach der Finanzkrise mancher Milliardärsklubs aus Rom oder Parma. Daß der rote Rammbock Lucarelli seine Tore mit der kommunistischen Faust bejubelte, gefiel Berlusconis Verbandsfunktionären gar nicht. 30.000 Euro Strafe - obwohl kein Gesetz die Geste verbietet - nehmen sich gegen die 10.000 Euro für den untersagten Hitlergruß des faschistischen Aufwieglers Paolo di Canio von Lazio Rom auffällig hart aus.

          Solche letztlich pubertären, aber bitter ernst genommenen Geplänkel halten die Tifosi von Livorno aber nicht von ihren Lieblingsgesängen ab: der kommunistischen Hymne „Bandiera rossa“ (Rote Fahne) oder der schmissigen Widerstandsballade „Bella ciao“. Freilich hat es wohl weniger am linientreuen Liedgut als an der ausgefeilten Offensive gelegen, daß Livorni in der Hinrunde Rivalen wie Palermo, Udinese oder Genua mit dem Standardergebnis von 2:0 besiegte.

          Staatspräsident Ciampi als prominentester Fan

          Für die Taktik ist aber Trainer Roberto Donadoni verantwortlich. Ihm müssen die Spottgesänge auf Berlusconi arg in den Ohren tönen, schließlich mehrte er zwölf Jahre lang als Musterprofi unter seinem verehrten Boß beim AC Mailand Geld und sportlichen Ruhm. Wie immer in Italien, dem Land von Don Camillo und Peppone, sind die ideologischen Trennlinien also auch hier verworren.

          Und auch Livornos prominentester Fan ist nicht gerade als Stalinist bekannt: Staatspräsident und Bankier Carlo Azeglio Ciampi, 1920 (also noch vor der kommunistischen Partei) in Livorno geboren, läßt sich die Spielstände seines Klubs bei Auslandsreisen im Viertelstundenrhythmus mitteilen.

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